12 von 12 im April – go flow

Ui … kein einfacher Tag, heisst es doch, Abschied für die nächsten neun Wochen von meinem Arbeitsplatz zu nehmen. Erst zwei Wochen Ferien und dann mein 7-wöchiges Betriebspraktikum bei Judith Sympatexter in Haigerloch. Es ist härter als erwartet, Freunde und Schüler:innen zurücklassen, und die Wehmut verstärkte sich dann doch noch beim endgültigen Verschliessen der Türe.

So still und friedlich wirkt unser Schulgelände normalerweise nicht 🙂 .
Allerdings kann man sicherlich verstehen, warum ich gerne an einem so schönen Ort arbeite.
Vor genau 12 Minuten hat die erste Lektion begonnen. Meine Klasse ist am Bloggen und verarbeitet ihre Klassenlagereindrücke.
Liebe Sibylle, lieber Martin. Herzlichen Dank, dass ihr euch in meiner Abwesenheit um meine Schäfchen kümmert.
(Und ihr braucht die Schoggi nicht zu suchen, es handelt sich um ein Symbolbild 😋 )
Buon lunedÌ pomeriggio con il corso 🇮🇹
Bin gespannt, zu welchen Geschichten ihr euch inspirieren lasst 💬
Kreativität und Musse nehme ich selbstverständlich auch mit auf meine Auszeit.
Farbenfroher Abschiedsgruss
Ich habe verstanden – bin gespannt, wohin mich der Flow bringen wird 🧚

 

Weitere beinahe 200 „12 von 12 im April“ finden sich bei Draußen nur Kännchen.

Oh Birke – ABC-Etüde

Oh Birke – du symbolisierst das Leben und den Frühling. Wenn wir dich für den Maibaum wählen, dich schmücken und blumig dekorieren, dann wirst du von dem Licht des Himmels durchströmt und erscheinst als Lichtbaum.

Da erwacht auch wieder unser Glaube an die Liebe und das Glück. Mögest du uns als Sinnbild des Frühlingserwachens erscheinen. Als ein Zeichen, dass Hoffnung für uns und unsere Welt besteht. Einer Welt, die entgiftet und gereinigt an die Wiedergeburt und die Erneuerung glaubt.

Oh Birke – du symbolisierst Reinheit und Fruchtbarkeit, die zur Erneuerung und der Freude beiträgt.

Das erste Mal, dass ich bei Christianes ABC-Etüden mitmache. Die Wortspende für die Textwochen 12/13 des Jahres 2022 stammt von Maren mit ihrem Blog Ich lache mich gesund. Sie lautet: Birke, blumig, entgiften.

Christiane liefert die Begriffe und die Aufgabe: 3 Begriffe in maximal 300 Wörtern.

Stundenplan 3. Sek – Wahlfächer

In der 3. Sek, dem letzten Schuljahr der öffentlichen Schule, können unsere Schüler:innen aus einer reichen Palette von Wahlfächern wählen und so ihren ganz persönlichen Stundenplan zusammenstellen.

Die Lektionenzahl der Schüler:innen beträgt 32 bis 36 Lektionen. Die A-Schüler:innen können über 7-11 Lektionen, die B-Schüler:innen über 9-12 Lektionen frei bestimmen. Das Wahlfachangebot an unserer Schule ist sehr vielfältig.

Es ist uns Lehrpersonen ein Anliegen, dass unsere Schüler:innen bis ans Ende des Schuljahres motiviert zur Schule und in den Unterricht kommen. Keine leichte Aufgabe. Haben doch schon viele Schüler:innen bereits im November ihre Lehrverträge unterzeichnet, was zur Folge hat, dass sie sich innerlich von der Schulzeit verabschieden und es kaum erwarten können, endlich ins richtige Leben entlassen zu werden.

Jahr für Jahr engagieren wir uns dafür, ein vielfältiges, abwechslungsreiches und buntes Programm zu offerieren. Unsere Schule zeichnet sich unter anderem durch die Diversität der Lehrpersonen aus. Ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, Interessen und Kompetenzen führen dazu, dass sich das Angebot an Wahlfächern immer wieder verändert und breit gefächert aufgestellt ist.

So wird etwa das Wahlfach Auftrittskompetenz angeboten, seit eine ausgebildete Schauspielerin und Regisseurin an unserer Schule tätig ist. Das Wahlfach Schreiben, dass ich bisher anbot, entwickelte sich in diesem Schuljahr zum Wahlfach Bloggen, da ich zu bloggen begann und die positiven Effekte auch unseren Schüler:innen zugänglich machen will.

Unser Jahrgangsteam legt grossen Wert darauf, dass die Jugendlichen nicht nur kognitive Fächer wählen, sondern dieses letzte Schuljahr auch dazu nutzen, ihren Neigungen und Interessen abseits des gewählten Berufes nachzugehen. Wir sind überzeugt, dass kreative, musische und sportliche Fächer wichtig für die Entwicklung von Jugendlichen sind und im späteren Leben, d.h. in der Berufsschule oder im Gymnasium eher durch kognitive Fächer verdrängt werden.

Aktuelles Wahlfach-Angebot

Sprachen

  • Französisch B/C
  • Englisch B/C
  • Deutsch Literatur und Theater
  • Wahlfach Schreiben (Bloggen)
  • Conversation Français
  • English Cultural studies
  • Italiano
  • English Cambridge exams

Gestalten

  • Bildnerisches Gestalten
  • 3D Gestalten
  • Schmuckkurs
  • Fotografieren
  • Textiles Gestalten
  • Technisches Gestalten

Bewegung und Sport

  • Fussball gemischt
  • Fussball Mädchen
  • Basketball
  • (Beach-)Volleyball
  • Unihockey
  • Handball
  • Spielmix
  • Badminton
  • Klettern indoor
  • Fit mit Yogaelementen
  • Fitnesstraining

Mathematik / Geometrie

  • Geometrie A
  • Geometrie B/C
  • Geometrisches Zeichnen

Natur, Mensch, Gesellschaft

  • Staatskunde
  • In 40 Lektionen um die Welt
  • Elektronik
  • Chemie
  • Ethik, Kulturen und Religionen
  • Wirtschaft, Arbeit, Haushalt
  • Mittags-Hit (kochen & essen)

Musik

  • Band & Chor
  • Computer und Musik – Musik selbst programmieren
  • Trommeln

Medien und Informatik

  • Office Grundlagen
  • Office ECDL
  • Robotik/Programmieren

Berufliche Orientierung

  • Auftrittskompetenz
  • Berufswahlcoaching

In den folgenden Beiträgen werde ich einen Einblick in diejenigen Wahlfächer geben, die ich dieses Jahr unterrichte.

  • Bloggen
  • Berufswahlcoaching
  • Conversation Français
  • Ethik, Kulturen und Religionen
  • Französisch B/C
  • Italiano
  • Staatskunde

Meine persönliche Meinung zu den Stundenplänen der 3. Sek

Durch die Wahlfächer schaffen wir die Voraussetzung, dass alle Schüler:innen ihren eigenen Stundenplan gestalten können, der ihren Interessen und Neigungen entspricht. Die Lektionen finden nicht mehr im Klassenverband statt, sondern mit Gleichgesinnten. Gleichzeitig sind wir als Lehrpersonen motiviert, da wir unsere Herzensthemen vermitteln können.

Ich bin stolz darauf, an einer Schule zu arbeiten,

  • die gezielt und bewusst nicht nur auf kognitive Fächer setzt.
  • die musische, kreative und sportliche Angebote anbietet und fördert.
  • an welcher tatsächlich auf die Bedürfnisse und Interessen eingegangen wird.
  • in der Lehrpersonen ihre Interessen und Fähigkeiten einbringen.
  • die bereit ist, ihre Angebote jährlich zu überdenken und zu überarbeiten.

Diese Voraussetzung ermöglichen es, dass eine Qualität des Unterrichts entsteht, der sich unter meinem Claim Teamwork makes the dream work zusammenfassen lässt.

Schokoladen-Kuchen mit dem gewissen Etwas

In diesem Beitrag verrate ich dir mein Rezept für einen Schokoladen-Kuchen mit dem gewissen Extra. Rezepte für Schokoladen-Kuchen kann man nie genug haben. Und wenn er dann innen noch so richtig feucht ist, dann ist das der Himmel auf Erden. Und somit passt dieser Kuchen bestens zu Ostern und der Zeit nach dem Fasten.

Kochen und Backen entspannt mich. Wenn ich mich gestresst fühle oder einfach wieder zu mir kommen will, dann koche ich. Inspirieren lasse ich mich von alten Rezepten, neuen Ideen, auf die ich in Kochbüchern stosse und seltener von Ideen aus dem Netz.

Das Rezept, das ich hier vorstelle, stammt aus meinem Rezeptordner. Alle Rezepte, die ich ausprobierte und für gut befand, sammle ich in einem Ordner. Einem richtigen, keinen digitalen. Das Durchblättern, das Lesen meiner Anmerkungen und Anpassungen beruhigen mich und bringen mich in eine gelöste, entspannte Stimmung.

Schokoladenkuchen mit dem gewissen Etwas

Vor- und Zubereitung

Rechne für die gesamte Vor- und Zubereitung ca. 1 Stunde ein. Davon sind 35 Minuten reine Backzeit.

Materialien

Verwende eine Springform von ca. 20 cm und belege den Boden mit Backtrennpapier. Fette den Rand der Form ein und bestreue ihn mit Zucker.

Heize den Ofen auf 170 Grad vor. Der Kuchen wird in der Mitte des Ofens gebacken.

Zutaten & Verarbeitung

85g Haselnüsse, ganz

schnellere Variante: bereits gemahlene Haselnüsse oder Mandeln verwenden

85g dunkle Schokolade, fein gehackt
85g Butter, in Stücken

1 EL Brandy


85g grobkörniger Rohzucker
3 Eigelbe



2 kleine Birnen


3 Eiweisse
1 Prise Salz



200g Crème fraîche

Röste die Nüsse in einer Pfanne, bis sich die Häutchen zu lösen beginnen. Das Schälen geht einfacher, wenn du die Nüsse zwischen feuchtem Haushaltspapier hin und her bewegst. Nachdem sie abgekühlt sind, mahle sie im Cutter fein.

Gib die Schokolade und die Butter in eine dünnwandige Schüssel, die über das leicht siedende Wasserbad hängt. Die Schüssel darf das Wasser nicht berühren.

Nachdem die Schokolade geschmolzen und glatt gerührt ist, misch den Brandy darunter.

Rühre den Zucker und die Eigelbe mit den Schwingbesen des Handrührgeräts solange, die Masse schaumig ist (ca. 5 Minuten).
Mische anschliessend die Schokolade und die Nüsse darunter.

Schäle die Birnen, schneide sie in Viertel und entferne das Kerngehäuse.

Schlage die Eiweisse mit dem Salz knapp steif. Ziehe sie anschliessend mit dem Gummischaber sorgfältig unter die Masse. Fülle den Teil in die vorbereitete Form. Verteile die Birnen darauf.

Die brauchst du erst, wenn du den Kuchen servierst.

Backen

Backe den Kuchen ca. 35 Minuten bei 170 Grad in der Mitte des Ofens.

Nimm ihn heraus und lass ihn erst in der Form auf einem Gitter auskühlen. Wenn du ihn zu früh aus der Form nimmst, fällt er auseinander.

Das gewisse Etwas

Und jetzt kommt, was diesen Schokoladen-Kuchen von anderen unterscheidet 🙂 Gib vor dem Servieren einen Klecks Crème fraîche auf oder neben das Kuchenstück.

Die Kombination wird dich in den siebten Himmel katapultieren 😋 😋 😋. Versprochen!

12 von 12 – März 2022

Beinahe wäre mein 12 von 12 im März in der Hektik des Alltags untergegangen. Aber glücklicherweise nur beinahe 🙂 .

Meine heute gemachten 12 Bilder passen im Nachhinein hervorragend zu meinen unterschiedlichen Stimmungen des Tages.

Der Start in den Samstag hätte gelungener sein können. Ich hatte Kopfschmerzen und fühlte mich geschwächt.
Kein Wunder, meine Familie hatte die letzte Woche mit einer starken Grippe zu Hause verbracht, während ich fand, dass ich sicher nicht krank würde.
War ein rechter Kraftakt.
Bereits um 9 Uhr begann der Newsletter-Workshop. Eine unmenschliche Zeit für mich.
Aber gelohnt hat es sich.
Entweder bin ich inzwischen wirklich ein wenig begabter, was technische Dinge angeht,
oder Stefanie ist einfach eine begnadete Workshopleiterin.
Trotzdem fühlte ich mich wie in der Wartezone. Was war denn nur los?
Warum sah ich plötzlich so viele Schranken und Beschränkungen?
Lag es vielleicht daran, dass ich immer wieder den Anspruch an mich habe, das Rad neu zu erfinden?
Sonne, ich brauchte Sonne.
Schneeglöckchen – klein, aber so stark und mutig.
Auch Primeln traf ich an …
Und dann!! Meine Power-Lieblingsfarbe. Der Tag entwickelte sich positiv.
Und plötzlich waren Höhenflüge wieder möglich. Der HImmel war blau und blieb blau 🙂
Verbot? Nein, der Tag verlangte nach einem guten Glas Rotwein.
Was löst der aktuelle Krieg bei Jugendlichen aus?
Anstelle darüber zu sprechen und zu diskutieren, hörten meine Schüler:innen in sich hinein
und erstellten letzte Woche eine Collage.
Die Bilder sprechen eine eindrückliche Sprache.
An diesem Abend überlegte ich mir, wie ich damit weiterarbeiten werde.

Ich nehme mir die Zeit, die mir zusteht

Gastartikel: Anonym* (Wahlfach Schreiben)

Ich musste gar nicht lange überlegen, was mein Motto sein könnte, da mir Zeit für mich selbst sehr wichtig ist. Das Motto „Ich nehme mir die Zeit, die mir zusteht“ habe ich gewählt, damit ich ruhiger werde. Ich mache mir selber immer Stress mit Hausaufgaben, Tests, etc. In Zukunft möchte ich meine Zeit besser einteilen und nicht alles in der letzten Sekunde erledigen.

Ich nehme mir Zeit für mich

Denn ich habe gemerkt, dass mir regelmässige Momente, in denen ich Zeit für mich habe, in denen ich alleine bin, sehr guttun. Diese Zeit brauche ich, um meine Gedanken zu ordnen. Wenn ich wirklich dran bleibe und dieses Motto umsetze, werde ich hoffentlich bald eine Verbesserung meiner depressiven Stimmung sehen.

Ich bemerke immer wieder, dass ich fast keine Zeit habe für mich selbst und für die Menschen, die mir wichtig sind. Meist komme von der Schule nach Hause, mache meine Hausaufgaben und lege mich anschliessend erschöpft in mein Bett. Wenn ich dann so müde und alleine bin, kommen meine Depressionen immer wieder zurück und ich kann nichts dagegen tun. Das alles ist wie eine Kettenreaktion.

Ich will mich einfach mehr auf mich selber konzentrieren können und durch bewusste kleine Pausen für mich alleine versuchen oder lernen, im Alltag in der Schule weniger müde zu werden. Sodass ich meine Situation verbessern kann und eine Chance habe, gesund zu werden. Ich möchte an mir selber arbeiten, meine Leistungen zu steigern und meine Aufgaben korrekt ausführen.

Ich habe das Recht, mir Zeit zu nehmen

Seit bei mir vor 4 Jahren Depressionen diagnostiziert wurden, habe ich mir immer wieder vorgenommen, durch solche Mottos meine Situation zu verbessern. Manchmal ist es aber einfach sehr schwierig, ein solches Motto umzusetzen, vor allem, wenn es mir so schlecht geht. Das Schlimmste für mich ist aber nach wie vor, wenn es mir schlecht geht, dies niemand auffällt.

Mir Zeit für mich selber zu nehmen, ist nicht egoistisch. Jeder verdient die Zeit, die er braucht, um sich zurückziehen zu dürfen und sich auf sich selber konzentrieren zu können. Es ist gut zu realisieren, dass es okay ist, alleine zu sein. Aber man muss seine sozialen Kontakte trotzdem pflegen.

*Dieser Text wurde im Rahmen des Wahlfach Schreiben verfasst. Da er sehr persönlich ist, wird er in einem neutraleren Rahmen auf diesem Blog veröffentlicht.

Die Wahrheit ist ein Opfer des Krieges

Die Wahrheit ist ein Opfer des Krieges. Die Ignoranz und Ungenauigkeiten in den Statements einer doch grösseren Anzahl Politiker:innen und Journalist:innen lassen zumindest darauf schliessen. Mir stossen verschiedene Aussagen, die in den Medien verbreitet wurden, auf.

Und ich frage mich, wie ich in der Schule guten Aktualitätsunterricht machen soll, wenn ich erst mal zu all den falschen Informationen Stellung beziehen muss und will. Stellung gegenüber meinen Gefühlen, Stellung gegenüber meinen jugendlichen Schüler:innen, die noch fast alles glauben, was ihnen über die elektronischen Medien vermittelt wird. Die meist noch unreflektiert Meinungen und Haltungen wiedergeben, die sie zu Hause aufschnappen und mitbekommen.

Krieg ist Krieg

Wenn ich aktuell Berichterstattung höre, sehe, lese, dann bin ich immer wieder schockiert über das fehlende Geschichtsbewusstsein und Empathie von Politiker:innen und Journalist:innen. Immer und immer wieder wird die Aussage wiederholt, dass wir uns in einer völlig neuen Situation in Europa befänden. In einer Kriegssituation, die es nach 1945 nie mehr gegeben habe.

Haben diese Personen die Kriege in Tschetschenien, Berg Karabach, Zypern vergessen? Fanden die nicht auf europäischen Gebiet statt? Und wie ist es mit dem Balkankrieg? Ist dieser Krieg nicht mehr in unserem Bewusstsein? Er kostete über 200 000 Menschen das Leben (Zivilisten sind in dieser Zahl nicht enthalten) und 2,5 Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Ich erinnere mich noch gut an Schüler:innen, die aus diesem Kriegsgebiet kamen. Wie sie in Wochenbüchern oder im persönlichen Gespräch plötzlich über ihre Erlebnisse erzählten. Wie eine 9-jährigen ihren Bruder, der noch ein Säugling war, zwei Tage lang trug. Durch die Wälder Richtung Grenze. Immer darauf bedacht, dass er keinen Ton von sich gab. Wie mir eine 15-Jährige erzählte, wie sie damals von ihrer Grossmutter in einem Erdloch versteckt wurde, damit sie nicht vergewaltigt wird. Wie sie dieses Versteck aber nicht davor beschützte, die Schreie zu hören.

Diese Jugendlichen und ihre Eltern haben massive Traumata erlitten. Wir wissen heute, dass diese sich nicht nur auf das ganze Leben der Betroffenen auswirken. Traumata prägen das Familienleben noch über Generationen, sie können aber auch zu genetischen Veränderungen führen.

Und jetzt erfahren die Menschen z. B. aus dem Balkan, dass sie keine Opfer eines Krieges sind. Denn es gab keine Kriege in Europa nach 1945. Wie zynisch ist das denn? Ich weiss, dass solche Aussagen die Betroffenen triggern. Dass da alte Verletzungen hochkommen, dass sich die Opfer erneut Gefühlen und Erinnerungen stellen müssen. Und dass dadurch alle Familienmitglieder sowie die Atmosphäre in der Familie in Mitleidenschaft gezogen werden.

Reicht nicht die Aussage, dass es Krieg ist? Dass erneut ein Krieg ausbrach? Ist Krieg an sich nicht schon schlimm genug? Muss noch bewertet werden, dass es der erste, der kürzeste, der wasweissichste Krieg war? Geht es nicht in erster Linie, um die Menschen, die unter diesem Krieg leiden? Egal, wo und wann er stattfindet.

Na ja, einige Tage später passte man die Aussage dann an. Inzwischen präzisiert man, dass es sich um die am schnellsten anwachsende Flüchtlingskrise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg handle.

Flüchtling ist Flüchtling

Diese Flüchtlingskrise führt dazu, dass ganz Europa bereit ist, Flüchtlinge aufzunehmen. Das erstaunt, schliesslich wurde in den letzten Jahren mit Vehemenz darauf hingewiesen, dass sich die Länder dies nicht leisten könnten, dass die Aufnahme von Flüchtlingen zu einer Überfremdung, mehr Kriminalität, weniger Arbeitsplätzen und natürlich zum Verlust der jeweiligen Kultur führen würden.

Der Meinungsumschwung, so positiv er zu werten ist, hat einen schalen Nebengeschmack. Verschiedentlich wurde in politischen Diskussionen und den Medien darauf hingewiesen, dass die ukrainischen Flüchtlinge der europäischen Kultur näher stünden und im Gegensatz zu anderen Flüchtlingen auch gebildet seien.

Da habe ich echt die neusten Regelungen für Flüchtlinge verpasst. Also aufgepasst. Wenn du nicht aus einem christlichen Land stammst, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit massiv, dass du in einem europäischen Land Asyl bekommst. Da hilft dir auch nicht, wenn du etwa eine syrische Christin bist. Denn – dein Land ist nicht christlich, ergo passt du auch nicht zur europäischen Kultur.

Und ja, der Balkan … aber eben, die Kultur. Wenn du Muslim:a bist, dann passt du nicht zur restlichen europäischen Kultur. Die europäische Kultur ist christlich, Punkt. Nicht alle, aber über 60 % der Bevölkerung, allerdings spielt es keine Rolle, ob sie praktizierend sind oder nicht. Und christliche Gebote wie insbesondere die Nächstenliebe gelten nur für Christen. Wo kämen wir denn hin, wenn das für alle Menschen gelten würde?!

Das Bildungsniveau, das ist natürlich ein wichtiger Punkt. Spätestens seit der Kolonialzeit ist doch bekannt, dass in Europa die Wiege der Kultur und damit verbunden der Bildung liegt. Und somit versteht sich von selbst, dass nicht europäische Flüchtlinge einfach dumm, netter formuliert ungebildet, sein müssen.

Die folgenden Beispiele widerlegen diese Annahme. Da ist der Kurde, der neben meiner Schule einen Dönerstand führte. Früher, vor seiner Flucht, war er als Philosphieprofessor tätig. Oder der aus Afghanistan stammende Schüler, der ohne Begleitung von Erwachsenen in die Schweiz floh, hier Deutsch lernte und heute Psychologie studiert.

Fast vergessen

Wenn ich Beiträge in den sozialen Medien lese, dann spüre ich die Betroffenheit der User:innen. Allerdings gibt es auch da Kommentare und Nachrichten, die mich irritieren. Natürlich ist es entsetzlich, wenn der Beginn des Faschings und des Krieges zusammenfällt. Vielleicht würde ja ein offener Brief an die Staatsoberhäupter was nützen, in dem alle relevanten Daten notiert sind, an denen kein Krieg begonnen werden sollte. Das würde die Gefühle der Menschen, die nicht in einem Kriegsland leben, massiv entlasten. Schliesslich haben Mitgefühl und Solidarität auch irgendwann Grenzen.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir für diese Welt und unsere Zukunft, dass wir beginnen, Menschen als Menschen wahrzunehmen und zu sehen. Ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Ohne sie in Schubladen zu verfrachten, ohne sie mit Vorurteilen und Clichées zu befrachten.

Februar Rückblick 2022

Februar, der kürzeste Monat des Jahres, aber er hatte einiges zu bieten. Das zeigt sich bereits am Beitragsbild, dass meine Tochter auf der Hinfahrt in die Sportferien gemacht hatte. Es gibt in diesem Rückblick eine kunterbunte Mischung aus schulischen und persönlichen Erlebnissen. Und weil ich weiss, dass meine Mutter immer aufmerksam mitliest, wünsche ich ihr an dieser Stelle schon viel Spass.

Wer übrigens keine Lust auf Fotos hat, schaut sich diesen Rückblick besser nicht an.

Sportferien mit erweiterter Familie

Nachdem wir in den letzten zwei Jahren nur reduzierte Winterferien machen konnten, sollte es dieses Jahr wieder mal richtige Ferien geben. Wir waren lange auf der Suche nach einer geeigneten Unterkunft. Vielfältige Bedürfnisse mussten abgedeckt werden:

  • tolles Skigebiet für unsere Schneebuddys
  • ebenes Gelände, damit die Grossmütter (über 80) gut zu Fuss oder mit ÖV unterwegs sein konnten
  • Hunde erlaubt
  • Winterspazierwege vorhanden
  • Sonnenterrasse, damit draussen gelesen oder geschrieben werden konnte

Unser bisheriges Haus kam nicht mehr in Frage. Der Weg ins Dorf war zu steil für die Grossmütter, ausserdem waren Hunde noch nie erlaubt gewesen … Wir suchten und suchten, aber es gab nichts, dass alle unsere Bedürfnisse abdeckte (ausser man findet den Wochenpreis von 8000 Franken für ein Haus ok).

So entschieden wir uns, ins Hotel nach Scuol zu gehen. Wir bedeutet, sieben Erwachsene zwischen 23 und 83 mit Hund oder zwei Grossmütter, zwei Paare und eine Tochter. Das Scuol eine beliebte Destination ist, bemerkten wir vor dem Vereina-Tunnel. Wir warteten drei Stunden, bis wir verladen konnten. Nicht nur wegen der vielen Tourist:innen, sondern auch noch wegen eines kaputten Zuges. Aber gibt es eine bessere Art runterzufahren? 🙂

Wenn ich mich in den Bergen aufhalte, dann ist es jedes Mal wie nach Hause zu kommen. Ich liebe es am Meer zu sein, aber die Berge ermöglichen mir ein Runterfahren und bei mir Ankommen, wie ich es sonst nirgendwo erlebe. So auch wieder dieses Jahr.

Unsere Skifreaks kamen auf ihre Kosten :-). Wenn sie abends zurückkehrten, dann zwar erschöpft (zwei davon sind auch nicht mehr 20), aber immer gut gelaunt, zufrieden und ausgeglichen.

Da es am Montag schneite, verbrachten wir den Tag im Spa und im Bogn Engiadina. In dieser grosszügigen Badeanlage badet man in reinem Mineralwasser. Es ist auch für ältere Personen gut geeignet, da sechs Innen- und Aussenbäder mit Massagedüsen, Sprudel, Wasserfällen und einem Strömungskanal zur Auswahl stehen. Sich im warmen Wasser „besprudeln“ zu lassen, während der Kopf den Minustemperaturen ausgesetzt ist, hat was für sich:-).

Was selbstverständlich immer zu unseren Ferien gehört, sind gutes Essen und der passende Wein. Dieses Jahr kochten wir nicht selbst, sondern liessen uns verwöhnen. Und wie!! Die Küchencrew übertraf sich Abend für Abend.

Die Gegend lud zu romantischen Winterspaziergängen ein. Allerdings waren die Zeitangaben je nach Karte unterschiedlich angegeben. Die variierten für die gleiche Strecke beispielsweise zwischen einer und drei Stunden.

Wir spazierten von Schloss Tarasp nach Scuol durch die verschneite Landschaft. Entspannt, mit Muse, mit und ohne Gespräche und dazwischen auch immer wieder Gelächter.

Weicher Neuschnee ist faszinierend und veranlasste uns einige LandArt-Ideen umzusetzen.

PS: Falls du die wohl berühmteste Person vom Unterengadin noch nicht kennst, dann mach dich über Schellenursli kundig. Eine wunderschöne Geschichte, die mit Chalandamarz endet, was jeweils am 1. März gefeiert wird.

Was sonst noch im Februar los war …

Ghana erwärmt die Schweiz

Anfangs Monat besuchte der Schriftsteller Patrick Addai, der ursprünglich aus Ghana stammt und jetzt in Österreich lebt, unsere Schule. Er ist ein begnadeter Erzähler und bringt es fertig, Jugendliche mit seinen lustig und unterhaltsamen Geschichten zu fesseln und sie zum Lachen und Nachdenken zu bringen.

Er schilderte den Schüler:innen aber auch die Zeit der Sklaverei, die seine Ur- und Grosseltern noch miterlebt hatten. Als er die Herkunft Begriffes „Black Friday“ näher erklärte, wurde es plötzlich ruhig und auf den Gesichtern der Jugendlichen breitete sich Fassungslosigkeit bis Entsetzen aus. Sie (und auch ich) hatten keine Ahnung, welche tragische Geschichte sich dahinter verbirgt.

Neben der Lesung sang Herr Addai und am Ende der Lesung wurde zusammen getanzt.

Vor der Lesung hatte ich mich kurz gefragt, ob es die richtige Entscheidung war, einen Kinderbuchautoren einzuladen. Immerhin unterrichte ich 15-Jährige … Andrerseits weiss ich, wie gerne sie Geschichten zuhören und sich in fremde Welten entführen lassen. Herr Addais Grossmutter hatte ihm als Kind für jede Lebenslage eine Geschichte und ein dazu passendes Zitate erzählt, die er uns jetzt weitererzählte.

Es wurde mir wieder einmal bewusst, welch wichtige Funktion Grosseltern im Leben ihrer Enkel haben. Nicht nur, wenn sie noch klein sind, sondern gerade auch im Teenageralter. Sie vermitteln ihre Lebensweisheit über Geschichten und Anekdoten und lassen Jugendliche teilhaben an einer vergangenen und magischen Welt, die ihnen hilft, den Alltag zu bewältigen.

Was wäre, wenn …

Anfangs Jahr beginnt bereits die Planung für das nächste Schuljahr. Ich hoffe sehr, dass ich mit der neuen Klasse auch mit einer neuen Parallellehrperson starten werde. Ideen und Vorschläge liegen der Schulleitung vor.

Vor genau einem Jahr wurde ich wegen der Situation an meinem Arbeitsort krank und konnte nicht mehr arbeiten. Dahin will ich nicht mehr zurück! Ich habe viel Zeit und Kraft investiert (und investiere noch immer), um eine für mich gesunde Lösung zu finden. Dabei geholfen haben neben meinen Freund:innen und meiner Therapeutin auch mein grünes Klassenzimmer (einen Einblick kriegst du in meinem Januar 12 von 12), mein Jahresmotto sowie meine Freude am Unterrichten.

Auch wenn es immer wieder auf Unverständnis seitens meiner Vorgesetzten stösst, jegliche Art von Verletzungen hinterlassen Spuren und verändern einen Menschen. Es ist schön, dass man mich als Menschen mit viel Energie, die sich immer nach aussen manifestierte, schätzte. Ich wünschte mir sehr, dass meine veränderte Energie, die sich mehr nach innen äussert, akzeptiert würde und man ihren Nutzen für die Gemeinschaft sehen könnte.

Was wäre, wenn sich eine neue Arbeitssituation ergeben würde? Meine favorisierte Lösung wäre spannend, anspruchsvoll, bereichernd, herausfordernd und ich könnte wieder profitieren von einem Gegenüber und meine Skills als Lehrperson weiter ausbauen. Gleichzeitig hätte ich eine Ansprechperson mit derselben Grundhaltung. Die Hoffnung bleibt 🙂 .

Cousinen-Treffen

Viele Jahre hatten wir uns aus den Augen verloren, aber glücklicherweise wieder gefunden. Yvonne und ich haben einen tollen Abend zusammen verbracht, in der wir über uns über Familiengeschichten austauschten, Informationslöcher auffüllten und natürlich auch über das Bloggen unterhielten. Ohne sie hätte ich diese Bereicherung ja nie entdeckt.

Bloggen mit Schüler:innen

Der Blog meiner Schüler:innen wurde insgesamt über 5.000 Mal aufgerufen 😊😊😊. Inzwischen gibt es über 400 veröffentlichte Beiträge und ein Ende ist nicht in Sicht. Es macht mir eine Riesenfreude zu sehen, wie die Jugendlichen immer selbstbewusster ihre Gedanken und Ideen in Worte fassen und wie stolz sie über ihre Erfolge sind.

Darüber habe ich im Februar geschrieben

🏵️ Egal, wie viel ich zu tun habe: Das monatliche 12 von 12 darf natürlich auch im Februar nicht fehlen! Grossen Dank an Sibylle, die beste aller Schulassistentinnen, die mich tatkräftig unterstützt.

🏵️ Ausgelöst durch eine Diskussion mit meiner Vorgesetzten, was denn wichtige Kompetenzen seien, ist der Artikel Beziehungsarbeit in der Schule entstanden.

Eine Leserin merkte an, dass sie eher einen fachlichen Text mit Tipps und Tricks erwartet hätte. Dafür bin ich eindeutig die falsche Person :-). Es liegt wohl daran, dass ich auch als Praxislehrperson meinen Studierenden immer aufzeige, wie ich Theorien praktisch umsetze. Vielleicht schreibe ich mal einen Artikel darüber, warum Theorien wie Kuchenformen sind :-).

Schön, hast du meinen Februar-Rückblick gelesen. Falls du mehr über meine Arbeit erfahren willst, stöbere ungeniert in meinem Blog. Falls du spezifische Fragen oder Anregungen für weitere Artikel hast, melde dich :-).

Beziehungsarbeit in der Schule

Das familiäre und soziale Umfeld bestimmen zu einem grossen Teil die Ausprägung der personalen und sozialen Kompetenzen der Schüler:innen. Diese überfachlichen Kompetenzen sind für eine erfolgreiche Lebensbewältigung zentral. Damit die Basis bei allen Kindern gelegt wird, beschreibt der Lehrplan 21 auf 4 Seiten die überfachlichen Kompetenzen, welche die Schüler:innen im Laufe ihrer Schulzeit angehen sollten.

Mir ist es wichtig, dass alle meine Schüler:innen erleben können, was Beziehung bedeutet und welch positiven Auswirkungen sie auf unser Leben hat. Wie ich die Beziehungsarbeit in der Schule angehe, werde ich in diesem Beitrag aufzeigen.

Beziehungsarbeit ist die wichtigste Tätigkeit einer Lehrperson

Ich bin der festen Überzeugung, dass Beziehungsarbeit in der Schule die wichtigste Tätigkeit als Lehrperson ist. Nur wenn zwischen den Schüler:innen und mir eine Beziehung besteht, kann Vertrauen entstehen. Und Vertrauen ist die Grundvoraussetzung zum Lernen. Werde ich als Bedrohung oder gar Feindin angesehen, dann wird auch der Stoff, den ich mit den Schüler:innen erarbeiten oder ihnen vermitteln möchte, abgelehnt.

Immer wieder wird die Forderung laut, Schüler:innen sollen sich in erster Linie wohlfühlen, dann würden sie lernen. Wenn ich meine jugendlichen Schüler:innen frage, wie die Schule dann sein müsste, damit sie sich wohlfühlen, dann werden unter anderem folgende Punkte genannt: Sofa im Zimmer, Trainerhosen, Musik hören, gleitende Arbeitszeit, keine Verbote von Rauchen, Alkohol, Drogen, Fächer abschaffen (je nach persönlicher Vorliebe Sport, NaTexh, Mathe, Franz, Werken, etc.).

Was dabei oft vergessen geht: Auch eine gute Beziehung zwischen der Lehrperson und den Jugendlichen führt dazu, dass sie sich wahrgenommen und somit auch wohlfühlen. Wer sich wahrgenommen fühlt, lernt besser. Eine gute Beziehung zu den Schüler:innen zu haben, bedeutet nicht, dass ich ihr Bro oder Kumpel bin. Ich bin eine Respektsperson. Aber damit ich diesen Titel zu Recht tragen darf, muss ich mir diesen Respekt verdienen.

Die Beziehungsarbeit beginnt am ersten Schultag und anschliessend jeden Tag neu.

Was sind die Voraussetzung für Beziehung?

Viele meiner jugendlichen Schüler:innen können nicht auf Erfahrungswerte in Bezug auf verlässliche Beziehungen zurückgreifen. Sie reagieren zurückhaltend auf Beziehungsangebote, da sie in der Vergangenheit die Erfahrung machen mussten, dass diese Beziehungen sofort gekappt wurden, wenn sie den Ansprüchen nicht gerecht wurden oder sich diesen verweigerten.

Ich liebe meine Schüler:innen. Für mich ist das die Grundvoraussetzung für meinen Beruf. Nur so kann ich ihre Stärken und Potenziale erkennen, an sie glauben, ihnen vertrauen und sie Fehler machen lassen. Ich gebe sie nicht auf. Egal, was sie machen. Meine Liebe zu ihnen, mein Beziehungsangebot bleibt bestehen. Ob sie es annehmen oder nicht. Sie sollen sehen, dass ich es ernst meine und keine Bedingungen daran geknüpft sind.

Von meiner Seite ist Geduld gefragt. Die Beziehung zwischen mir und einigen meiner Schüler:innen ist ab der ersten Schulwoche vorhanden. Bei anderen Jugendlichen braucht der Aufbau Zeit, viel Zeit. Bei ihnen folgt der Kennenlernphase meist die Testphase. Meint sie es wirklich ernst oder gibt sie mich doch irgendwann auf? Im aktuellen Klassenzug gab es Schüler:innen, die erst nach gut zwei Jahren auf mein Angebot eingingen.

Ich glaube nicht daran, dass die Beziehungsarbeit in der Schule von äusseren Umständen abhängt. Egal ob ich als Klassen- oder Fachlehrperson agiere, ob ich die Schüler:innen täglich oder nur ein- oder zweimal pro Woche unterrichte, Beziehungen kann ich immer herstellen. Das ist meine Zone of genius, meine Begabung und mein Talent.

Authentisches Auftreten schafft Beziehung

Pubertierende Jugendliche sind gnadenlose Analytiker. Wie Seismografen registrieren sie sämtliche Schwingungen in einem Klassenraum und der Lehrperson. Es ist daher sinnlos, ihnen etwas vormachen zu wollen. Konkret bedeutet dies für mich, dass ich authentisch bin und bleibe. Was ich darunter verstehe und wie ich diese Haltung lebe, zeige ich anhand einiger Beispiele auf.

Ich zeige gerne Freude über Leistungen und lobe meine Schüler:innen. Leistung bedeutet aber nicht gute Noten. Das Lob wird für Dinge ausgesprochen, die von aussen normal oder nicht erwähnenswert erscheinen können. Für einige Schüler:innen ist es beispielsweise eine sehr grosse Leistung, eine Woche lang nichts zu vergessen oder pünktlich zu erscheinen. Andere getrauen sich plötzlich, ihre Meinung zu äussern oder sogar etwas zu entgegnen. Wieder andere übernehmen ungefragt eine Arbeit, die der Gemeinschaft zugutekommt.

Es gibt auch Situationen, in denen ich negative Rückmeldungen gebe. Abwertende Bemerkungen gegenüber anderen Schüler:innen, nicht Einhalten von Schulregeln, freches Auftreten u. ä. akzeptiere ich nicht. Das Verhalten dieser Schüler:innen gegenüber Einzelnen oder der Gemeinschaft ist weder angebracht noch konstruktiv. Die betroffenen Schüler:innen empfinde ich als respektlos und nicht wertschätzend.

Ich muss meine Rückmeldung weder beschönigen noch nett verpacken. Meiner Meinung nach sollen die Schüler:innen aber klar kommuniziert bekommen, dass sie eine Grenze überschritten haben und ich das nicht toleriere. Allerdings suche ich in solchen Situationen immer auch das Gespräch. Es ist mir wichtig, dass sie die Wirkung ihres Verhaltens verstehen, dass wir gemeinsam nach Wegen suchen, wie sich solche Situationen vermeiden lassen oder anders angegangen werden können.

Allerdings wissen sie auch, dass ich durch diese Rückmeldung unsere Beziehung nicht in Frage stellen. Ich mag sie immer noch. Es ist mir bewusst, dass man sich nicht immer an alle Regeln halten kann und will. Mache ich ja auch nicht 🙂 . Und manchmal erinnere ich mich an meine eigene Schulzeit und muss ich mich zusammenreissen, um nicht zu viel zu tolerieren.

Was Schüler:innen von mir erwarten, ist Berechenbarkeit. Sie tolerieren meine Rückmeldungen, sie tolerieren, dass fair nicht gleich ist – aber ich muss für sie berechenbar bleiben. Das gibt ihnen Stabilität und Sicherheit.

Kürzlich kam ein Schüler vor der Lektion vorbei und meinte: „Sie, Frau Rauber. Ich muss Ihnen jetzt einfach mal etwas sagen. Sie gehen mir grausam auf die Eier. Aber ich werde Sie total vermissen, wenn ich aus der Schule komme. Sie und meine Mutter sind die einzigen Menschen, die klar mit mir kommunizieren. Mich loben, wenn ich was gut mache, und mich hinterfragen, wenn es nicht gut läuft.“

Beziehungsarbeit in der Schule beginnt bereits vor dem Unterricht …

Die Beziehungsarbeit beginnt bereits am Morgen früh.

Mein Schulzimmer steht meinen Schüler:innen ab 7 Uhr morgens offen. Wer noch Hausaufgaben beenden will, einen Computer braucht, um etwas zu recherchieren, etwas ausdrucken möchte, die Englisch-Vokabeln mit einer Mitschülerin repetieren will, ist willkommen.

Natürlich kommen nicht alle freiwillig. Wer Material oder Hausaufgaben vergessen hat, muss am nächsten Tag ebenfalls um 7 Uhr erscheinen. Ursprünglich hatte ich diese Regelung eingeführt, um meine Schüler:innen zu motivieren, „pünktlich und ordnungsgemäss“ wie die Rubrik im Zeugnis heisst, zu erscheinen. Ich stellte mir vor, dass die Schüler:innen lieber länger ausschlafen, als so früh am Morgen in die Schule zu kommen.

Wie man sich irren kann 🙂 . Selbst wenn ihre erste Lektion erst um 08:15 beginnt, halten sie sich schon um 7 Uhr in meinem Schulzimmer auf. Wenn ich keine anderen Klassen unterrichte, entstehen in dieser Zeit auch persönliche Gespräche oder Diskussionen. Unterrichte ich, dann können sie sich hinten im Zimmer aufhalten. Da sind dann allerdings Gespräche nicht erwünscht.

Vor Corona gab es auch Tea-Time. Es ist unglaublich, wie toll ein Chai schmecken muss, wenn man ihn in der Schule trinken darf :-).

Begrüssungen ermöglichen Beziehungen

Mir ist es wichtig, dass ich jeden Tag bewusst mit allen Schüler:innen in Kontakt trete. Selbstverständlich spreche ich sie mit ihrem Namen an, nicht nur bei der Begrüssung, sondern auch während des Unterrichts, in den Pausen, in unserer Freizeit.

Als ich in einer französischen Schweiz arbeitete, war das ein Punkt, der mir extrem negativ auffiel. In „meiner“ Schule war es so, dass zu Beginn der Lektion nur ein gegenseitiges Bonjour ausgetauscht wurde. Ich schaffte das nicht. Also verstiess ich gegen die ungeschriebenen Regeln und begann meine Schüler:innen mit ihrem Vornamen anzusprechen. Es löste Irritationen unter meinen Kolleg:innen aus.

Früher bestand unsere Begrüssung aus einem Händedruck und Augenkontakt. Corona nahm uns zwar die Möglichkeit, uns die Hände zu geben, brachte aber gleichzeitig viel Bewegung und Kreativität ins Schulzimmer.

Anstelle des Händedrucks wählen die Schüler:innen Gesten, die ich dann spiegle. Sei es ein Riesenherz, ein starker Tritt auf den Fussboden, den albanischen Adler, salutieren, eine Kniebeuge … der Fantasie und Kreativität ist keine Grenze gesetzt. Diese Art der Begrüssung bringt uns zum Schmunzeln, vor allem, wenn ich die Geste nicht so perfekt und graziös umsetze.

Augenkontakt ist auch mit Maske möglich. Oft fällt mir bereits durch diesen ersten Augenkontakt auf, wie es den Schüler:innen geht. Oder ich reagiere auf ein tolles Shirt, neue Ohrringe oder frage nach, wie denn das Parfum heisse ….

Ich schaffe Beziehung, indem ich mich im ganzen Raum bewege

Ich stehe immer frei, manchmal vorne, manchmal hinten, links oder rechts. Das ist mir aus verschiedenen Gründen wichtig.

Ich will meine Klassen aus verschiedenen Blickwinkeln wahrnehmen. Ich weiss beispielsweise, dass ich vorne links einen toten Flecken habe (das haben die Schüler:innen glücklicherweise noch nicht bemerkt). Wenn ich also immer gleich vor meinen Schüler:innen stehe, dann nehme ich einige nicht wahr.

In jeder Klasse gibt es Dynamiken, denen man als Lehrperson nicht gleich auf den Grund kommt. Durch die verschiedenen Positionen im Raum öffne ich meinen Blick auf das Ganze, nehme ich mehr wahr.

Durch die Bewegung im Raum sind auch meine Schüler:innen angehalten, immer neue Perspektiven auf mich, ihre Mitschüler:innen, das Klassenzimmer einzunehmen. Die veränderte Wahrnehmung öffnet den Geist und unterstützt die Flexibilität der Gedanken.

Ich verkrieche mich also weder hinter einem Pult oder suche Rückendeckung vor der Tafel, noch verschränke ich die Arme. Ich stehe als Person mit offener Körperhaltung vor ihnen, mit aufmerksamem Blick, offenen Augen und Ohren. Ein ehrliches Lächeln spiegelt sich in den Augen und kann trotz Maske wahrgenommen werden. Dieses löst wiederum positive Reaktionen aus. Nicht nur Gähnen wirkt ansteckend 🙂 .

Ich stehe dazu, dass ich nicht alles weiss und kann

Ich bin mir sehr bewusst, dass ich nicht alles kann und alles weiss. Es ist mir persönlich wichtig, dass meine Schüler:innen sich bewusst sind, dass auch ich Informationen nachschlagen, recherchieren und suchen muss. Etwas nicht zu wissen, ist keine Schande, kein Zeichen von fehlender Intelligenz. Nichtwissen wird erst dann zum Problem, wenn ich nicht wissen will.

Um klarer zu machen, was ich damit meine, ein Beispiel aus dem Geschichtsunterricht. In einem Text stand, dass Seebomben bei der kleinsten Berührung explodieren würden. Einige Zeit später lasen wir, dass am Ende des Krieges, die Bomben entschärft werden mussten, damit sie keine Gefahr mehr darstellten. Und es tauchte die Frage auf, die ich mir noch nie gestellt hatte. Wie lassen sich Bomben entschärfen, die auf Berührungen reagieren? Ich hatte keine Ahnung … Aber ich versprach mich kundig zu machen.

Zwei meiner Jungs wollten mich bei dieser Frage unterstützen und investierten einen ganzen Nachmittag, um Antworten zu finden. Um ehrlich zu sein, sie haben viel mehr herausgefunden als ich und konnten dann als Experten die Klasse informieren. Das geschah nicht nur mit der Beantwortung der Frage. Nein, sie erstellten massstabgetreue Modelle und erklärten anschaulich, wie Seebomben funktionieren und wie sie entschärft werden konnten.

Ich bitte meine Schüler:innen oft, sich über ein Thema kundig zu machen und mir doch gute Videos oder Seiten mitzuteilen. Dieser Einbezug hat mehrere positive Effekte. Ich erfahre, was die Schüler:innen tatsächlich interessiert, komme mit neuem Material in Berührung, ergänze mein eigenes Wissen. Meine Schüler:innen fühlen sich verantwortlich und wertgeschätzt, weil ich ihr Material in meinen Unterricht einbaue und natürlich auch anmerke, von wem beispielsweise der Link stammt.

Fehler sind wichtig fürs Lernen. Und auch ich als Lehrperson mache Fehler, auch ich bin immer noch am Lernen. Wenn ich dazu stehen kann, wenn ich mich entschuldigen kann, dann bin ich menschlich wahrnehmbar und ein Vorbild. Jugendliche Schüler:innen orientieren sich an uns Erwachsenen (auch wenn sie das nie zugeben würden). Deshalb ist es wichtig, dass ich lebe, was ich von ihnen verlange und erwarte.

Die Beziehungsarbeit in der Schule endet nicht am Ende der Lektion …

Ich nehme mir bewusst Zeit, meinen Schüler:innen in Ruhe zuhören, sie ausreden zu lassen, mich für sie zu interessieren, was sie denken, was sie ängstigt oder freut. Manchmal geschieht das während einer Lektion, manchmal nach Schulschluss. Oder die Kontaktaufnahme geschieht über die elektronischen Medien.

Meine Schüler:innen stecken mitten in der Pubertät. Probleme mit Eltern sind vorprogrammiert. Ich höre mir an, was die Eltern alles nicht verstehen und wie mühsam sie sind. Aber ich zeige den Schüler:innen auch auf, wie die Situation für mich als Mutter von pubertierenden Kindern war. Dass es eben nicht einfach nur eine Wahrnehmung einer Situation gibt.

Selbstverständlich stehe ich nicht Tag und Nacht zur Verfügung. Aber man darf und kann mich anschreiben. Ich reagiere immer, manchmal früher, manchmal später. Das hängt auch von den Anliegen der Schüler:innen ab. Fragen nach Hausaufgaben beispielsweise beantworte ich, wenn überhaupt, in der nächsten Lektion. ich bin ja kein Auskunftsbüro 🙂 .

… und auch nicht am Ende der Schulzeit

Beziehungen sind für mich nicht an zeitliche Vorgaben gebunden. Wenn ich drei Jahre lang in eine Beziehung mit den Schüler:innen investiert habe, wenn sie mich als Persönlichkeiten interessieren, dann kann ich am letzten Schultag nicht sagen: Okay, das wars, tschüss.

Ich entlasse sie in ihre Berufsausbildungen, ins „richtige“ Leben. Aber wenn sie möchten, können sie in Kontakt bleiben. Beziehungsarbeit in der Schule endet nicht mit dem letzten Schultag. Was wir zusammen aufgebaut haben, darf weitergehen. So kommt es, dass ich mit einigen meiner ehemaligen Schüler:innen auch nach über 20 Jahren noch in losem Kontakt. stehe. Das freut mich und zeigt mir auf, dass ich wohl schon einiges richtig machte.

Fazit: Eine gute Beziehung kommt allen zugute

Eine gute Beziehung zwischen den Schüler:innen und mir kommt beiden Seiten zugute. Gemeinsam schaffen wir ein wertschätzendes, lernfreundliches Unterrichtsklima. Die gute Beziehung zwischen meinen Schüler:innen und mir wirkt sich auf mein Wohlbefinden und meine Motivation aus. Dieser persönliche Eindruck wird auch von vielen Studien belegt, in denen unter anderem die Beziehungsarbeit in der Schule untersucht wurden (Hattie in Visible Learning oder die Studie von Aldrup).