Die Wahrheit ist ein Opfer des Krieges

Die Wahrheit ist ein Opfer des Krieges. Die Ignoranz und Ungenauigkeiten in den Statements einer doch grösseren Anzahl Politiker:innen und Journalist:innen lassen zumindest darauf schliessen. Mir stossen verschiedene Aussagen, die in den Medien verbreitet wurden, auf.

Und ich frage mich, wie ich in der Schule guten Aktualitätsunterricht machen soll, wenn ich erst mal zu all den falschen Informationen Stellung beziehen muss und will. Stellung gegenüber meinen Gefühlen, Stellung gegenüber meinen jugendlichen Schüler:innen, die noch fast alles glauben, was ihnen über die elektronischen Medien vermittelt wird. Die meist noch unreflektiert Meinungen und Haltungen wiedergeben, die sie zu Hause aufschnappen und mitbekommen.

Krieg ist Krieg

Wenn ich aktuell Berichterstattung höre, sehe, lese, dann bin ich immer wieder schockiert über das fehlende Geschichtsbewusstsein und Empathie von Politiker:innen und Journalist:innen. Immer und immer wieder wird die Aussage wiederholt, dass wir uns in einer völlig neuen Situation in Europa befänden. In einer Kriegssituation, die es nach 1945 nie mehr gegeben habe.

Haben diese Personen die Kriege in Tschetschenien, Berg Karabach, Zypern vergessen? Fanden die nicht auf europäischen Gebiet statt? Und wie ist es mit dem Balkankrieg? Ist dieser Krieg nicht mehr in unserem Bewusstsein? Er kostete über 200 000 Menschen das Leben (Zivilisten sind in dieser Zahl nicht enthalten) und 2,5 Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Ich erinnere mich noch gut an Schüler:innen, die aus diesem Kriegsgebiet kamen. Wie sie in Wochenbüchern oder im persönlichen Gespräch plötzlich über ihre Erlebnisse erzählten. Wie eine 9-jährigen ihren Bruder, der noch ein Säugling war, zwei Tage lang trug. Durch die Wälder Richtung Grenze. Immer darauf bedacht, dass er keinen Ton von sich gab. Wie mir eine 15-Jährige erzählte, wie sie damals von ihrer Grossmutter in einem Erdloch versteckt wurde, damit sie nicht vergewaltigt wird. Wie sie dieses Versteck aber nicht davor beschützte, die Schreie zu hören.

Diese Jugendlichen und ihre Eltern haben massive Traumata erlitten. Wir wissen heute, dass diese sich nicht nur auf das ganze Leben der Betroffenen auswirken. Traumata prägen das Familienleben noch über Generationen, sie können aber auch zu genetischen Veränderungen führen.

Und jetzt erfahren die Menschen z. B. aus dem Balkan, dass sie keine Opfer eines Krieges sind. Denn es gab keine Kriege in Europa nach 1945. Wie zynisch ist das denn? Ich weiss, dass solche Aussagen die Betroffenen triggern. Dass da alte Verletzungen hochkommen, dass sich die Opfer erneut Gefühlen und Erinnerungen stellen müssen. Und dass dadurch alle Familienmitglieder sowie die Atmosphäre in der Familie in Mitleidenschaft gezogen werden.

Reicht nicht die Aussage, dass es Krieg ist? Dass erneut ein Krieg ausbrach? Ist Krieg an sich nicht schon schlimm genug? Muss noch bewertet werden, dass es der erste, der kürzeste, der wasweissichste Krieg war? Geht es nicht in erster Linie, um die Menschen, die unter diesem Krieg leiden? Egal, wo und wann er stattfindet.

Na ja, einige Tage später passte man die Aussage dann an. Inzwischen präzisiert man, dass es sich um die am schnellsten anwachsende Flüchtlingskrise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg handle.

Flüchtling ist Flüchtling

Diese Flüchtlingskrise führt dazu, dass ganz Europa bereit ist, Flüchtlinge aufzunehmen. Das erstaunt, schliesslich wurde in den letzten Jahren mit Vehemenz darauf hingewiesen, dass sich die Länder dies nicht leisten könnten, dass die Aufnahme von Flüchtlingen zu einer Überfremdung, mehr Kriminalität, weniger Arbeitsplätzen und natürlich zum Verlust der jeweiligen Kultur führen würden.

Der Meinungsumschwung, so positiv er zu werten ist, hat einen schalen Nebengeschmack. Verschiedentlich wurde in politischen Diskussionen und den Medien darauf hingewiesen, dass die ukrainischen Flüchtlinge der europäischen Kultur näher stünden und im Gegensatz zu anderen Flüchtlingen auch gebildet seien.

Da habe ich echt die neusten Regelungen für Flüchtlinge verpasst. Also aufgepasst. Wenn du nicht aus einem christlichen Land stammst, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit massiv, dass du in einem europäischen Land Asyl bekommst. Da hilft dir auch nicht, wenn du etwa eine syrische Christin bist. Denn – dein Land ist nicht christlich, ergo passt du auch nicht zur europäischen Kultur.

Und ja, der Balkan … aber eben, die Kultur. Wenn du Muslim:a bist, dann passt du nicht zur restlichen europäischen Kultur. Die europäische Kultur ist christlich, Punkt. Nicht alle, aber über 60 % der Bevölkerung, allerdings spielt es keine Rolle, ob sie praktizierend sind oder nicht. Und christliche Gebote wie insbesondere die Nächstenliebe gelten nur für Christen. Wo kämen wir denn hin, wenn das für alle Menschen gelten würde?!

Das Bildungsniveau, das ist natürlich ein wichtiger Punkt. Spätestens seit der Kolonialzeit ist doch bekannt, dass in Europa die Wiege der Kultur und damit verbunden der Bildung liegt. Und somit versteht sich von selbst, dass nicht europäische Flüchtlinge einfach dumm, netter formuliert ungebildet, sein müssen.

Die folgenden Beispiele widerlegen diese Annahme. Da ist der Kurde, der neben meiner Schule einen Dönerstand führte. Früher, vor seiner Flucht, war er als Philosphieprofessor tätig. Oder der aus Afghanistan stammende Schüler, der ohne Begleitung von Erwachsenen in die Schweiz floh, hier Deutsch lernte und heute Psychologie studiert.

Fast vergessen

Wenn ich Beiträge in den sozialen Medien lese, dann spüre ich die Betroffenheit der User:innen. Allerdings gibt es auch da Kommentare und Nachrichten, die mich irritieren. Natürlich ist es entsetzlich, wenn der Beginn des Faschings und des Krieges zusammenfällt. Vielleicht würde ja ein offener Brief an die Staatsoberhäupter was nützen, in dem alle relevanten Daten notiert sind, an denen kein Krieg begonnen werden sollte. Das würde die Gefühle der Menschen, die nicht in einem Kriegsland leben, massiv entlasten. Schliesslich haben Mitgefühl und Solidarität auch irgendwann Grenzen.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir für diese Welt und unsere Zukunft, dass wir beginnen, Menschen als Menschen wahrzunehmen und zu sehen. Ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Ohne sie in Schubladen zu verfrachten, ohne sie mit Vorurteilen und Clichées zu befrachten.

Februar Rückblick 2022

Februar, der kürzeste Monat des Jahres, aber er hatte einiges zu bieten. Das zeigt sich bereits am Beitragsbild, dass meine Tochter auf der Hinfahrt in die Sportferien gemacht hatte. Es gibt in diesem Rückblick eine kunterbunte Mischung aus schulischen und persönlichen Erlebnissen. Und weil ich weiss, dass meine Mutter immer aufmerksam mitliest, wünsche ich ihr an dieser Stelle schon viel Spass.

Wer übrigens keine Lust auf Fotos hat, schaut sich diesen Rückblick besser nicht an.

Sportferien mit erweiterter Familie

Nachdem wir in den letzten zwei Jahren nur reduzierte Winterferien machen konnten, sollte es dieses Jahr wieder mal richtige Ferien geben. Wir waren lange auf der Suche nach einer geeigneten Unterkunft. Vielfältige Bedürfnisse mussten abgedeckt werden:

  • tolles Skigebiet für unsere Schneebuddys
  • ebenes Gelände, damit die Grossmütter (über 80) gut zu Fuss oder mit ÖV unterwegs sein konnten
  • Hunde erlaubt
  • Winterspazierwege vorhanden
  • Sonnenterrasse, damit draussen gelesen oder geschrieben werden konnte

Unser bisheriges Haus kam nicht mehr in Frage. Der Weg ins Dorf war zu steil für die Grossmütter, ausserdem waren Hunde noch nie erlaubt gewesen … Wir suchten und suchten, aber es gab nichts, dass alle unsere Bedürfnisse abdeckte (ausser man findet den Wochenpreis von 8000 Franken für ein Haus ok).

So entschieden wir uns, ins Hotel nach Scuol zu gehen. Wir bedeutet, sieben Erwachsene zwischen 23 und 83 mit Hund oder zwei Grossmütter, zwei Paare und eine Tochter. Das Scuol eine beliebte Destination ist, bemerkten wir vor dem Vereina-Tunnel. Wir warteten drei Stunden, bis wir verladen konnten. Nicht nur wegen der vielen Tourist:innen, sondern auch noch wegen eines kaputten Zuges. Aber gibt es eine bessere Art runterzufahren? 🙂

Wenn ich mich in den Bergen aufhalte, dann ist es jedes Mal wie nach Hause zu kommen. Ich liebe es am Meer zu sein, aber die Berge ermöglichen mir ein Runterfahren und bei mir Ankommen, wie ich es sonst nirgendwo erlebe. So auch wieder dieses Jahr.

Unsere Skifreaks kamen auf ihre Kosten :-). Wenn sie abends zurückkehrten, dann zwar erschöpft (zwei davon sind auch nicht mehr 20), aber immer gut gelaunt, zufrieden und ausgeglichen.

Da es am Montag schneite, verbrachten wir den Tag im Spa und im Bogn Engiadina. In dieser grosszügigen Badeanlage badet man in reinem Mineralwasser. Es ist auch für ältere Personen gut geeignet, da sechs Innen- und Aussenbäder mit Massagedüsen, Sprudel, Wasserfällen und einem Strömungskanal zur Auswahl stehen. Sich im warmen Wasser „besprudeln“ zu lassen, während der Kopf den Minustemperaturen ausgesetzt ist, hat was für sich:-).

Was selbstverständlich immer zu unseren Ferien gehört, sind gutes Essen und der passende Wein. Dieses Jahr kochten wir nicht selbst, sondern liessen uns verwöhnen. Und wie!! Die Küchencrew übertraf sich Abend für Abend.

Die Gegend lud zu romantischen Winterspaziergängen ein. Allerdings waren die Zeitangaben je nach Karte unterschiedlich angegeben. Die variierten für die gleiche Strecke beispielsweise zwischen einer und drei Stunden.

Wir spazierten von Schloss Tarasp nach Scuol durch die verschneite Landschaft. Entspannt, mit Muse, mit und ohne Gespräche und dazwischen auch immer wieder Gelächter.

Weicher Neuschnee ist faszinierend und veranlasste uns einige LandArt-Ideen umzusetzen.

PS: Falls du die wohl berühmteste Person vom Unterengadin noch nicht kennst, dann mach dich über Schellenursli kundig. Eine wunderschöne Geschichte, die mit Chalandamarz endet, was jeweils am 1. März gefeiert wird.

Was sonst noch im Februar los war …

Ghana erwärmt die Schweiz

Anfangs Monat besuchte der Schriftsteller Patrick Addai, der ursprünglich aus Ghana stammt und jetzt in Österreich lebt, unsere Schule. Er ist ein begnadeter Erzähler und bringt es fertig, Jugendliche mit seinen lustig und unterhaltsamen Geschichten zu fesseln und sie zum Lachen und Nachdenken zu bringen.

Er schilderte den Schüler:innen aber auch die Zeit der Sklaverei, die seine Ur- und Grosseltern noch miterlebt hatten. Als er die Herkunft Begriffes „Black Friday“ näher erklärte, wurde es plötzlich ruhig und auf den Gesichtern der Jugendlichen breitete sich Fassungslosigkeit bis Entsetzen aus. Sie (und auch ich) hatten keine Ahnung, welche tragische Geschichte sich dahinter verbirgt.

Neben der Lesung sang Herr Addai und am Ende der Lesung wurde zusammen getanzt.

Vor der Lesung hatte ich mich kurz gefragt, ob es die richtige Entscheidung war, einen Kinderbuchautoren einzuladen. Immerhin unterrichte ich 15-Jährige … Andrerseits weiss ich, wie gerne sie Geschichten zuhören und sich in fremde Welten entführen lassen. Herr Addais Grossmutter hatte ihm als Kind für jede Lebenslage eine Geschichte und ein dazu passendes Zitate erzählt, die er uns jetzt weitererzählte.

Es wurde mir wieder einmal bewusst, welch wichtige Funktion Grosseltern im Leben ihrer Enkel haben. Nicht nur, wenn sie noch klein sind, sondern gerade auch im Teenageralter. Sie vermitteln ihre Lebensweisheit über Geschichten und Anekdoten und lassen Jugendliche teilhaben an einer vergangenen und magischen Welt, die ihnen hilft, den Alltag zu bewältigen.

Was wäre, wenn …

Anfangs Jahr beginnt bereits die Planung für das nächste Schuljahr. Ich hoffe sehr, dass ich mit der neuen Klasse auch mit einer neuen Parallellehrperson starten werde. Ideen und Vorschläge liegen der Schulleitung vor.

Vor genau einem Jahr wurde ich wegen der Situation an meinem Arbeitsort krank und konnte nicht mehr arbeiten. Dahin will ich nicht mehr zurück! Ich habe viel Zeit und Kraft investiert (und investiere noch immer), um eine für mich gesunde Lösung zu finden. Dabei geholfen haben neben meinen Freund:innen und meiner Therapeutin auch mein grünes Klassenzimmer (einen Einblick kriegst du in meinem Januar 12 von 12), mein Jahresmotto sowie meine Freude am Unterrichten.

Auch wenn es immer wieder auf Unverständnis seitens meiner Vorgesetzten stösst, jegliche Art von Verletzungen hinterlassen Spuren und verändern einen Menschen. Es ist schön, dass man mich als Menschen mit viel Energie, die sich immer nach aussen manifestierte, schätzte. Ich wünschte mir sehr, dass meine veränderte Energie, die sich mehr nach innen äussert, akzeptiert würde und man ihren Nutzen für die Gemeinschaft sehen könnte.

Was wäre, wenn sich eine neue Arbeitssituation ergeben würde? Meine favorisierte Lösung wäre spannend, anspruchsvoll, bereichernd, herausfordernd und ich könnte wieder profitieren von einem Gegenüber und meine Skills als Lehrperson weiter ausbauen. Gleichzeitig hätte ich eine Ansprechperson mit derselben Grundhaltung. Die Hoffnung bleibt 🙂 .

Cousinen-Treffen

Viele Jahre hatten wir uns aus den Augen verloren, aber glücklicherweise wieder gefunden. Yvonne und ich haben einen tollen Abend zusammen verbracht, in der wir über uns über Familiengeschichten austauschten, Informationslöcher auffüllten und natürlich auch über das Bloggen unterhielten. Ohne sie hätte ich diese Bereicherung ja nie entdeckt.

Bloggen mit Schüler:innen

Der Blog meiner Schüler:innen wurde insgesamt über 5.000 Mal aufgerufen 😊😊😊. Inzwischen gibt es über 400 veröffentlichte Beiträge und ein Ende ist nicht in Sicht. Es macht mir eine Riesenfreude zu sehen, wie die Jugendlichen immer selbstbewusster ihre Gedanken und Ideen in Worte fassen und wie stolz sie über ihre Erfolge sind.

Darüber habe ich im Februar geschrieben

🏵️ Egal, wie viel ich zu tun habe: Das monatliche 12 von 12 darf natürlich auch im Februar nicht fehlen! Grossen Dank an Sibylle, die beste aller Schulassistentinnen, die mich tatkräftig unterstützt.

🏵️ Ausgelöst durch eine Diskussion mit meiner Vorgesetzten, was denn wichtige Kompetenzen seien, ist der Artikel Beziehungsarbeit in der Schule entstanden.

Eine Leserin merkte an, dass sie eher einen fachlichen Text mit Tipps und Tricks erwartet hätte. Dafür bin ich eindeutig die falsche Person :-). Es liegt wohl daran, dass ich auch als Praxislehrperson meinen Studierenden immer aufzeige, wie ich Theorien praktisch umsetze. Vielleicht schreibe ich mal einen Artikel darüber, warum Theorien wie Kuchenformen sind :-).

Schön, hast du meinen Februar-Rückblick gelesen. Falls du mehr über meine Arbeit erfahren willst, stöbere ungeniert in meinem Blog. Falls du spezifische Fragen oder Anregungen für weitere Artikel hast, melde dich :-).

Beziehungsarbeit in der Schule

Das familiäre und soziale Umfeld bestimmen zu einem grossen Teil die Ausprägung der personalen und sozialen Kompetenzen der Schüler:innen. Diese überfachlichen Kompetenzen sind für eine erfolgreiche Lebensbewältigung zentral. Damit die Basis bei allen Kindern gelegt wird, beschreibt der Lehrplan 21 auf 4 Seiten die überfachlichen Kompetenzen, welche die Schüler:innen im Laufe ihrer Schulzeit angehen sollten.

Mir ist es wichtig, dass alle meine Schüler:innen erleben können, was Beziehung bedeutet und welch positiven Auswirkungen sie auf unser Leben hat. Wie ich die Beziehungsarbeit in der Schule angehe, werde ich in diesem Beitrag aufzeigen.

Beziehungsarbeit ist die wichtigste Tätigkeit einer Lehrperson

Ich bin der festen Überzeugung, dass Beziehungsarbeit in der Schule die wichtigste Tätigkeit als Lehrperson ist. Nur wenn zwischen den Schüler:innen und mir eine Beziehung besteht, kann Vertrauen entstehen. Und Vertrauen ist die Grundvoraussetzung zum Lernen. Werde ich als Bedrohung oder gar Feindin angesehen, dann wird auch der Stoff, den ich mit den Schüler:innen erarbeiten oder ihnen vermitteln möchte, abgelehnt.

Immer wieder wird die Forderung laut, Schüler:innen sollen sich in erster Linie wohlfühlen, dann würden sie lernen. Wenn ich meine jugendlichen Schüler:innen frage, wie die Schule dann sein müsste, damit sie sich wohlfühlen, dann werden unter anderem folgende Punkte genannt: Sofa im Zimmer, Trainerhosen, Musik hören, gleitende Arbeitszeit, keine Verbote von Rauchen, Alkohol, Drogen, Fächer abschaffen (je nach persönlicher Vorliebe Sport, NaTexh, Mathe, Franz, Werken, etc.).

Was dabei oft vergessen geht: Auch eine gute Beziehung zwischen der Lehrperson und den Jugendlichen führt dazu, dass sie sich wahrgenommen und somit auch wohlfühlen. Wer sich wahrgenommen fühlt, lernt besser. Eine gute Beziehung zu den Schüler:innen zu haben, bedeutet nicht, dass ich ihr Bro oder Kumpel bin. Ich bin eine Respektsperson. Aber damit ich diesen Titel zu Recht tragen darf, muss ich mir diesen Respekt verdienen.

Die Beziehungsarbeit beginnt am ersten Schultag und anschliessend jeden Tag neu.

Was sind die Voraussetzung für Beziehung?

Viele meiner jugendlichen Schüler:innen können nicht auf Erfahrungswerte in Bezug auf verlässliche Beziehungen zurückgreifen. Sie reagieren zurückhaltend auf Beziehungsangebote, da sie in der Vergangenheit die Erfahrung machen mussten, dass diese Beziehungen sofort gekappt wurden, wenn sie den Ansprüchen nicht gerecht wurden oder sich diesen verweigerten.

Ich liebe meine Schüler:innen. Für mich ist das die Grundvoraussetzung für meinen Beruf. Nur so kann ich ihre Stärken und Potenziale erkennen, an sie glauben, ihnen vertrauen und sie Fehler machen lassen. Ich gebe sie nicht auf. Egal, was sie machen. Meine Liebe zu ihnen, mein Beziehungsangebot bleibt bestehen. Ob sie es annehmen oder nicht. Sie sollen sehen, dass ich es ernst meine und keine Bedingungen daran geknüpft sind.

Von meiner Seite ist Geduld gefragt. Die Beziehung zwischen mir und einigen meiner Schüler:innen ist ab der ersten Schulwoche vorhanden. Bei anderen Jugendlichen braucht der Aufbau Zeit, viel Zeit. Bei ihnen folgt der Kennenlernphase meist die Testphase. Meint sie es wirklich ernst oder gibt sie mich doch irgendwann auf? Im aktuellen Klassenzug gab es Schüler:innen, die erst nach gut zwei Jahren auf mein Angebot eingingen.

Ich glaube nicht daran, dass die Beziehungsarbeit in der Schule von äusseren Umständen abhängt. Egal ob ich als Klassen- oder Fachlehrperson agiere, ob ich die Schüler:innen täglich oder nur ein- oder zweimal pro Woche unterrichte, Beziehungen kann ich immer herstellen. Das ist meine Zone of genius, meine Begabung und mein Talent.

Authentisches Auftreten schafft Beziehung

Pubertierende Jugendliche sind gnadenlose Analytiker. Wie Seismografen registrieren sie sämtliche Schwingungen in einem Klassenraum und der Lehrperson. Es ist daher sinnlos, ihnen etwas vormachen zu wollen. Konkret bedeutet dies für mich, dass ich authentisch bin und bleibe. Was ich darunter verstehe und wie ich diese Haltung lebe, zeige ich anhand einiger Beispiele auf.

Ich zeige gerne Freude über Leistungen und lobe meine Schüler:innen. Leistung bedeutet aber nicht gute Noten. Das Lob wird für Dinge ausgesprochen, die von aussen normal oder nicht erwähnenswert erscheinen können. Für einige Schüler:innen ist es beispielsweise eine sehr grosse Leistung, eine Woche lang nichts zu vergessen oder pünktlich zu erscheinen. Andere getrauen sich plötzlich, ihre Meinung zu äussern oder sogar etwas zu entgegnen. Wieder andere übernehmen ungefragt eine Arbeit, die der Gemeinschaft zugutekommt.

Es gibt auch Situationen, in denen ich negative Rückmeldungen gebe. Abwertende Bemerkungen gegenüber anderen Schüler:innen, nicht Einhalten von Schulregeln, freches Auftreten u. ä. akzeptiere ich nicht. Das Verhalten dieser Schüler:innen gegenüber Einzelnen oder der Gemeinschaft ist weder angebracht noch konstruktiv. Die betroffenen Schüler:innen empfinde ich als respektlos und nicht wertschätzend.

Ich muss meine Rückmeldung weder beschönigen noch nett verpacken. Meiner Meinung nach sollen die Schüler:innen aber klar kommuniziert bekommen, dass sie eine Grenze überschritten haben und ich das nicht toleriere. Allerdings suche ich in solchen Situationen immer auch das Gespräch. Es ist mir wichtig, dass sie die Wirkung ihres Verhaltens verstehen, dass wir gemeinsam nach Wegen suchen, wie sich solche Situationen vermeiden lassen oder anders angegangen werden können.

Allerdings wissen sie auch, dass ich durch diese Rückmeldung unsere Beziehung nicht in Frage stellen. Ich mag sie immer noch. Es ist mir bewusst, dass man sich nicht immer an alle Regeln halten kann und will. Mache ich ja auch nicht 🙂 . Und manchmal erinnere ich mich an meine eigene Schulzeit und muss ich mich zusammenreissen, um nicht zu viel zu tolerieren.

Was Schüler:innen von mir erwarten, ist Berechenbarkeit. Sie tolerieren meine Rückmeldungen, sie tolerieren, dass fair nicht gleich ist – aber ich muss für sie berechenbar bleiben. Das gibt ihnen Stabilität und Sicherheit.

Kürzlich kam ein Schüler vor der Lektion vorbei und meinte: „Sie, Frau Rauber. Ich muss Ihnen jetzt einfach mal etwas sagen. Sie gehen mir grausam auf die Eier. Aber ich werde Sie total vermissen, wenn ich aus der Schule komme. Sie und meine Mutter sind die einzigen Menschen, die klar mit mir kommunizieren. Mich loben, wenn ich was gut mache, und mich hinterfragen, wenn es nicht gut läuft.“

Beziehungsarbeit in der Schule beginnt bereits vor dem Unterricht …

Die Beziehungsarbeit beginnt bereits am Morgen früh.

Mein Schulzimmer steht meinen Schüler:innen ab 7 Uhr morgens offen. Wer noch Hausaufgaben beenden will, einen Computer braucht, um etwas zu recherchieren, etwas ausdrucken möchte, die Englisch-Vokabeln mit einer Mitschülerin repetieren will, ist willkommen.

Natürlich kommen nicht alle freiwillig. Wer Material oder Hausaufgaben vergessen hat, muss am nächsten Tag ebenfalls um 7 Uhr erscheinen. Ursprünglich hatte ich diese Regelung eingeführt, um meine Schüler:innen zu motivieren, „pünktlich und ordnungsgemäss“ wie die Rubrik im Zeugnis heisst, zu erscheinen. Ich stellte mir vor, dass die Schüler:innen lieber länger ausschlafen, als so früh am Morgen in die Schule zu kommen.

Wie man sich irren kann 🙂 . Selbst wenn ihre erste Lektion erst um 08:15 beginnt, halten sie sich schon um 7 Uhr in meinem Schulzimmer auf. Wenn ich keine anderen Klassen unterrichte, entstehen in dieser Zeit auch persönliche Gespräche oder Diskussionen. Unterrichte ich, dann können sie sich hinten im Zimmer aufhalten. Da sind dann allerdings Gespräche nicht erwünscht.

Vor Corona gab es auch Tea-Time. Es ist unglaublich, wie toll ein Chai schmecken muss, wenn man ihn in der Schule trinken darf :-).

Begrüssungen ermöglichen Beziehungen

Mir ist es wichtig, dass ich jeden Tag bewusst mit allen Schüler:innen in Kontakt trete. Selbstverständlich spreche ich sie mit ihrem Namen an, nicht nur bei der Begrüssung, sondern auch während des Unterrichts, in den Pausen, in unserer Freizeit.

Als ich in einer französischen Schweiz arbeitete, war das ein Punkt, der mir extrem negativ auffiel. In „meiner“ Schule war es so, dass zu Beginn der Lektion nur ein gegenseitiges Bonjour ausgetauscht wurde. Ich schaffte das nicht. Also verstiess ich gegen die ungeschriebenen Regeln und begann meine Schüler:innen mit ihrem Vornamen anzusprechen. Es löste Irritationen unter meinen Kolleg:innen aus.

Früher bestand unsere Begrüssung aus einem Händedruck und Augenkontakt. Corona nahm uns zwar die Möglichkeit, uns die Hände zu geben, brachte aber gleichzeitig viel Bewegung und Kreativität ins Schulzimmer.

Anstelle des Händedrucks wählen die Schüler:innen Gesten, die ich dann spiegle. Sei es ein Riesenherz, ein starker Tritt auf den Fussboden, den albanischen Adler, salutieren, eine Kniebeuge … der Fantasie und Kreativität ist keine Grenze gesetzt. Diese Art der Begrüssung bringt uns zum Schmunzeln, vor allem, wenn ich die Geste nicht so perfekt und graziös umsetze.

Augenkontakt ist auch mit Maske möglich. Oft fällt mir bereits durch diesen ersten Augenkontakt auf, wie es den Schüler:innen geht. Oder ich reagiere auf ein tolles Shirt, neue Ohrringe oder frage nach, wie denn das Parfum heisse ….

Ich schaffe Beziehung, indem ich mich im ganzen Raum bewege

Ich stehe immer frei, manchmal vorne, manchmal hinten, links oder rechts. Das ist mir aus verschiedenen Gründen wichtig.

Ich will meine Klassen aus verschiedenen Blickwinkeln wahrnehmen. Ich weiss beispielsweise, dass ich vorne links einen toten Flecken habe (das haben die Schüler:innen glücklicherweise noch nicht bemerkt). Wenn ich also immer gleich vor meinen Schüler:innen stehe, dann nehme ich einige nicht wahr.

In jeder Klasse gibt es Dynamiken, denen man als Lehrperson nicht gleich auf den Grund kommt. Durch die verschiedenen Positionen im Raum öffne ich meinen Blick auf das Ganze, nehme ich mehr wahr.

Durch die Bewegung im Raum sind auch meine Schüler:innen angehalten, immer neue Perspektiven auf mich, ihre Mitschüler:innen, das Klassenzimmer einzunehmen. Die veränderte Wahrnehmung öffnet den Geist und unterstützt die Flexibilität der Gedanken.

Ich verkrieche mich also weder hinter einem Pult oder suche Rückendeckung vor der Tafel, noch verschränke ich die Arme. Ich stehe als Person mit offener Körperhaltung vor ihnen, mit aufmerksamem Blick, offenen Augen und Ohren. Ein ehrliches Lächeln spiegelt sich in den Augen und kann trotz Maske wahrgenommen werden. Dieses löst wiederum positive Reaktionen aus. Nicht nur Gähnen wirkt ansteckend 🙂 .

Ich stehe dazu, dass ich nicht alles weiss und kann

Ich bin mir sehr bewusst, dass ich nicht alles kann und alles weiss. Es ist mir persönlich wichtig, dass meine Schüler:innen sich bewusst sind, dass auch ich Informationen nachschlagen, recherchieren und suchen muss. Etwas nicht zu wissen, ist keine Schande, kein Zeichen von fehlender Intelligenz. Nichtwissen wird erst dann zum Problem, wenn ich nicht wissen will.

Um klarer zu machen, was ich damit meine, ein Beispiel aus dem Geschichtsunterricht. In einem Text stand, dass Seebomben bei der kleinsten Berührung explodieren würden. Einige Zeit später lasen wir, dass am Ende des Krieges, die Bomben entschärft werden mussten, damit sie keine Gefahr mehr darstellten. Und es tauchte die Frage auf, die ich mir noch nie gestellt hatte. Wie lassen sich Bomben entschärfen, die auf Berührungen reagieren? Ich hatte keine Ahnung … Aber ich versprach mich kundig zu machen.

Zwei meiner Jungs wollten mich bei dieser Frage unterstützen und investierten einen ganzen Nachmittag, um Antworten zu finden. Um ehrlich zu sein, sie haben viel mehr herausgefunden als ich und konnten dann als Experten die Klasse informieren. Das geschah nicht nur mit der Beantwortung der Frage. Nein, sie erstellten massstabgetreue Modelle und erklärten anschaulich, wie Seebomben funktionieren und wie sie entschärft werden konnten.

Ich bitte meine Schüler:innen oft, sich über ein Thema kundig zu machen und mir doch gute Videos oder Seiten mitzuteilen. Dieser Einbezug hat mehrere positive Effekte. Ich erfahre, was die Schüler:innen tatsächlich interessiert, komme mit neuem Material in Berührung, ergänze mein eigenes Wissen. Meine Schüler:innen fühlen sich verantwortlich und wertgeschätzt, weil ich ihr Material in meinen Unterricht einbaue und natürlich auch anmerke, von wem beispielsweise der Link stammt.

Fehler sind wichtig fürs Lernen. Und auch ich als Lehrperson mache Fehler, auch ich bin immer noch am Lernen. Wenn ich dazu stehen kann, wenn ich mich entschuldigen kann, dann bin ich menschlich wahrnehmbar und ein Vorbild. Jugendliche Schüler:innen orientieren sich an uns Erwachsenen (auch wenn sie das nie zugeben würden). Deshalb ist es wichtig, dass ich lebe, was ich von ihnen verlange und erwarte.

Die Beziehungsarbeit in der Schule endet nicht am Ende der Lektion …

Ich nehme mir bewusst Zeit, meinen Schüler:innen in Ruhe zuhören, sie ausreden zu lassen, mich für sie zu interessieren, was sie denken, was sie ängstigt oder freut. Manchmal geschieht das während einer Lektion, manchmal nach Schulschluss. Oder die Kontaktaufnahme geschieht über die elektronischen Medien.

Meine Schüler:innen stecken mitten in der Pubertät. Probleme mit Eltern sind vorprogrammiert. Ich höre mir an, was die Eltern alles nicht verstehen und wie mühsam sie sind. Aber ich zeige den Schüler:innen auch auf, wie die Situation für mich als Mutter von pubertierenden Kindern war. Dass es eben nicht einfach nur eine Wahrnehmung einer Situation gibt.

Selbstverständlich stehe ich nicht Tag und Nacht zur Verfügung. Aber man darf und kann mich anschreiben. Ich reagiere immer, manchmal früher, manchmal später. Das hängt auch von den Anliegen der Schüler:innen ab. Fragen nach Hausaufgaben beispielsweise beantworte ich, wenn überhaupt, in der nächsten Lektion. ich bin ja kein Auskunftsbüro 🙂 .

… und auch nicht am Ende der Schulzeit

Beziehungen sind für mich nicht an zeitliche Vorgaben gebunden. Wenn ich drei Jahre lang in eine Beziehung mit den Schüler:innen investiert habe, wenn sie mich als Persönlichkeiten interessieren, dann kann ich am letzten Schultag nicht sagen: Okay, das wars, tschüss.

Ich entlasse sie in ihre Berufsausbildungen, ins „richtige“ Leben. Aber wenn sie möchten, können sie in Kontakt bleiben. Beziehungsarbeit in der Schule endet nicht mit dem letzten Schultag. Was wir zusammen aufgebaut haben, darf weitergehen. So kommt es, dass ich mit einigen meiner ehemaligen Schüler:innen auch nach über 20 Jahren noch in losem Kontakt. stehe. Das freut mich und zeigt mir auf, dass ich wohl schon einiges richtig machte.

Fazit: Eine gute Beziehung kommt allen zugute

Eine gute Beziehung zwischen den Schüler:innen und mir kommt beiden Seiten zugute. Gemeinsam schaffen wir ein wertschätzendes, lernfreundliches Unterrichtsklima. Die gute Beziehung zwischen meinen Schüler:innen und mir wirkt sich auf mein Wohlbefinden und meine Motivation aus. Dieser persönliche Eindruck wird auch von vielen Studien belegt, in denen unter anderem die Beziehungsarbeit in der Schule untersucht wurden (Hattie in Visible Learning oder die Studie von Aldrup).

Erkenntnisse und Ergebnisse aus meiner persönlichen Blog-Dekade

Dieser Artikel gibt einen Einblick in die Erkenntnisse und Ergebnisse aus meiner persönlichen Blogdekade. Es ist nicht immer einfach neben einem Vollzeitjob und Familie noch genügend Zeit fürs Schreiben zu finden. Weil ich aber weiss, dass regelmässiges Bloggen mir guttut und mein Leben bereichert, suche ich nach Zeitfenstern, während derer ich mich in das Bloggen vertiefen kann. Am einfachsten lässt sich dies in den Schulferien realisieren.

Im Rahmen meiner Intensivweiterbildung muss ich ein persönliches Projekt realisieren – eine Woche Selbststudium. Das Thema steht mir frei, die einzige Bedingung ist, dass ich mich eine Woche intensiv mit einem Thema beschäftige. So kam es, dass ich anfangs Oktober meine ganz persönliche Blog-Dekade durchführte.

Ganz alleine, ohne die Unterstützung einer Community. Ich war die Initiatorin und zugleich die einzige Akteurin meines Projekts. Die Interaktion würde daher ausschliesslich mit mir selbst stattfinden. Warum ich den Zeitrahmen von 10 Tagen wählte? Vielleicht, weil eine Dekade nun mal 10 Tage umfasst. Vielleicht wollte ich mir aber auch einfach 10 Tage zum Schreiben nehmen 🙂 .

Ich wollte mich bedingungslos auf den Schreibprozess einlassen. Materialien und Ideen waren vorhanden. So befanden sich aktuell mehr Entwürfe und Ideen als veröffentlichte Artikel in meinem Ordner. Die perfekte Gelegenheit, das Notwendige (Selbststudium) mit dem Schönen, Bereichernden (Bloggen) zu verbinden.

Das Ergebnis darf sich durchaus sehen lassen: 5 Blogartikel in 10 Tagen.

Blog-Ergebnisse meines Selbststudiums:

1. Aus dem Entwurfordner …

Als Erstes nahm ich den Monatsrückblick vom Juni in Angriff. Eigentlich war er schon beinahe fertig geschrieben, aber etwas in mir sperrte sich gegen die Veröffentlichung. Das spürte ich erneut, als ich den Entwurf öffnete. Ich wollte ihn beenden, aber ein Teil von mir leistete massiven Widerstand. Der Stuhl war unbequem, dann hatte ich Durst, musste noch dringendes Telefonat führen … Kurz, ich kam nicht zum Schreiben.

Also klappte ich den Computer wieder zu, holte mein Schreibbuch, nahm meinen Lieblingsstift hervor und schrieb über Isabelle (sie ist die Hauptperson des Rückblicks). Ein Strom von Erinnerungen floss aufs Papier, ich weinte und lachte während des Schreibens. Nach einer Stunde hatte ich ausgeschrieben und eine angenehme Ruhe machte sich in mir breit. Nun war ich bereit, diesen Monatsrückblick zu beenden und zu veröffentlichen.

2. An einer Blogparade teilnehmen?

Wie es mir beim Schreiben ergehen kann 🙂, zeigt die Geschichte des nächsten Blog-Artikels. Eigentlich wollte ich einen Beitrag für die Blogparade bei Lemondays zum Thema „Träumst Du noch Dein Leben oder lebst Du schon Deinen Traum?“ verfassen. Ich hatte noch nie zuvor an einer Blogparade teilgenommen, aber schon viel darüber gehört. Warum nicht mal ausprobieren?

Allerdings sprach mich das Thema nicht sonderlich an. Um ehrlich zu sein, ich kann diesem Satz rein gar nichts abgewinnen. Warum soll ich all meine Träume leben wollen? Andererseits wollte ich doch an der Blogparade teilnehmen. Ich war gespannt, welche Inputs mir meine Écriture automatique zum Thema „Traum“ geben würde.

Und wie so oft, führten mich meine Gedanken zu einem ganz anderen, unerwarteten und nicht geplanten Artikel „Und dann bin ich erwacht, es war alles nur ein Traum“: der Satz, der tolle Geschichten killt. Der Text schrieb sich beinahe von selbst. Ein unglaublich schönes Gefühl.

Ich habe den Text heute nochmals gelesen. Abgesehen von der offensichtlichen Thematik sagt er viel darüber aus, was Schreiben für mich bedeutet. Beim Schreiben purzeln Buchstaben aus meinem Innern und manifestieren Inhalt. Nicht planbar, unvorhersehbar, aber lustvoll. Dieser Prozess ist von archaischer Kraft, nicht lenkbar und magisch. Und macht Lust auf mehr, ja beinahe süchtig.

Das Ende dieses Flows ist, wie wenn man aus einem wunderschönen Traum erwacht. Ein schönes, warmes Gefühl hat sich im Körper und Geist breitgemacht und nur langsam kehren die Sinne wieder in die Realität zurück. Womit bewiesen wäre, dass ich meinen Traum lebe 🙂 .

3. Schreibintensive Erkenntnisse …

Ursprünglich hatte ich vor, während meines Schreibprojekts die Zahl meiner Entwürfe abzuarbeiten. Aber mit jedem neuen Artikel entstehen mindestens drei weitere Ideen, die dann ihren Weg in den Entwurfordner finden. Es ist wie ein Ideenkrake, aus dem weitere Arme rauswachsen. Und dabei hatte ich mich vor dem Verfassen meines allerersten Blog-Artikels noch gefragt, worüber ich überhaupt schreiben könnte.

Inzwischen war bereits der 12. Oktober, der fünfte Tag meiner persönlichen Challenge, und ich hatte bisher „erst“ zwei Artikel geschrieben. Kam mir das irgendwie bekannt vor? Genau – im August hatte die Blog-Dekade der Content Society stattgefunden, an der ich teilgenommen hatte. Also genau der richtige Zeitpunkt, um zurückzuschauen, zu reflektieren und meine Erkenntnisse meiner ersten Blog-Dekade festzuhalten.

Dieser Artikel Erkenntnisse der schreibintensiven Blog-Dekade wurde zu einer Offenbarung. Im Zentrum meines Schreibens steht nicht die Anzahl der veröffentlichten Artikel, sondern das Schreiben an sich. Noch nie zuvor habe ich mich so bewusst und so tief mit meinem Schreiben und meiner Haltung zum Schreiben befasst. Und das will was heissen. Immerhin arbeite ich seit Jahren als Schreibberaterin 🙂

4. Lasst Bilder sprechen

Wie gesagt, es war der 12. Oktober. Zeit für das traditionelle 12 von 12, der Blogger:innen-Tradition, in der 12 Bilder des Tages veröffentlicht werden.

Ich weiss, dass man den Alltag dokumentieren soll. Aber wenn ich mir jeweils die schönen Beitragsbilder der anderen Teilnehmer:innen anschaue, da blutet mein Herz schon ein wenig. Die zeigen mir wunderschöne Eindrücke aus Städten, von Spaziergängen, dem Meer, der Natur … Aber das sollte sich am 12. Oktober ändern.

Immerhin waren Ferien, ich musste an diesem Dienstag nach Zürich (hatte den Termin bewusst so gelegt) und beschlossen, ganz viele Bilder von Zürich zu machen. Damit wollte ich im Oktober auch endlich mal ein schönes! 12 von 12 präsentieren.

Der Plan war genial. Allerdings ist es schwierig bis unmöglich, viele Bildmotive festzuhalten, wenn der Akku bereits im Zug nur noch 6 % anzeigt. Auf die Idee eine Powerbank mitzunehmen oder am Kiosk eine zu kaufen, kam ich natürlich nicht. Ich bin eindeutig keine Digital Native 🙂 .

Warum mache ich mir bloss immer Pläne?

5. Einen ironischen Beitrag verfassen?

Ich bin Teil der Content Society, einer Weiterbildung, die von Judith Peters geleitet wird. Judith schlägt uns jede Woche ein Thema vor, das wir verbloggen können. Und ausgerechnet diese Woche ging es darum, eine ironische Anleitung zu verfassen. Was sollte ich bitte schön zum Thema „How NOT to – eine ironische Anleitung“ schreiben? Worüber konnte ich überhaupt eine ironische Anleitung verfassen?

Ich hatte mich bereits entschlossen, diesen Vorschlag zu ignorieren. Aber dann las ich die ersten Beiträge und habe mich königinnenlich amüsiert. Und plötzlich war das Thema gefunden. Wie gelange ich möglichst schnell zu sehr viel Content, damit mich die Welt wahrnimmt oder anderes gesagt Mit nur 10 Minuten täglichem Einsatz zu einer/einem garantiert erfolgreichen Blogger:in werden.

In einem meiner letzten Artikel verwendete ich Zitate, was zu positivem Feedback führte. Damit war der erste Tipp geboren. Danach ging es Schlag auf Schlag. Am Ende stand da eine Erstfassung, die einigermassen lustig, aber keinesfalls ironisch war. Zum guten Glück konnte mir meiner Blog-Buddy mit ihren Tipps weiterhelfen. Sie riet mir unter anderem frecher zu schreiben, zu übertreiben und zu flunkern.

Mit der Einleitung tat ich mich sehr schwer. Ich musste meinen ganzen Mut zusammennehmen, um folgenden Satz zu schreiben: „Es werden sogar Kurse angeboten, in denen du angeblich lernst, wie man gute Artikel schreibt. Ich sage dir, das ist reine Geldmacherei.“ Über die persönlichen Artikel herzuziehen, fiel dann hingegen sehr einfach 🙂.

Und wie es scheint, hat der Artikel den gewünschten Effekt erzielt.

Nicole
Hilkea
Luise

Erkenntnisse meines Selbststudiums

1. Schreiben löst Gefühle und Emotionen aus

Schreiben lässt sich nicht erzwingen. Es gibt Themen, bei denen sich Widerstände regen, über die nicht geschrieben werden will. Das ist ok. Persönliches und/oder kreatives Schreiben löst Gefühle und Emotionen aus. Die sind ernst zu nehmen. Die Frage, die sich in einer solchen Situation stellt, ist simpel: Will ich diesen Widerständen auf den Grund gehen?

Lautet die Antwort nein, dann wird das Thema nicht behandelt. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne das Gefühl versagt zu haben. Wer weiss, vielleicht taucht es später wieder in einer anderen Form auf und lässt sich thematisieren.

Lautet die Antwort hingegen ja, dann mache ich persönlich gute Erfahrungen damit, dass ich mich von der Écriture automatique treiben und leiten lasse. Es ist keinesfalls so, dass sich dadurch die Widerstände von einer Minute auf die andere lösen. Aber das nicht kontrollierte Schreiben öffnet mir Herz und Blick. Unter Umständen werden mir andere Punkte bewusst, die es aufzulösen gilt, bevor ich mich mit dem tatsächlichen Grund für den Widerstand beschäftigen kann.

2. Schreiben ermöglicht neue Erfahrungen

Etwas Neues, Unbekanntes ausprobieren, kann motivieren, aber auch Angst wecken. Lust und Neugier auf neue Erfahrungen, gleichzeitig Angst vor dem Versagen, dem Gefühl, der Sache nicht gerecht zu werden. Allerdings birgt jeder gescheiterte Versuch und jeder Fehler auch die Möglichkeit, eine neue Erfahrung zu machen.

Konkret bedeutet dies in meinem Falle: Ich wollte mich auf eine Blogparade einlassen, das Thema sagte mir nicht zu. Trotzdem habe ich einen Weg gesucht, mich dem Thema anzunähern, mich mit ihm auseinanderzusetzen. Der Artikel, der anschliessend entstanden ist, hat zwar nur noch entfernt mit dem Ursprungsthema zu tun. Aber er lieferte mir tiefe Einsichten darüber, was mir Schreiben bedeutet. Cool, nicht wahr?

3. Schreiben verhilft zu Objektivität

Zeitliche Distanz klärt den Blick und relativiert. Eine Reflexion macht dann Sinn, wenn Eindrücke nicht mehr hektisch durcheinanderwirbeln, sondern sie sich bereits gesetzt haben. Dann kann ich in Ruhe hinblicken und die einzelnen Punkte analysieren, ohne von anderen Eindrücken abgelenkt zu werden.

Diese Art der Betrachtung ermöglicht es mir, mich objektiver mit Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Ganz abgesehen davon, bleiben in meinem Gedächtnis positive Ereignisse viel intensiver hängen, während die negativen schnell verblassen. Dies führt dazu, dass ich mich mit Erfahrungen und Erkenntnissen auseinandersetze, die mich weiterbringen.

4. Ich bin eine modulare Planerin

In der Ausbildung von Lehrpersonen wird immer wieder auf die Wichtigkeit von linearen Verlaufsplanungen (genaue schriftliche Lektionenplanung) hingewiesen. Ich wurde damit nie so recht warm, ich bin eine modulare Planerin. Das bedeutet, dass ich über ein breites Repertoire an soliden, vielfach praktizierten, gut verstandenen und erfolgversprechenden Praktiken verfüge. Mein Weg ist nicht bis ins kleinste Detail vorgeplant, sondern offen, da ich flexibel und situativ reagieren kann.

Es ist erstaunlich, dass ich trotz dieses Wissens ausserhalb der Schule und des Unterrichts immer mal wieder das Gefühl habe, ich müsse einen Plan erstellen. Ich weiss doch ganz genau, dass ich mich nicht daran halte(n kann), aber doch immer mein Ziel erreiche.

5. Beispiele und Vorlagen ermutigen

Wer viel liest, wird mit der Zeit auch immer besser schreiben – mit diesen Worten versuchte man in meiner Jugend, die Lesemotivation von uns Kindern und Jugendlichen zu fördern. Das Lesen soll zu einem grösseren Wortschatz führen, was wiederum den schriftlichen Ausdruck verbessere.

Das regelmässige Lesen beinhaltet aber noch einen weiteren Nutzen. Ich nehme wahr, wie Texte aufgebaut, Themen angegangen und bearbeitet werden, aber auch welche rhetorischen Mittel eingesetzt werden können.

Die ironischen Blog-Artikel meiner Kolleginnen, zeigten mir Ideen und Herangehensweisen auf, wie sich dieses spezielle Thema bearbeiten lässt und ermutigten mich, selbst einen Versuch zu starten.

Auch keine neue Erkenntnis – aber sie wurde mir dank meines persönlichen Schreibprojekts wieder bewusst. Ich erlebte ganz praktisch und konnte nachvollziehen, wie hilfreich Beispiele oder Vorlagen sein können. Ich werde dieses wiederbelebte Wissen in der einen oder anderen Form sicher auch in meine Schreibworkshops einfliessen lassen.

Bonus Erkenntnisse

Zusätzlich sind mir noch zwei weitere Punkte aufgefallen.

  • Die Zusammenarbeit mit meiner Blog-Buddy ist bereichernd und inspirierend. Der Aussenblick auf einen Text, das Nachfragen, Hinterfragen, Vorschlagen führen zu einem kohärenteren, stimmigeren Artikel. Inhaltliche Lücken und Sprünge werden erkannt und können bei der Überarbeitung gefüllt werden.
  • Das Schreiben gibt mir nicht nur Energie, wie ich bis anhin dachte, sondern erfüllt mich auch mit Ruhe und Gelassenheit. Deshalb werde ich weiterschreiben und mir weiterhin Inseln dafür schaffen.

Die grössten Ereignisse sind nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten Stunden

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Für die Kommentare danke ich folgenden Bloggerinnen

12 von 12 im Januar 2022

Ich mache auch heute bei 12 von 12 mit. Obwohl ich den ganzen Tag in der Schule verbrachte und am Abend als Informationenfinderin meiner Tochter während ihrer Prüfungen fungierte. Das ist auch Alltag :-).

Danke an Caro von Draussennurkännchen, welche die 12 von 12 der Blogger:innen-Szene sammelt und uns auch 2022 Einblicke in die unterschiedlichsten Tageserlebnisse ermöglicht.

Hier sind meine 12 Bilder

So sieht mein Stundenplan aus. Was das für heute bedeutet, erkläre ich gleich.

Auf dem Stundenplan heute steht zuerst das Wahlfach Schreiben, wo fleissig gebloggt wird. In den nächsten zwei Lektionen unterrichten zwei Schüler:innen. Jedes Mal eine Überraschung für mich. Welches Material verwenden sie? Wie bringen sie ihre Kolleg:innen zum Nachdenken, Schlüsse ziehen, wie überprüfen sie die Verarbeitung des erworbenen Wissens?

Danach folgen zwei Lektionen individuelles Lernen. Viele lesen: Fantasyromane und Liebesgeschichten auf Englisch, griechische Mythologie, italienische Geschichte ab dem 20. Jahrhundert auf Italienisch. Es wird gezeichnet, über die Samurai geforscht, die Anatomie des Menschen studiert. Die Interessen und Neigungen sind so unterschiedlich wie die Themen vielfältig.

Am Nachmittag trifft sich eine Gruppe von Schüler:innen zum Berufs-Wahlcoaching. Sie schreiben Bewerbungen, fragen bei den Lehrbetrieben nach, üben Bewerbungsgespräche. Die zweite Gruppe kommt, um an ausstehenden Hausaufgaben zu arbeiten. Es sind in der Regel Jugendliche, die alleine zu Hause sind oder dort keine Ruhe haben, um sich zu konzentrieren.

Aber der Tag beginnt morgens. Und damit jetzt zur Chronologie meines Tages.

Begonnen hat der Tag wie immer mit einem Chai. Normalerweise bereitet ihn Sibylle, die beste aller Schulassistentinnen, zu. Heute hatte ich allerdings eine neue Mischung mitgebracht und wollte sie damit überraschen. Das perfekte Verhältnis zwischen Chai-Mischung, Milch und Wasser habe ich noch nicht erreicht. Daran wird noch gearbeitet!

Wieder einmal wird mir bewusst, …

…. wie grün …

… und hell …

… mein Arbeitsplatz ist.

Unseren Nanas scheint es auch zu gefallen, sie tanzen ganz vergnügt herum.

Die Sonne zeigt sich immer mehr. Lange wird der Schnee nicht mehr halten.

Wir arbeiten im Süden – darum scheint in unserem Trakt die Sonne öfters :-).

Es reicht wohl nicht mehr für eine Schneeballschlacht.

Ui, schon so spät … Dabei waren wir jetzt so richtig in Fahrt.

Das Pult dient als Ablagefläche. Wenn ich nicht schreibe, dann befinde ich mich selten an meinem Arbeitsplatz.

Und jetzt kommt die Prüfungsphase – da darf natürlich nicht fotografiert werden. In bocca al lupo!

Mein Motto für 2022 – Ich lehne mich zurück!

Mein allererstes Jahresmotto überhaupt lautet: Ich lehne mich zurück. Klingt nach Nichtstun, Chillen, Dolce far niente? Können durchaus Aspekte sein, aber „Ich lehne mich zurück“ wird auch eine Herausforderung und harte Arbeit für mich sein, denn ich meine das wortwörtlich :-).

Dieses Motto drängte sich während des Verfassens meines Jahresrückblicks 2021 immer mehr in den Vordergrund. Das Schreiben war spannend, erleichternd, klärend und erhellend, und führte bei mir zu Erkenntnissen und Aha-Erlebnissen und dem Begreifen von Zusammenhängen.

In der Erinnerung sehe ich die Dinge zum ersten Mal richtig – so, wie sie sind. Weil ich mich ihnen in der Stille ganz konzentriert widmen kann, unabgelenkt von dem sonstigen Geschehen, das sie bei der ersten Begegnung umspült hat.

Die erinnerte Gegenwart als die besonnene Gegenwart, die nicht nur Wucht des Eindrucks ist, sondern Erkenntnis.

Pascal Mercier

Mein Leben schlug letztes Jahr eine neue Richtung ein. Ich begebe mich daher im neuen Jahr auf eine ungewisse, aber verheissungsvolle Reise. 2022 werden sicherlich neue Skills von mir verlangt, eingefahrene Verhaltensweisen hinterfragt und angepasst werden. Ich weiss, dass sich meine veränderte Lebensenergie auch auf mein Auftreten und Handeln auswirken wird. Und wenn ich ehrlich bin – ich freue mich total darauf.

Ich kann mich nicht erinnern, je Vorsätze gefasst zu haben. Wollte ich etwas in meinem Leben ändern, dann tat ich das ab sofort und wartete sicherlich nicht bis am letzten Tag des Jahres mit der Umsetzung. Dafür wäre ich auch viel zu ungeduldig :-). Ein Jahresmotto klingt im Gegensatz zu Vorsätzen nach Möglichkeiten und Optionen und nach einem lohnenden 2022.

Ich lehne mich zurück und meine Körperhaltung verbessert sich

Während des letzten Jahres verbrachte ich die meiste Zeit als Banane. Bananen enthalten neben vielen Vitaminen auch Mineral- und Ballaststoffe sowie Antioxidantien, kurz gesagt, sie sind gesund. Allerdings sind sie auch krumm.

Diese krumme Haltung mag der Banane gut anstehen, mir tut sie nicht gut. Die gebückte Haltung führt zu Rückenschmerzen und eingeschränkter Lungenkapazität. Ich brauchte immer länger, um abends meine Wirbelsäule frei und gerade zu atmen und bemerkte, dass mir immer öfter im wahrsten Sinne des Wortes die Luft ausging. Auch lag der Fokus meines Blickes vermehrt auf dem Boden und immer seltener liess er einen Rundblick zu.

Wie arbeite ich an meiner Haltung?

  • Ich stelle mich mehrmals täglich an eine Wand. Meine Fersen berühren die Wand, mein Rücken drückt sich an die Wand. Nun neige ich den Kopf so lange nach hinten, bis er ebenfalls die Wand berührt.
  • Anfangs hatte ich Angst nach hinten zu fallen, so krumm war als gerade abgespeichert. Das Wissen, dass sich hinter mir eine stabile Wand befindet, die mich im Prozesse unterstützt, half mir aber, mich zurückzulehnen.
  • Ich verharre einen Augenblick in dieser Position. Aufmerksam. Wenn es sich unwohl oder schmerzhaft anfühlt, atme ich mehrere Male aufmerksam durch. Ich weiss, dass mich meine momentanen Eindrucke in die Irre führen möchten.
  • In einem weiteren Schritt umarme ich die Welt. Das Heben und Ausstrecken der Arme führt zu einer erneuten Streckung und einer Öffnung. Auch in dieser Position verharre ich eine Weile.

Ich lehne mich zurück und warum der Kartoffelsack ins Spiel kommt

Die Banane war auch an Sitzungen in der Schule präsent. Statt einfach zurückzulehnen und zuzuhören, sass sie vornübergebeugt da, immer auf dem Sprung. Bereit zu reagieren und zu kommentieren. Angespannt und krumm.

Ich lehne mich zurück, soll sich auch an Sitzungen zeigen. Aus diesem Grund wird die Banane durch den gefüllten Kartoffelsack ersetzt. Sitzungen vor Ort finden in der Regel in einem Sitzungszimmer statt. Alle setzen sich hin und stehen erst wieder auf, wenn die Sitzung beendet ist.

Und da kommt der Kartoffelsack ins Spiel. Ein Kartoffelsack hängt bequem im Stuhl. Die einzelnen Kartoffeln verteilen sich auf der vorhandenen Fläche und geben Stabilität und Ruhe, nichts verrutscht. Befinde ich mich in diesem Zustand, lehne ich mich bewusst zurück, so kann ich in Ruhe zuhören, mir meine Gedanken machen, ohne direkt aktiv zu werden.

Diese Haltung habe ich während den Onlinesitzungen der letzten Monate bereits geübt. Ich bin viel entspannter, wenn ich vom Sofa aus an einer Sitzung teilnehme.

Ich lehne mich zurück oder ich fokussiere mich auf mich selbst

Meine alte Energie war unerschöpflich, pulsierend, immer im Aktion und verhalf mir zu unbeschreiblichen Erlebnissen. Meine neue Energie ist sanfter, weniger nach aussen gerichtet. Welches spezielle Potenzial in ihr liegt, was sie mich erkennen und erleben lässt, werde ich sicherlich im kommenden Jahr in Erfahrung bringen.

Bisher habe ich sehr viel für unser Team gemacht. Ich organisierte Lesungen, kochte wöchentlich für 20–30 Leute Personen, coachte als Schreibberaterin die Texte unserer Schüler:innen, brachte neue Schreibimpulse ins Team und initiierte neue Wahlfächer.

Niemand hat mich zu diesen Aufgaben gezwungen. Ich machte sie alle gerne, weil sie meinen Neigungen und Talenten entsprachen. Es war mir ein Anliegen, dass die Gemeinschaft von meinen Stärken profitieren kann, schliesslich fielen mir all diese Aktivitäten leicht und bereiteten mir Freude. Sie wurden nie finanziell entschädigt, aber das war mir bisher auch egal.

Meine neue, sanftere Energie wird mir nicht mehr so viele verschiedene Aktivitäten erlauben. Darum lehne ich mich mit meinen Aktivitäten zurück. Ich überlege mir, anders als bisher, was das für mich bedeutet, wenn ich solche Aufgaben an mich reisse. Worauf verzichte ich persönlich zugunsten der Allgemeinheit? Bin ich dazu bereit oder will ich diese Zeit nicht lieber für mich einsetzen?

Und hier beginnt der schwierige Punkt an der Umsetzung. Ich werde lernen müssen, mit „Nein“ auf Bitten und Anfragen zu reagieren. Bisher sagte ich „Ja“, obwohl ich eigentlich lieber „Nein“ gesagt hätte. Ich führte mir jeweils vor Augen, dass es für mich keinen grossen Aufwand bedeutet, den Bedürfnissen anderer nachzukommen. Dass ich sie gerne unterstütze.

Aber von jetzt an wird „Nein“ zu meinem aktiven Wortschatz gehören. Ein klares „Nein“ bedeutet ein klares „Ja“ für mich!

Ich lehne mich zurück und bekomme mehr Zeit für mich

Anfangs Schuljahr schenkte mir Lydia, meine Freundin, die Happy Teaching Agenda. Dazu gab es auch unterschiedliche Kleber, die man direkt in die Termine einkleben konnte. Einer heisst „Pause für mich„. Sie hat mir sämtliche Zwischenstunden mit diesem Kleber markiert. Ich fand das süss, aber achtete nicht weiter darauf.

Das ändert sich von jetzt an. Ich nutze diese Zeit, um still zu werden. Nichts für die Arbeit zu tun. Auf mich zu hören. Während dieser Zeit lasse ich meinen Gedanken freien Lauf. Wenn es passt, schreibe ich von Hand. So verbinde ich mich mit meinem Unterbewusstsein und schaffe Platz für die Kreativität.

Was geschrieben werden will, soll seinen Weg auf das Papier finden. Zweckfrei und ohne Bewertung. Das wichtigste ist aber wohl, dass ich mir kein schlechtes Gewissen erlaube, weil ich vordergründig nichts tue.

Ich bin sicher, dass noch ganz viel in mir schlummert, das sich lohnt, entdeckt zu werden. Dafür will ich mir Zeit schenken. Gleichzeitig will ich liebevoller mit mir umgehen, den Fokus auf mich, statt auf das Aussen richten. Was brauche ich? Was würde mir jetzt Freude bereiten? Ein Schaumbad? Einen Nachmittag bei einer Freundin oder an der Sonne verbringen?

Auch zu Hause organisiere ich mich neu. Es ist wunderbar, zusammen in der Küche zu stehen, zu schnippeln, zu kochen und zu sprechen. Gleichzeitig haben wir in den letzten Wochen und Monaten aber oft festgestellt, dass uns kaum noch Zeit bleibt, nach dem Essen und dem Abwasch noch in Ruhe zusammenzusitzen und uns auszutauschen.

Aus diesem Grunde werden wir vermehrt an den Wochenenden vorkochen und unter der Woche darauf zurückgreifen. So können wir uns liebe und wertvolle Tätigkeiten trotzdem noch ausführen, gewinnen aber unter der Woche mehr Zeit für uns.

Woran merke ich, dass ich an meinem Motto arbeite

  • Meine Körperhaltung ist gerade.
  • Mein Blick nimmt die Fülle meiner Umgebung wahr.
  • Ich übe mich im Zuhören und Beobachten
  • Ich übernehme keine Aufgaben, nur damit „man“ sie macht.
  • Meine Reaktionen sind weniger spontan und direkt, dafür reflektierter.
  • Ich werde bei einigen meiner Mitmenschen auf Unverständnis stossen, weil ich mich nicht wie gewohnt verhalte.
  • Ich lerne andere Seiten und Fähigkeiten von mir kennen, weil ich ihnen den Raum gebe, sich zu entfalten.
  • Ich habe Zeit, zu schreiben und mich weiter kennenzulernen.
  • Ich bleibe bei mir.

Fazit

Ich freue mich 2022 ganz neue Seiten an mir zu entdecken. Mein Motto „Ich lehne mich zurück“ soll mich unterstützen und stärken für eine verbesserte Haltung, für mehr Me Time und Self-Care. Durch den klaren Fokus auf mich und meine Bedürfnisse lerne ich, Grenzen zu setzen und „Nein“ zu sagen. Dadurch gewinne ich eine klare innere wie äussere Haltung, Ruhe sowie Zeit für mich und begegne mir respektvoll und wertschätzend.

Meine liebsten 10 Blog-Artikel 2021

In diesem Artikel stelle ich dir meine 10 liebsten Blog-Artikel 2021 von Kolleginnen aus The Content Society vor. Seit ich selbst blogge, lese ich regelmässig Blog-Beiträge.

Die Vielfältigkeit der Autorinnen spiegelt sich nicht nur in den Themen und Fachgebieten, sondern auch im Aufbau ihrer Seiten. Für mich sind diese Blogs spannend, bereichernd und lehrreich. Mein Allgemeinwissen hat sich durch diese Lektüren vergrössert (ich wusste beispielsweise nicht, was Zirben sind). Gleichzeitig lerne ich sehr viel darüber, wie man Blog-Artikel aufbaut und schreibt.

Folgende Autorinnen haben die Beiträge meiner Top 10 geschrieben

Barbara-Mira Jakob

Barbara-Mira Jakob lebt in Winterthur und ist Visionärin und Online-Mentorin für weibliche Weisheit. Gleichzeitig ist sie auch mein Blog-Buddy.

Ihr Fachgebiet umfasst Themen, mit denen ich mich bisher nie bewusst auseinandergesetzt habe oder die mir unbekannt sind. Es ist für mich sehr bereichernd, ihre Artikel zu lesen. Ich lerne jedes Mal etwas dazu. Ausserdem liebe ich es, wenn sie ihr Wissen mit Zitaten aus der Literatur ergänzt.

Als Kind war mir völlig klar, was ich werden wollte: Prinzessin oder Königin. Und dann hätte ich glücklich und zufrieden bis ans Ende meiner Tage gelebt. Ich bin weder Prinzessin noch Königin geworden. Aber ich trage die innere Königin in mir.

Barbara-Miras Artikel Wie du deine innere Königin garantiert ins Exil schickst illustriert wunderbar, was aus mir wird, wenn ich die innere Königin ignoriere.

Sabine Scholze

Sabine Scholze arbeitet als Trauergefährtin, Coach und Mentorin in Umbruchsituationen und ist eine begnadete Schreiberin. Ihre Texte bringen mich zum Schmunzeln, gleichmässig bieten sie aber auch viel Stoff, um über das Leben und den Tod nachzudenken.

Sabine hat ein sehr bewegtes Jahr hinter sich. In ihrem Blog erzählt sie, was sie umtreibt, wie sie mit Verlust umgeht, aber auch wie sich durch diese Ereignisse ihr Leben veränderte und sie eine neue Bestimmung fand.

In meinen Lieblingsbeitrag Die Abrechnung: 6 meiner grössten Fehler – und was am Ende daraus geworden ist berichtet Sabine darüber, was sie nach ihrem Tod erlebt. Sie muss einer (nicht sehr sympathischen) Dame Rede und Antwort stehen.  Ihr Job ist es, zu bestimmen, wie Sabine den Rest der Unendlichkeit verbringen wird.

Nicole Borho

Nicole Borho designt Herzenskissen und ist weiter als Kräuter- und Aromaberaterin, Malerin & Dichterin tätig.

Sie war eine der ersten Frauen, die ich bei The Content Society kennenlernen durfte. Beeindruckt hat mich ihre Herzlichkeit und Leidenschaft. Ich hatte mir nämlich nicht vorstellen können, dass Kissen nähen ein Business sein könnte. (Aber damals konnte ich mir noch vieles nicht vorstellen 🙂 ).

Inzwischen habe ich kleinere Online-Einblicke in ihre Arbeit erhalten und bin fasziniert, mit welcher Hingabe sie sich ihrer Aufgabe widmet. Ich freue mich jetzt schon, sie im nächsten Frühsommer persönlich zu treffen. Wer weiss, vielleicht kehre ich sogar mit einem Erinnerungskissen aus meinem Berufspraktikum zurück.

In meinem Lieblingsartikel Der Trauer einen Platz geben: Papa darf jetzt gehen beschreibt Nicole, wie sie beim Kreieren von Erinnerungskissen vorgeht.

Yvonne Schudel

Yvonne Schudel. Ermutigerin. Perspektivenwechslerin. Hoffnungsträgerin. Psychologin & Sexologin.

Yvonne kenne ich seit ihrer Geburt, sie ist meine Cousine :-). Sie ist der Grund, warum ich überhaupt mit Bloggen begann. Vor einem Jahr erwähnte sie, dass sie einen Kurs bei The Content Society gebucht hätte und nun regelmässig schreiben werde. Ich fragte mich damals, wie sie das wohl macht und ob sich ihre Texte qualitativ immer auf dem gewohnt hohen Niveau halten würden.

Das haben sie! Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue, wie Yvonne ihre Haltung, ihre Vision, ihre Herzensanliegen in klare und deutliche Worte fassen kann. Diese beeindruckende und tolle Frau hat wirklich die Begabung, auf den Punkt zu kommen. Das zeigt sich beispielhaft in ihrem Artikel Die sexuell erfüllte Frau – ein Manifest. Schnörkellos, direkt, ohne Firlefanz, ohne erhobenen Besserwisserin-Zeigefinger spricht Yvonne Themen an und stellt Glaubenssätze in Bezug auf die weibliche Sexualität in Frage. Ihre Artikel wirken nach und regen zum Nachdenken an.

Ich hatte übrigens das Privileg, dass Yvonne mit meinen Schülerinnen zwei Lektionen Sexualkunde-Unterricht bestritt. Feinfühlig, klar, empathisch und offen auf alle Fragen von 15-Jährigen. Sie lebt und schreibt, wie sie ist. Völlig authentisch!

Uli Pauer

Uli Pauer bezeichnet sich selbst als Bloggerin, Minimalistin und Aufträumcoach.

Als Genie, das das Chaos beherrscht, halte ich mich gern weit entfernt von missionarischen Ordnungsfanatiker:innen. Uli schaffte es durch ihre humorvolle Art mich in ihren Bann zu ziehen. Erst nur über ihre 12 von 12 – Beiträge, die immer auch politische und historische Bezüge, Anekdoten und Geschichten aufwiesen.

Etwas später nahm ich sogar an einer ihrer Entsorgungschallenge teil. Und so befinden sich die leeren Blumenkisten nicht mehr in meinem Keller, sondern vor meinem Schulzimmer. Eine Win-Win-Situation – wenn die Tulpenzwiebeln nicht erfrieren.

Mein Lieblingsartikel ist und bleiben aber die 7 Tipps, wie du dich garantiert nie von Dingen trennst.  Schwarzer Humor inklusive!

Dina Mazzotti

Dina Mazzotti ist Expertin für Begabtenförderung, Diagnostik und Beratung.

Mit dem Thema der Hochbegabung wurde ich vor über 20 Jahren konfrontiert, als meine Tochter den Kindergarten besuchte. Ich hätte mir gewünscht, praktische und empathische Tipps und Inputs zu erhalten. Eine Person wie Dina zu finden, die diese Situation selbst in der Familie erlebte. Die weiss, wovon sie spricht und den Ausnahmezustand aufhebt.

In meinem Lieblingsartikel schreibt Dina über ihre  Lieblingskunden, den ganz normalen Hoch-Potenzial-Familien. Und ganz ehrlich … seit ich den Artikel gelesen habe, bin ich auf der Suche nach einem weiteren Familienmitglied mit hohem Potenzial. Vor einigen Tagen wurde ich fündig: die Patin meiner Tochter, meine gefühlte kleine Schwester. Blöd ist nur, dass wir nicht blutsverwandt sind …

Nicole Isermann

Nicole Isermann ist Fachjournalistin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Online-Redakteurin und Bloggerin.

Ich habe mir bereits jetzt vorgemerkt, dass ich 2022 wieder Nicoles Adventsmails erhalten möchte. Ihre Texte heben sich von vielen anderen ab. Nicole ist kreativ, mitdenkend und liest zwischen den Zeilen. Ihre Mails sind schlicht, humorvoll, wertschätzend, zeugen von Interesse und guter Beobachtungsgabe, sind empathisch und authentisch.

Hand aufs Herz: In welcher Adventsmail wird mir eine Anleitung zur Beseitigung der Knutschflecke frei Haus geliefert? Und durch das Weiterleiten an meine 80-jährige Mutter sowie einem kurzen Input am Ende einer Schulwoche wurde ich zur gefeierten Heldin :-).

Gendern – ein Thema, das mich, seit ich blogge, noch mehr als zuvor beschäftigt und teilweise beinahe zum Verzweifeln bringt. Nicole hat sich zusammen mit anderen Autorinnen in ihrer Blogparade zur Gendergerechtigkeit damit vertieft auseinandergesetzt. Die verschiedenen Artikel geben Einblicke aus unterschiedlichen Blickwinkel und sind eine empfehlenswerte Lektüre.

Umani Wendler

Umani ist Inspirationsspezialistin, Coach, Raumgestaltungsexpertin, Bloggerin, Autorin und Künstlerin.

So vielfältig wie ihre Begabungen und Tätigkeiten sind auch Umanis Texte. In meinem Lieblingsartikel 2021 geht es um Veränderungen und Wandlungen in ihren Leben. Ich erkenne mich in vielen Aussagen wieder, gerade wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke. Wunderschön ist der Titel des Artikels: Wandlungssicherheit.

Persönlich hätte ich diese zwei Begriffe nie in einem Atemzug genannt. Wandlung und Veränderung lösten bei mir in der Vergangenheit niemals das Gefühl von Sicherheit aus. Erst immer im Rückblick. Umanis Artikel hat eine neue Perspektive in mein Leben und meine Sichtweise auf Entwicklungen gebracht.

Claudia Scholz

Claudia Scholz bezeichnet sich als leidenschaftliche Bloggerin und Interviewerin.

Diese Beschreibung wird ihr in keinster Weise gerecht. Ihr Tun und Sein in Worte einzufangen, war mir schlicht unmöglich. Zu ihren Stärken gehört, dass sie sich für das soziale Umfeld und Wohlbefinden einsetzt.

Ein kurzer Artikel von Claudia hat es mir besonders angetan. Sie beschreibt darin, warum sie Kunst und Handwerk liebt. Ihre Schlüsse haben mich bereichert und mir einen neuen Blick nicht nur Kunst und Handwerk, sondern ganz allgemein auf „Produkte“ ermöglicht. Beispielsweise auf Gärten, die meine Nachbarn gestalten, auf Texte, die meine Schüler:innen schreiben, auf Dekorationen und Installationen, denen ich in meinem Alltag begegne.

Frollein Frieda bloggt

Ach ja … und dann gibt es noch Frollein Frieda, ein Herdenschutzhundmix mit Schafsphobie. Ganz ehrlich, ich bin kein ausgesprochener Hundefan. Am liebsten mag ich Hunde, wenn sie weit weg von mir sind (Kira und Jilly natürlich ausgenommen). Aber Frieda, die mag ich. Nicht nur, weil sie den gleichen Namen wie meine Grossmutter trägt.

Ich mag sie, weil Frieda Humor hat. Weil sie stur ist. Weil sie es nicht immer einfach hat mit ihrer Übersetzerin. Weil sie gerne Klartext spricht. Und weil sie eine sehr emanzipierte Hündin ist, die gerne finanziell unabhängig wäre.  Ausserdem hat mir Frieda in ihrem „Mein 12. November 2021“ den Tipp für den Adventskalender gegeben, mit dem ich bei Jillys und Kiras Übersetzerin gepunktet habe!

 

Das waren 10 Artikel aus dem letzten Jahr, die mich beeinflusst und verändert haben. Eine kleine Auswahl, was in einer tollen Community entstehen kann. Vielleicht hast du als Leserin auch Lust bekommen, regelmässig zu schreiben und zu lesen. Wie toll wäre es, wenn ich auch dich im Rückblick 2022 erwähnen dürfte? Informieren kannst du hier über den Jahreskurs The Content Society.

 

Jahresrückblick 2021: Wie Phönix aus der Asche

Das Schreiben dieses Jahresrückblicks zeigte im Kleinen auf, wie mein letztes Jahr verlief. Der Laptop ging während des Verfassens kaputt, die Passwörter befinden sich gesichert im (kaputten) Laptop und als ob das nicht reichen würde, wurde ich noch krank. Da nützen klare Ziele und Planungen herzlich wenig, wenn das Leben das Kommando übernimmt und alles durcheinander würfelt.

Darüber lässt es sich aufregen und enervieren, aber irgendwann merkt man, dass es gesünder, sinnvoller und vor allem einfacher ist, vorwärtszugehen und weiterzumachen. Befindet man sich in dieser Phase, dann belohnt das Leben mit völlig unerwarteten Überraschungen.

Jahresrückblick

Wie das Leben früher war …

Jahrzehntelang war ich eine Person mit beinahe unerschöpflichen Energien. Was ich machte, tat ich aus Überzeugung. Ich verfügte über beinahe nicht endende Ressourcen, holte mir die Kraft aus meinen Projekten. Als Mutter, Ehefrau, Tochter, Studierende, Schulpflegerin, Klassenlehrerin, Schreibberaterin, Praxislehrperson, überall war ich höchst engagiert und liebte es „kleine“ Projekte zu machen, die sich dann zu grossen entwickelten. Ich liess mich von meinem Enthusiasmus und meiner Intuition leiten und schaffte es mühelos, andere Menschen zu begeistern, zu motivieren, mitzuziehen.

Mein Lebensmotto lautete „Was gut ist, lässt sich optimieren“. Das bedeutete für mich, nicht auszuruhen, nicht zweimal dasselbe zu machen, sondern alles zu ergänzen, auszuweiten, zu verbessern. Daraus zog ich meine Kraft und meinen Selbstwert. Ich wusste, was ich konnte, wozu ich fähig war und wie ich mein Leben gestalten wollte.

Veränderung im Aussen

Ich dachte immer, ich könnte mit allen Menschen arbeiten. Jede Person hat ihre Stärken und Schwächen, was sie ja auch zu etwas Einzigartigem und Speziellen ausmacht. Als Lehrperson sehe ich eine meiner Aufgaben darin, die Stärken meiner Schüler:innen zu erkennen. Manchmal müssen sie auch erst freigelegt und ausgegraben werden, um anschliessend darauf aufzubauen.

Ich war im Team bekannt dafür, dass ich es schaffte, mit jeder noch so schrägen Lehrperson eine Beziehung aufzubauen, ihr beim Einleben zu helfen und sie spüren lassen, dass sie willkommen war. Manchmal verlief das schnell, manchmal brauchte es mehrere Jahre, aber es klappte immer.

Im letzten Jahr habe ich an meinem Arbeitsplatz erleben müssen, dass es toxische Personen gibt. Sie verhalten sich wie Vampire, nur dass sie kein Blut, sondern emotionale Energie absaugen und das Gegenüber leer zurücklassen.

Toxischen Menschen fehlt die Empathie für ihr Gegenüber, sie können Bedürfnisse weder erkennen und noch wahrnehmen. Sie verhalten sich grenzüberschreitend und übergriffig. Zusätzlich streuen sie Gerüchte, verbreiten Lügen und sprechen dem Gegenüber Stärken und Kompetenzen ab. Dieses Verhalten schwächt, zerstört und macht krank. So auch mich.

Energielos

Meine Energie war weg. Mein körpereigenes Warnsystem hatte mir keinerlei Zeichen geschickt und ich vertraute meinem Körper. Hatte er mich doch in der Vergangenheit immer rechtzeitig gewarnt und aufgefordert, eine Pause einzulegen. Dieses Mal nichts, keine Warnung.

Ich schaffte es kaum noch aufzustehen. Nach einem kurzen Spaziergang an den Briefkasten musste ich mich hinlegen und schlafen. Es ging nichts mehr. Gar nichts mehr. Ich war erschöpft, leer, ausgebrannt.

Unkontrolliertes Zittern, Schwächegefühle, Erschöpfungszustände waren meine Begleiter. Der Kopf funktionierte, aber nur in Gedanken. Sobald die Gedanken hätten ausgesprochen werden sollen, wurden Wörter ausgetauscht und lustige Satzkreationen entstanden. Lustig für die anderen. Tragisch für mich.

Schlafen war das grösste Bedürfnis. Mein Energiereservoir war leer. Und meine grosse, strahlende, orange Energiekugel, die mich seit Jahren begleitete, war nicht mehr vorhanden. Nur eine grosse Leere.

Schreibend auf der Suche

Wenn die Gedanken nicht ausgesprochen werden können, dann schreibe ich. Diese trotzige Reaktion leitete eine Entwicklung ein, die ich mir weder ausdenken, noch hätte vorstellen können. Ich begann zu schreiben. Von Hand. Mit meinen Lieblingsstiften, in mein schönes Schreibbuch.

Mein erster Eintrag lautete: „Jetzt liegt dieses wunderschöne Buch vor mir und ich habe Lust regelmässig reinzuschreiben. Eigentlich wollte ich ja „jeden Tag“ notieren, aber schwupps merkte ich, dass mich dies unter Druck setzen würde. Was, wenn ich es dann trotzdem nicht jeden Tag schaffe? Kämpfe ich dann bereits wieder mit meinem schlechten Gewissen?

Amüsant und irritierend, dass mich bereits jetzt die Verwendung von Wiederholungen nervt. So komme ich absichtslos bereits zu meinem ersten Ziel für dieses Jahr. Meine Einträge nehmen an keinem stilistischen Wettbewerb teil! Die Worte werden so notiert, wie sie mir einfallen, wie sie aus dem Kopf aufs Papier purzeln.

Ausgangspunkt waren (und sind) Affirmationen, Werbungen, Sätze aus Büchern, Fragmente. Die schreibe ich als Titel. Und dann führt mein Unterbewusstsein die Hand und füllt Seite für Seite.

Ich wollte nicht über die aktuelle Situation nachdenken. Ich wollte mich nicht bemitleiden, weil ich meine Leistung nicht mehr brachte. Ich wollte Zugang zu meinem Innern. Wissend, dass der Zugang zu „meiner“ Energie irgendwo in mir vorhanden war. Ich musste ihn nur finden.

Hobbylos

Wir verbrachten wunderschöne Tage in den Bergen, aber zur Energie fand ich nicht zurück. Als ich dann noch zusammenklappte und im Notfall landete, wurden mir zwei Sachen klar. Ich brauchte Struktur und einen Sinn und ich wollte auch wieder ein kleines Pensum arbeiten. Einfach so viel, dass ich am Morgen aufstehen, duschen, anziehen und das Haus verlassen musste. Erholen konnte ich mich am Nachmittag.

„Du brauchst ein Hobby, meine Liebe,“ fanden meine Freundinnen. Es war auch klar, in welche Richtung mein Hobby hätte gehen sollen. Irgendwas Kreatives, was Sportliches, was Verrücktes, was Aussergewöhnliches. Ich hatte allerdings kein Bedürfnis nach einem Hobby und schon gar nicht, regelmässig zu trainieren oder mit Töpfern zu beginnen. Und überhaupt! Hatte ich nicht vor Jahren mein Hobby zu meinem Beruf gemacht? Hatte ich mich nicht regelmässig weiterentwickelt, meine Kompetenzen erweitert und vertieft?

„Du könntest ja was mit Schreiben oder Sprache machen“. Noch so ein genialer Vorschlag. Das ist doch mein Beruf – ich arbeite täglich mit Sprache und mit Schreiben!
Aber diese Aussage hakte sich fest, lies mich nicht los, stellte mir Fragen. Befasste ich mich in letzter Zeit auch mit meinem eigenen Schreiben? Was schrieb ich? Mit welcher Absicht? Wie oft?

Bloggen?

Meine Cousine Yvonne bloggte. Sie hatte sich sogar einen Jahreskurs geschenkt, mit dem Ziel, jede Woche einen Artikel zu verfassen. Ich las ihre Artikel sehr gerne. Ihre Art zu schreiben, löste bei mir gute Gefühle aus, wärmte mich. Ob wohl das Schreiben von Blog-Artikeln dies auch auslöste? Ob Bloggen auch was für mich sein konnte?

Bloggen? Eigentlich gar keine schlechte Idee. Nur … Einerseits hatte ich mich bisher vor Technik erfolgreich gedrückt. Andererseits dachte ich, dass Bloggen das Medium für Online-Unternehmer:innen sei, die etwas anzubieten und zu verkaufen haben. Oder die durch das Bloggen ihr Geld verdienen.

Die sind Expert:innen – aber ich? Was kann ich denn wirklich gut, bin ich irgendwo Expertin? Ich bin doch einfach Durchschnitt, normal, nichts Besonderes.

Mein erstes Selfie – auch das gehört zum Bloggen.

Das Blog-Feuer ist entfacht

Blieb die Frage, wie ich mir das Know-how des Bloggens am besten und einfachsten aneignen konnte. In dieser Zeit stiess ich auf ein kostenloses Angebot von Judith Sympatexter Peters

Boom Boom Blog – in 7 Tagen einen grossartigen Blogartikel schreiben. Geeignet für Blog-Einsteiger:innen. Perfekt! Dass sich Judith am Ende des Kurses Zeit für ein persönliches Gespräch nahm und meine Fragen beantwortete, nahm mir auch den letzten Zweifel – ich werde Bloggerin und lerne mit dem TheBlogBang weiter!

Mein Feedback an Judith

Und was soll ich sagen: Dieser Kurs ist genau zugeschnitten auf eine Anfängerin wie mich! Judiths wöchentliche Inputs und Erklärungen, die klare Struktur gepaart mit vielen (kurzen) Erklärvideos und viel Unterstützung, geben mir Mut und den Kick, mich den Herausforderungen zu stellen.

Was ich zusätzlich schätzte, waren die konstruktive Kritik, das regelmässige Feedback und die tollen Mitbloggerinnen. Ich konnte in meinem Tempo und ohne Druck arbeiten und die zur Verfügung gestellten Informationen nach und nach verarbeiten.

Ich blogge und erkenne mich

Und langsam kehrte auch wieder die Energie zurück. In ganz kleinen Dosen, immer noch sehr fragil, aber sie war wieder spürbar. So blieb ich beim Bloggen, bei der The Content Society, bei all den tollen Frauen mit ihren unterschiedlichen, kraftvollen Texten. Und bei meiner Blog-Buddy Barbara-Mira die mir immer die richtigen Fragen stellt und Sachen anspricht, die mir noch nicht bewusst sind.

Über das Schreiben wurde ich mir wieder meiner Stärken bewusst. Ganz offensichtlich wusste ich seit langem, in welchen Bereichen ich gut und kompetent bin, wo ich Expertin bin.

Seit Jahren leite ich Weiterbildungen und Workshops zu unterschiedlichen Bereichen aus dem weiten Gebiet des Unterrichts, coachte jahrzehntelang Kursleiter:innen und Dozent:innen in der Erwachsenenbildung, begleite Studierende der PHZH während ihrer Praktika. Als Schreibberaterin beschäftige ich mich intensiv mit dem Vermitteln von Schreibstrategien und berate Schüler:innen, Studierende und Erwachsene.

Meine Weiterbildungen dienten immer dem Zweck, meine Skills zu erweitern, mein Wissen zu verbreitern und neue Inputs und Methoden in bereits Vorhandenes einzubauen.

Aber als Frau meiner Generation, gepaart mit dem typischen Schweizer Understatement, war ich es gewohnt, mich kleinzumachen, ja nicht zu sehr aufzufallen, niemand zu explizit zu zeigen, was ich kann. Schliesslich wollte ich ja nicht als arrogant und besserwisserisch erscheinen.

Über das Schreiben merkte ich, wofür mein Herz brennt und was ich der Welt mitzuteilen habe. Es wurde so klar, so strahlend, so lodernd: Ich bin Expertin für Schule und Unterricht. In Zukunft wird gebloggt und ich stehe selbstbewusst zu meinen Kompetenzen und Fähigkeiten.

Meine Stärken auf mich anwenden

Nachdem ich wieder Zugang zu mir und meiner Energie gefunden hatte, musste ich eine Lösung für meinen Arbeitsplatz finden.

Ich hatte verschiedene Strategien ausprobiert, um mich zu schützen. Lösungsorientiertes Handeln, auf Distanz gehen, Selbstfürsorge betreiben. Es nützte nichts. Es war ein Anrennen gegen Windmühlen.

Eine Option lag schon länger im Hinterkopf. Einfach ignorieren. So wie früher in den Chats. In meinem Kopf /ig XY zu tippen. Aber konnte ich das wirklich? Verleugnete ich damit nicht meine Grundhaltung?

Wie so oft brachten die Zeit und ein langes Gespräch mit meiner besten Freundin Klärung und den Ausstieg aus dem Teufelskreis. Die Lösung lag in mir, sie war aus meinen Werten und meiner Grundhaltung entstanden. Sie bot mir Hand, neue Wege zu gehen und proaktiv tätig zu werden.

Ich bin eine empathische, lösungsorientierte, authentische, vorausschauende und offene Person. Nur hatte ich bisher nie bedacht, dass diese Eigenschaften nicht nur gegen aussen wirken, sondern auch auf mich selbst angewandt werden dürfen. Ein lösungsorientierter Ansatz darf sich an meinen persönlichen Bedürfnissen ausrichten. Und Empathie soll ich mir auch selbst zukommen lassen.

Wohlfühloase

In der folgenden Nacht hatte ich einen Traum. Ich träumte von meinem Klassenzimmer als grüner Wohlfühloase. Ein Energie- und Kraftort. Einem Ort, der frei von schädlichen Einflüssen, von negativer Energie ist.

Also wurde in der letzten Ferienwoche das Zimmer intensiv geräuchert. Ich war schon an mehreren Räucherungen dabei, aber diese dicken, stinkenden Schwaden, die sich dann aus Türen und Fenstern ergossen, die draussen längere Zeit sicht- und spürbar waren, das hatte ich noch nie erlebt. Meine Freundin sagte mir später, dass dies die anstrengendste Räucherung gewesen sein, die sie je gemacht habe.

Danach haben wir Tische umgestellt, Pflanzen gekauft und von zu Hause mitgenommen, andere Bilder aufgehängt und nach und nach entwickelte sich unser Arbeitsraum zu einer grünen Wohlfühloase.

Dieses veränderte Klima nahmen nicht nur wir wahr, sondern auch die Schüler:innen reagierten sehr positiv darauf. Sie fanden, dass es sich einfacher lernen lasse, weil das Grün der Pflanzen sie beruhige und dadurch eine chillige Stimmung herrsche 🙂 .

Sieht auch zur Adventszeit gut aus 🙂

Unsere gute Fee Vesna, die zweimal die Woche putzt, brachte die Veränderung auf den Punkt: „Ich weiss nicht, was ihr mit diesem Zimmer gemacht habt. Aber wenn ich eintrete, dann fühle ich mich geborgen, entlastet und wohl. Dieser Ort stimmt mich heiter und zuversichtlich.“

Energie 2.0

Ich verfüge wieder über Energie 🙂 🙂 💃 💃 💃 . Neun Monate lang habe ich mich von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag gehangelt. Jetzt lebe ich wieder in meiner Energie. Sie manifestiert sich nicht mehr in einer pulsierenden, orangen, strahlenden Kugel. Meine neue Energie ist ruhiger, gelassener. Eher wellenförmig und himmelblau. Wir lernen einander erst kennen. Aber ich bin sicher, dass wir uns bestens verstehen werden.

Ich habe realisiert, dass ich viel Zeit für mich selbst benötige. Immer wieder bewusst zu mir zurückkehren, den Fokus auf mich richten. Bei mir bleiben und zur Ruhe kommen. Das ist neu für mich.

Das Schreiben gibt mir nicht nur Energie, wie ich bis anhin dachte, sondern erfüllt mich auch mit Ruhe und Gelassenheit. Deshalb werde ich weiterschreiben und mir weiterhin Inseln dafür schaffen.

Bloggen mit Schüler:innen

Es liegt auf der Hand, dass das Thema Bloggen auch den Weg in meinen Unterricht gefunden hat. 33 Schüler:innen hatten sich für das Wahlfach Schreiben angemeldet. Entweder weil sie gerne schreiben, die Freude am Schreiben entdecken möchten oder weil sie ihren persönlichen Stundenplan mit einem nicht kognitiven Fach ergänzen wollten.

Der Blog-Virus hat sie alle infiziert. Sie setzen die Themen spannend um, bringen ihren ganz persönlichen Touch ein und gestalten immer mehr auch mit eigenen Bildern. Woche für Woche wird so ihr Schreibenblog gefüttert und wächst und wächst. Diese Art des Schreibens kommt Jugendlichen entgegen. Arbeiten am Computer an sich ist schon reizvoll. Selber über den Inhalt bestimmen zu dürfen, lässt sie kreativ werden.

Ich bin hell begeistert über ihre Kreativität und Fantasie. Auch die Kommentare, die sie ihren Mitschüler:innen hinterlassen, sind wertschätzend, zeugen von Interesse und ermöglichen neue Kontakte.

Natürlich investiere ich viel Zeit in die Betreuung und das Coachen der Texte. Weit mehr als es vorgesehen wäre. Aber das stört mich nicht im Geringsten. Die Freude und die Energie, die über dieses Projekt an mich zurückfliessen, sind den Einsatz allesamt wert.

Das Fazit nach fünf Monaten: 285 veröffentlichte Beiträge, 112 Entwürfe, 586 Kommentare. 

Vorwärts mit Rücksicht

Im nächsten Mai werde ich im Rahmen meiner Intensivweiterbildung ein 7-wöchiges Betriebspraktikum absolvieren. Für mich war seit Jahren klar, was ich während dieser Zeit machen würde. 7 Wochen in Florenz wohnen und von Morgen bis Abend Italienisch sprechen, denken, essen. Meine Seele baumeln lassen und voller Dolce vita-Feeling wieder zurückkehren.

Aber im 2021 läuft alles anderes als geplant 🙂 . Mein Aufenthalt in Florenz wird nicht realisierbar sein, da mein Knie da nicht mitmachen will. Und so fahre ich nicht nach Italien, sondern nach Deutschland, genauer nach Haigerloch zu Judith Peters.

Mögen mir die Blog-Göttinnen zur Seite stehen, wenn ich mich dann im Zentrum des Blog-Universums befinde :-).

Was uns zusammenhält

Während dieses speziellen Jahres konnte ich auf das Wissen, die Unterstützung und Freundschaft verschiedener Freund:innen zählen und zurückgreifen. Ohne sie und meinem Mann wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

Was diese doch sehr unterschiedlichen Menschen verbindet, ist der Glaube, dass wir die Gegenwart verbessern können. Nicht irgendwann, sondern jeden einzelnen Tag. Durch unsere Grundhaltung, durch unsere Authentizität, durch unser Sein und Handeln.

Egal, wie oft wir uns hören oder lesen. Ich weiss, dass wir miteinander verbunden sind.

Dankbarkeit

Der letzte Punkt meines Jahresrückblicks steht unter dem Titel Dankbarkeit. Ich wurde dieses Jahr reich beschenkt vom Leben. Das Bloggen schärfte meinen Blick auf die schönen Dinge in meinem Alltag.

Den 12. Tag pro Monat in 12 Bildern zu dokumentieren, eine alte Blogger:innen-Tradition. Die Schönheit und Besonderheit eines ganz normalen, standardmässig ablaufenden Tages dokumentieren? Das funktioniert tatsächlich. Schau ich mir die entstandenen Bilder, dann erfüllen sie sich mit Freude.

Bevor ich mit dem Verfassen der Monatsrückblicke begann, war mir nicht bewusst, wie viele schöne und emotionale Begegnungen ich erlebe. Durch das Notieren der Ereignisse erlebe ich alle Erlebnisse nochmals sehr intensiv. Das Schreiben verzögert sich dadurch oft, da ich diese Momente nochmals voll auskoste. Am Ende hinterlässt der Monatsrückblick jedoch ein wohliges, schönes, angenehmes und dankbares Gefühl.

Dankbar bin ich auch für meine Familie, die leibliche und die gewählte. Ohne eure Liebe, Zeit und Unterstützung, ohne euer kritisches Hinterfragen und das „Kopf zurechtrücken“ hätte ich dieses Jahr nicht so viel gelernt. Teamwork makes a dream work :-).

Meine 3 liebsten eigenen Blogartikel 2021

Was 2021 sonst noch los war

Nun gehört Marc auch dazu – runder Geburtstag im Zeichen der Pandemie. Da maximal fünf Personen erlaubt waren, musste den ganzen Tag lang gefeiert werden 🙂 Mit genauem Taktfahrplan, damit zwischendurch immer wieder ausgiebig gelüftet werden konnte.

Am 13. August feierte Muetti ihren 80. Geburtstag. Und wie es inzwischen bereits Tradition ist, lassen wir uns von ihr auf einen Berg entführen. Dieses Jahr gings in die Mythen-Region.

Unsere Sommerferien verbrachten wir in der Schweiz. Seit ich in der Primarschule einen Bastelbogen des Schloss Chillon bekommen hatte, träumte ich von einem Besuch. Da wir dieses Jahr die zweite Woche am Murtensee verbrachten, passte ein Abstecher an den Genfersee perfekt in unsere Pläne. Zufälligerweise befanden sich mein Bruder und meine Schwägerin ebenfalls in Montreux und wir genossen einen gemeinsamen Abend.

Im Herbst verbrachten wir drei Tage mit unseren Müttern in Luzern. Eine wunderschöne und sympathische Stadt. Jeder Tag bot ein kleines Highlight. Besuch eines Konzerts des London Symphony Orchestra im KKL, eine Schifffahrt auf dem Vierwaldstädtersee und zum Abschluss noch eine Stadtführung nur für uns.

Frauen am See am Feuer – ein ruhiges und doch energiereiches Weekend am Murtensee. Die Entspannung begann bereits auf der Hinfahrt. Dreistündiger Stau begleitet von schöner Musik, Chips und Getränke waren vorhanden und so stand tollen Gesprächen nichts im Wege.

Die längst überfällige Diplomfeier! Zusammen mit Elena und Sibylle feierten wir diesen Anlass gebührend 💃 💃 💃. Der Lorbeerkranz war direkt aus einem kleinen, chinesischen Geschäft in Florenz mitgebracht worden und wurde von mir natürlich den ganzen Abend mit Stolz getragen.

Ausblick auf 2022

Gerade muss ich schmunzeln. Nachdem ich auf das Jahr 2021 zurückgeblickt habe, soll ich mir da wirklich Gedanken darüber machen, wie das nächste Jahr werden wird und was ich da machen möchte? Wäre es nicht sinnvoller, einfach mal abzuwarten?

Natürlich nicht! Wenn ich das jetzt hier notiere, kann ich Ende 2022 überprüfen, inwiefern sich Wünsche und Ideen entwickelt, verändert, realisiert haben.

Ich …

  • … nehme mir Zeit für mich.
  • … ich bleibe bei mir, in meiner Energie und somit gesund.
  • … bin dankbar für meine Familie und investiere Zeit in diese Beziehungen.
  • … übe mich in Instagram-Posts.
  • … arbeite mit Menschen, die im Team arbeiten wollen.
  • … geniesse mein Betriebspraktikum in vollen Zügen. Wohl wissend, dass ich mehrmals an meine Grenzen stossen werde.
  • … lasse mich durch nichts und niemanden an meinen Kompetenzen zweifeln.

Aus all diesen Ideen ist mein Jahresmotto 2022 entstanden: Ich lehne mich zurück.

Wie sich alles entwickelt, kannst du im nächsten Jahr in meinen Blogartikeln nachlesen.

Willst du mehr über mich erfahren?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten:

Wir führten ein Leben als Zigeuner, mit und ohne Kinder (Migrationsportrait)

Gastautorin: Yesenia Buschor (Wahlfach Schreiben 

Ich möchte mich bei Milena und Felix für ihre Offenheit, Interesse, Vertrauen, Freude, Hilfe und Zeit bedanken. Wir sassen drei Stunden am Tisch und sprachen über ihre wunderschöne Reise durchs Leben.
Danke, dass ihr das mit mir geteilt habt. Auch für euer Einverständnis diese Geschichte zu veröffentlichen, möchte ich mich bedanken.

Meine zwei Interviewpartner

Milena und Peter lernte ich im Jahr 2018 kennen. Da wir von Zwillikon nach Affoltern umgezogen waren, hatten wir neue Nachbarn. In unserem früheren Quartier kannte ich alle und jeden, jeder hatte sein eigenes kleines Haus. Da in Affoltern lebten viel mehr Menschen auf einem Fleck. Mir fiel es ein wenig schwer mit der Anpassung, doch meine Mutter kannte schon nach einer Woche alle Nachbarn aus beiden Mehrfamilienhäusern. Doch mit Milena sprach sie am meisten, immer noch 🙂 .

Als ich einmal den Hausschlüssel vergessen hatte, liess Milena mich in ihre Wohnung und machte mir eine Tasse Tee. Wir unterhielten uns und sie erzählte mir aus ihrem Leben. Es war sehr spannend, ihr zuzuhören und so entschied ich mich, sie als Interviewperson für das Migrationsportrait zu wählen. Mein Vater riet mir, zusätzlich auch ihren Mann zu interviewen, weil er sich schon mit ihm gesprochen hatte und seine Geschichte auch interessant klang.

So befragte ich beide. Das Interview war alles andere als kurz und langweilig, ich konnte sehr profitieren und viel Neues erfahren. Aus der Lebensgeschichte von Milena und Felix lernt man sehr viel über unglaublich unterschiedliche Kulturen. Es war ein sehr lehrreiches und faszinierendes Interview. Mein Wissen über Essen vergrösserte sich beispielsweise durch dieses Gespräch.

Meiner Meinung nach haben sie das spannendste Leben, das ich kenne. Als ich sie fragte, wie man sie sich am besten als Reisende beschreiben würde, sagte Felix: „Wir führten ein Leben als Zigeuner, mit und ohne Kinder.“

Abenteuerlust

Milena ist in Jugoslawien geboren. Sie lebte auf einem Bauernhof mit ihren Eltern und Geschwistern, in Kiseljak. Sie musste schon früh arbeiten, was bedeutete, die Tiere füttern, im Haushalt mitarbeiten und für die Schule lernen. Schon in den frühen Schuljahren merkte sie, dass sie ein Flair für Sprachen hat. So reiste sie mit 19 nach London, um zu studieren. Ihre Mutter fragte sie immer wieder: „Was willst du dort machen? Du kennst niemanden.“

London

Sie kannte niemanden in London und war ganz auf sich allein gestellt, das stimmt, doch das machte ihr nichts aus. Sie war sehr beeindruckt von der grossen Stadt und all den schönen Attraktionen. Milena mietete eine kleine Wohnung, in der sie nur zum Lernen oder Schlafen war. Tagsüber arbeitete sie in einem Hotel und abends lernte sie. Sie nahm eine Stelle in einem Hotel an der Rezeption an. Dort schloss sie schnell Freundschaften. So verging ein wenig die Zeit und sie lebte sich gut in London ein.

Milena und Felix

Eines Abends, als sie eine Kollegin in eine Bar begleitete, entdeckte Felix sie. Er hatte sie zwar schon oft gesehen, doch nie angesprochen, denn die beiden arbeiteten im gleichen Hotel. Felix nahm also seinen ganzen Mut zusammen und sprach sie an. Milena hatte vor kurzem einen Verkehrsunfall gehabt und konnte deswegen nicht tanzen, also redeten die beiden die ganze Nacht miteinander. Mit der Zeit wurden sie gute Freunde und später immer mehr.

Felix war aus der Schweiz nach England ausgewandert wegen seines Berufs. Er hatte die Lehre als Koch abgeschlossen und arbeitete in einem Swiss Hotel in England als Küchenchef. Er war und ist immer noch begeistert von seinem Beruf als Koch. Sein Ziel war es, ganz nach oben an die Spitze zu gelangen. In seiner Branche ist das allerdings sehr schwierig und anstrengend. Dieses Ziel verlangte von ihm sehr viel Flexibilität und grossen Einsatz. Doch das nahm er in Kauf.

Eindrücke des Stadtlebens

Milena war mit neunzehn das erste Mal im Ausland, ihre Familie Kilometer weit weg. Es war ein Schock, den sie sehr schön fand. Sie war sich daran gewohnt, in einem kleinen Dorfe zu leben, doch jetzt in einer so grossen Stadt wie London zu leben, war ein spannendes Abenteuer. Mit Felix war es nur noch schöner dort. Sie genoss es richtig. Sie hatte nur manchmal Heimweh.

Was sie immer noch sehr beeindruckt, ist das Königliche Museum. Sie hatte es nur einmal besucht, doch sie liebte es, es war wunderbar. Sie empfiehlt es jeder und jedem nach London zu gehen. Sei es, um dort zu leben oder Ferien zu machen. Sie beschrieb London als eine unendliche Entdeckungsreise. Man wird London nie ganz ausforschen können. Auch um dort zu studieren, ist es sehr praktisch und schön zu gleich.

Milena sagt, dass sie gemerkt habe, dass sie in der grössten Stadt von Europa sei. Alle Personen waren gut gekleidet und überall ertönte Musik jeglicher Art. Auch der Verkehr war speziell auf seine Art und Weise. Die gelben Taxis und die roten Busse im Nebel der Londoner Stadt.

Das Wetter war für Regenliebhaber perfekt, denn jeder Passant trug einen Schirm mit sich herum. Es konnte von einer Sekunde auf die nächste regnen. Doch der Regen war nicht dauerhaft. Milena hat sehr viel von diesem unvergesslichen Aufenthalt profitiert und für ihr Leben mitgenommen.

Blick über London

Zwischenstation Spanien

Milena traf sehr früh auf ihre grosse Liebe Felix. Er war ein Spitzenkoch und liebte das Abenteuerleben genauso wie sie auch. Sie passen wie Puzzlestücke zusammen. Felix wurde eine neue Stelle in einem anderen Restaurant angeboten, und zwar in Argentinien. Am Vorstellungsgespräch sagten sie ihm, sie würden ihn einstellen, wenn er verheiratet wäre. So kam es zur kleinen Hochzeit von Milena und Felix.

Wenige Wochen später wurden sie nach Spanien versetzt. Weil die politische Lage in Argentinien kritisch war, mussten sie für ein paar Monate in Spanien bleiben. So konnten sie sich ein wenig ausruhen und da sie gerade frisch verheiratet waren, passte das gut. Felix und Milena lernen sehr gut und schnell Sprachen. So fiel es ihnen leicht, in Spanien bereits die Grundlagen des Spanischen zu erlernen.

Argentinien

Auf dem Weg nach Argentinien erfuhren sie, dass ein drittes Familienmitglied unterwegs war. Für Milena war so ein Umzug sehr spannend. Mit 21 Jahren in ein anderes Land und einen anderen Kontinent zu ziehen, war sehr aufregend. Sie schrieb oft mit ihrer Schwester und telefonierte manchmal mit ihrer Mutter. Sie war ein wenig traurig, denn sie wusste, dass ihre Mutter bei der Geburt ihres ersten Kindes und des ersten Enkels der Familie nicht dabei sein konnte.

Doch das konnte sie ihrer Mutter natürlich nicht sagen, denn das hätte ihre Mutter sehr traurig gemacht, erklärte sie mir. Als „gute“ Tochter hätte sie eigentlich in Jugoslawien bleiben müssen und dort einen ausgewählten Mann heiraten sollen, doch ihre Mutter hatte ihr erlaubt, zu studieren. Allerdings war die Mutter davon ausgegangen, dass Milena wieder nach Jugoslawien zurückkehren würde. Das geschah nie, denn Milena buchte nie eine Rückreise.

Einleben in Argentinien

Als sie dann endlich in Argentinien ankamen, wurden sie von Wärme umarmt. Daran erinnert sich Milena noch sehr stark, wie nett und offen alle Menschen waren. Felix musste sofort an die Arbeit, da sie auf der Arbeit bereits Monate im Verzug waren. Milena freundete sich mit anderen Frauen an und lernte schnell das argentinische Spanisch. Sie hatten einen riesigen Garten und feierten dort oft am Wochenende “Grillfeste”. Es war eine schöne Zeit, sagen beide.

Milena war sehr oft alleine, ihr wurde langweilig und so fing sie wieder an zu lernen. Sie wollte ihr Spanisch perfektionieren. Als sie ihr Ziel erreicht hatte, wollte sie sich besser in Buenos Aires auskennen. So ging sie jeden Tag laufen und kannte schon nach einigen Wochen die grosse Stadt in- und auswendig. Das war ein Vorteil, denn bald wäre das Baby zur Welt gekommen und es war ein Vorteil, wenn man einige Spielplätze kannte, sagte sie mir.

Familienzuwachs

Als ihr Baby da war, war es ihr nicht mehr langweilig. Sie war fasziniert davon, wie das Baby jeden Tag wuchs und neue Sachen lernte. Felix hingegen musste sehr hart arbeiten und genoss daher umso mehr das Wochenende mit seinem Sohn und seiner Frau. Er erklärte mir, dass es ihm jeden Tag sehr schwerfiel, zwölf Stunden zu arbeiten und nicht seinem Kind zusehen zu können, wie es wuchs. Doch Felix wusste, mit harter Arbeit konnte er seinem Sohn eine bessere Schule bezahlen und so auch eine bessere Zukunft bieten.

So gründeten sie eine kleine Familie, die zwei Jahre später mit der Geburt eines kleinen Mädchens vollständig war. Milena langweilte sich nach der Geburt ihrer Tochter keine einzige Sekunde. Sie lernte von den Erfahrungen anderer Mütter und liebte es, mit ihren Kindern unterwegs zu sein. In Buenos Aires hatten sie sehr viele Freunde und ein wirklich schönes Leben.

Felix wollte aber mehr aus seiner Karriere herausholen. Nach 15 Jahren in Argentinien hatte er es geschafft, als Abteilungsleiter zu arbeiten. So bekam er immer mehr Stellenangebote.

China

Nach dem Leben in Argentinien (das nun schon 15 Jahre zurückliegt), Marokko, England, Schweiz und Spanien erwartete die beiden China. Felix bekam eine Jobofferte in China als Chef einer Hotelreihe. Die beiden liessen ihre Kinder, die damals junge Erwachsene waren, in der Schweiz zurück, um ein neues Abenteuer zu erleben. Milena war sehr aufgeregt, weil sie eine total neue Erfahrung machen würden. Sie konnte die chinesische Sprache weder lesen, noch verstehen oder sprechen im Gegensatz zu den Sprachen zuvor.

Als sie in China ankamen, wurden sie direkt in ihrer neuen Wohnung untergebracht. Felix beschrieb die Aussicht aus dem 32. Stock als unglaublich, denn alle grossen Gebäude sahen wie Schuh-Kartons aus. Milena war ganz auf sich gestellt, denn Felix musste sehr viel arbeiten und hatte eine Übersetzerin, die alle Gespräche mit den Mitarbeitern übersetzte.

Neue Herausforderungen

Milena jedoch musste alles selber machen. Einkaufen war eine der grössten Herausforderungen für sie. Sie wusste weder, was auf der Packung stand, noch was drin war. Die Verkäuferinnen konnten ihr auch nicht helfen. Da traf sie eines Morgens auf eine deutschsprechende Frauengruppe. Sie ging zu ihnen und stellte sich vor. Sofort wurde sie in die Gruppe aufgenommen. So erfuhr sie, dass es so eine Art Vereine für nicht chinesisch sprechende Hausfrauen gab. Natürlich meldete sie sich sofort an und kam mit allen Frauen, die aus aller Welt stammten, bestens aus.

Zu diesem Zeitpunkt sprach und verstand Milena bereits sieben Sprachen perfekt. Das waren Serbisch, Russisch, Bosnisch, Englisch, Spanisch, Deutsch und Französisch. Sie hatte sehr viel profitiert in den vergangenen Jahren. Doch irgendetwas in ihr trieb sie an, Chinesisch zu lernen. Sie wollte diese Kultur verstehen und somit auch die Sprache. Also fing sie mit Kinderstoff an. Sie steigerte sich sehr schnell, bis sie einigermassen Chinesisch konnte. Sie konnte es schreiben und lesen, aber nicht gut sprechen. Also meldete sie sich zu einem Chinesisch-Sprachkurs an.

Nach einigen Wochen beherrschte sie die Grundlagen sehr gut und gehörte bereits zu den Fortgeschrittenen. Milena bewies sich einmal mehr, dass man zum Lernen nie zu alt ist. Das fand ich überwältigend: Sie lernte Chinesisch, obwohl sie bereits über 50 Jahre alt war.

Eine völlig neue Kultur

Doch die neue Kultur zu lernen, fiel ihr schwerer als die Sprache. Eines Morgens ging sie wie üblich auf den Markt, um Fisch zu kaufen. Sie zeigte dem Fischer, welchen sie gerne hätte. Er nahm den Fisch und fragte sie, ob sie ihn filetiert haben wollte oder nicht. Sie sagte ihm, sie hätte gerne sechs Stück. Als er zu schneiden anfing, bemerkte sie, dass der Fisch noch lebte.

Sie konnte nicht mehr hinsehen, da das Tier lebendig filetiert wurde und das sehr langsam. Milena ass den Fisch nur, weil sie ihn nicht umsonst hatte leiden lassen wollen. Dieses Erlebnis konnte sie nie mehr vergessen. Sie isst deshalb bis heute keinen Fisch mehr.

Beide störten sich ein wenig am Umgang der Chinesen mit den Tieren. In dieser Kultur wurden sie, aus der Sicht von Europäern, gefoltert und nicht respektvoll behandelt.

Felix war fasziniert davon, wie die Chinesen grosse Menschenmassen in kurzer Zeit transportieren können. In nur drei Minuten steigen mehr als 100 Personen in die U-Bahn ein oder aus. Das ist möglich, weil die Züge genau dort halten, wo sich die Menschenreihe befinden. Auch die Beladung eines Schiffes ist in zwei Stunden fertig und hier in Europa braucht es mehrere Stunden.

Milena und Felix verbrachten zehn Jahre ihres Lebens in China und lernten eine Menge.

Wohin die Reise noch geht

Milena und Felix antworteten sehr schnell auf diese Frage. Beide würde wieder nach China ziehen. Es waren die schönsten 10 Jahre ihres Lebens. Die Kultur, Personen, Architektur und das Essen sagten den beiden sehr zu. Sie fühlten sich einfach wohl und zu Hause. Doch weil es bisher keine Gelegenheit gab, bleiben sie vor erst mal in der Schweiz. Auch in der Schweiz fühlen sie sich gut.

Natürlich ärgert sie ein wenig das Wetter, doch das ist eine Nebensache, sagt Milena. Das Reisen ist ihre Flucht vor dem Winter. So verbringen sie regelmässig Zeit im Ausland. Meist handelt es sich dabei um spontane Ferien, erklärt Felix.

Vor kurzem waren sie in der Südschweiz. Wegen der Pandemie achten sie trotz ihrer Spontaneität darauf, dass sie nur an Orte gehen, wo es am wenigsten Fälle gibt. So schützen sie sich und ihre Nächsten. In zwei Jahren wollen sie aber wieder richtig reisen. Die Destinationen stehen bereits fest: China und Argentinien. Sie hoffen, dass sich bis dahin die Situation mit dem Corona-Virus beruhigt hat.

Ich habe sie gebeten, viele Fotos zu machen, damit ich einen Eindruck bekommen, wie das Leben in China hinter der Fassade aussieht.

Was ich mitnehme

Was mir Milena und Felix während des Gesprächs beigebracht haben, ist, dass man sehr freundlich sein soll. Mit allen Menschen aus aller Welt. Um sich in einem neuen Land einleben zu können, muss man sehr anständig und freundlich sein. Dieses Verhalten ermöglicht viele Begegnungen, Kontakte und Optionen.

Auch verlangt das Einleben Geduld. Eine neue Sprache zu lernen oder sich an einen Ort zu gewöhnen, brauchen Zeit. Milena und Felix hatten diese Geduld ihr Leben lang. Offenheit ist ein weiterer, wichtiger Punkt. Für alle Kulturen oder Wohnsituationen offen sein und sich nicht abschrecken lassen. Wer sich gut in einem neuen Land einleben will, soll aktiv sein. Nicht einfach zu Hause bleiben, sondern das Land, die Personen und die Kultur kennenlernen.

Das Wichtigste ist aber, dankbar zu sein. Dankbar für jeden Tag und für alles, was man hat. Nicht alle Menschen haben das Privileg, in ein anderes Land reisen zu können.

Durch dieses Interview konnte ich sehr viel über das Leben und die Haltung gegenüber dem Leben nachdenken und lernen. Mir ist auch aufgefallen, wie wichtig es ist zu reisen, um sein eigenes Wissen zu vermehren und zu erweitern.

Ich nehme von diesem Gespräch sehr viele wichtige Erkenntnisse für mein Leben mit.