Prävention beginnt nicht erst beim Vorfall. Sie beginnt im Alltag, in der Sprache, in Bildern, in Routinen. In dem, was gesagt wird, und in dem, was unausgesprochen bleibt. Wenn Schule ein sicherer Ort sein will, dann darf sie nicht neutral bleiben. Sie muss Haltung zeigen. Und Räume schaffen, in denen Schüler:innen lernen: Du darfst benennen. Du darfst widersprechen. Du darfst dich schützen.
Dieses Konzept versteht sich als Fortsetzung und Konkretisierung des vorherigen Beitrags „Sexualisierte Gewalt und Schule: Ein persönlicher Blick auf strukturelle Muster und pädagogische Verantwortung“. Was dort als Analyse und Reflexion begonnen hat, wird hier in praktische Impulse und umsetzbare Ideen übersetzt.
Es will Lehrpersonen stärken, Strukturen sichtbar machen und Schüler:innen ermutigen, sich selbst und andere ernst zu nehmen.
1. Sexismus als strukturelles Problem
Sprache und Geschlechterbilder als Fundament von Prävention
Dieses Kapitel beleuchtet die tief verwurzelten kulturellen und historischen Muster, in denen Sexismus wirkt. Oft unbemerkt und reproduziert durch Sprache, Lehrmittel und fehlende Aufklärung. Der Fokus liegt darauf, wie Schule und Unterricht durch gezielte Begriffsarbeit, Sensibilisierung und kritische Medienreflexion diesen Strukturen aktiv entgegentreten können.
1.1 Sprachliche Präzision und Enttabuisierung
- Verzicht auf Begriffe wie „Schamlippen“ in Lehrmitteln und stattdessen Vulva, Vulvalippen, Vagina.
- Aufbau eines wertschätzenden, klaren Körpervokabulars im Unterricht.
- Normalisierung von Körperwissen als Teil von Würde, nicht als Anlass für Scham.
1.2 Körperbewusstsein stärken
- Sexualpädagogische Angebote, die mehr sind als Anatomie: Selbstwahrnehmung, Körperstolz, Grenzgefühl.
- Geschützte Gesprächsräume für Mädchen (und Jungen), um über Körper und Grenzen zu sprechen – ohne Leistungsdruck.
1.3 Geschichtliche Tiefenstrukturen aufdecken
- Thematisierung von Geschlechterbildern (z. B. Minne, biblische Narrative) im Deutsch-/Geschichts-/Ethikunterricht.
- Reflexion: Was wirkt davon heute noch? Wie wurden Körperbilder gemacht?
1.4 Lehrpersonen sensibilisieren
- Fortbildungen zu gendersensibler Sprache und Körperwissen.
- Reflexion eigener Sprachgewohnheiten im Team: Was sage ich und was verschweige ich?
1.5 Lehrmittel kritisch prüfen
- Forderung an Verlage, diskriminierungsfreie Sprache zu verwenden.
- Schulinterne Sichtung und Diskussion: Wo finden wir Stereotype? Was können wir ergänzen?
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2. Rape Culture verstehen
Hier geht es um die gesellschaftliche Normalisierung übergriffiger Dynamiken. Rape Culture zeigt sich in Sprache, Medien und unausgesprochenen Regeln. Dieses Kapitel legt den Schwerpunkt auf kulturelle Analyse, Konsensbildung und die Förderung von Zivilcourage im Klassenzimmer. Es bietet Ansätze, wie Schule Reflexion ermöglicht und alltägliche Gewaltmuster sichtbar macht.
2.1 Medien kritisch lesen
- Analyse von Werbung, Serien, Musikvideos: Wie wird über Körper, Geschlecht, Zustimmung gesprochen?
- Vergleich von romantisierten Darstellungen und realen Machtverhältnissen.
2.2 Konsens und Grenzen thematisieren
- Einführung klarer Begriffe: Konsens, Einvernehmlichkeit, „Nein heisst Nein“, enthusiastic consent.
- Rollenspiele zur Unterscheidung: Flirt oder Übergriff? Missverständnis oder Grenzüberschreitung?
2.3 Sprache entlernen, neue Sprache lernen
- Aufbrechen sexistischer Redewendungen („hat sie doch provoziert“, „Boys will be boys“).
- Gemeinsames Erarbeiten wertschätzender Alternativen, schriftlich und mündlich.
2.4 Zivilcourage üben
- Fallarbeit: „Was tun, wenn …?“ – Szenarien, Diskussionen, Handlungsoptionen.
- Auseinandersetzung mit Gruppendruck, Loyalität, Schweigekultur.
2.5 Institutionen stärken
- Entwicklung eines schulischen Interventionsplans: Wer ist zuständig? Wer begleitet Betroffene?
- Sichtbarkeit externer Stellen (Schulsozialarbeit, Beratungsstellen).
2.6 Fächerübergreifend denken
- Projektwochen zu Körper, Geschlecht, Macht – kreativ, kritisch, offen.
- Ausdrucksformen: Theaterstücke, Schüler:innen-Zeitung, Plakate, Podcasts, Bloggen.
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3. Victim Blaming erkennen und aufbrechen
Verantwortung benennen, Perspektiven verschieben
Wenn Betroffenen Verantwortung zugeschoben wird, bleiben Täter:innen im Schatten. Dieses Kapitel widmet sich der schulischen Auseinandersetzung mit Schuldumkehr. Im Zentrum stehen narrative Analyse, Empathiearbeit und sprachliche Intervention. Ziel ist es, Handlungsspielräume für solidarisches Verhalten zu schaffen, für Betroffene und für das soziale Umfeld.
3.1 Narrative analysieren
- Medienberichte, Gerichtsfälle, Serien: Wer trägt Verantwortung? Wo kippt die Perspektive?
- Täter:innen- versus Opferdarstellung vergleichen und dekonstruieren.
3.2 Sprachliche Reaktionen hinterfragen
- Sammlung typischer Sätze („Sie hätte ja …“) und Analyse der darin liegenden Schuldzuweisung.
- Entwicklung empathischer, unterstützender Reaktionsweisen.
3.3 Empathiearbeit ermöglichen
- Fiktive Tagebücher schreiben: „Was hätte ich gebraucht?“, aus Sicht einer betroffenen Person.
- Diskussion über Erwartungen an das „richtige Opfer“ und warum sie problematisch sind.
3.4 Fallarbeit mit Haltung
- Konkrete (anonymisierte) Fälle bearbeiten. Leitfragen: Wer wird gehört? Was hilft? Was verletzt?
- Schüler:innen erarbeiten einen eigenen „Leitfaden für solidarisches Verhalten“.
3.5 Schule als Schutzraum
- Verankerung von Verhaltensstandards im Umgang mit Betroffenen.
- Integration in Klassenregeln: keine Gerüchte, keine Bewertung, kein Schweigen.
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4. Körperlichkeit und Geschlechterbilder sichtbar machen
Sprache, Selbstwahrnehmung und körperbezogene Bildung
Körperwissen ist oft verkürzt, schambehaftet oder tabuisiert. Dieses Kapitel richtet den Blick auf die Bedeutung von sprachlicher Enttabuisierung, kreativen Ausdrucksformen und geschlechterreflektierter Pädagogik. Es zeigt Wege auf, wie Körperlichkeit im Unterricht respektvoll, empowernd und inklusiv behandelt werden kann, jenseits von biologistischen Reduktionen.
4.1 Sprache als Schlüssel
- Einführung anatomisch korrekter Begriffe im Unterricht.
- Reflexion: Warum sagen so viele „das da unten“? Was macht das mit unserem Körperbild?
4.2 Wissen kontextualisieren
- Verknüpfung biologischer Inhalte mit Themen wie Identität, sexuelle Rechte, gesellschaftliche Normen.
- Diskussion kultureller Unterschiede in der Wahrnehmung und Sprache von Körperlichkeit.
4.3 Kreativität als Ausdrucksform
- Schreibimpulse: „Mein Körper, meine Sprache“ – Poesie, Briefe, freie Texte.
- Körper-Silhouetten: Was ist stark, fremd, schön? – Collagen, Farben, Worte.
- Theater und Bewegung als körperliche Erzählform.
4.4 Lehrmittel und Bilder prüfen
- Welche Körper kommen vor? Welche fehlen? Welche sind benannt und wie?
- Schüler:innen entwickeln eigene Seiten für ein „Körperlexikon der Zukunft“.
4.5 Räume für Gespräch
- Geschlechtergetrennte und gemischte Gruppen mit sensibler Begleitung.
- Themen: Körperakzeptanz, Zyklus, Intimität – offen, vertrauensvoll, urteilsfrei.
4.6 Schulalltag körperfreundlich gestalten
- Überarbeitung von Elternbriefen, Schulpost und Mitteilungen auf körpergerechte Sprache.
- Empowernde Plakate, gendersensible Toiletten, Rückzugsräume.
- Sensibler Umgang mit Kleidung, Sport und Menstruation im Alltag.
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5. Schule als Raum kultureller Verantwortung
Institutionelle Strukturen und Schulkultur verändern
Prävention ist nicht nur ein Thema des Unterrichts, sondern auch ein Auftrag an die Schule als Institution. Dieses Kapitel fokussiert auf Schutzkonzepte, Machtverhältnisse, kollegiale Achtsamkeit und Beteiligungsprozesse. Es zeigt auf, wie Schule sich selbst hinterfragen und als gestaltender Raum aktiv Verantwortung übernehmen kann.
5.1 Schutzkonzepte sichtbar machen
- Entwicklung eines verbindlichen Schutzkonzepts mit klaren Ansprechpersonen.
- Einrichtung anonymer Rückmeldemöglichkeiten (Briefkasten, Online-Formular).
5.2 Machtverhältnisse benennen
- Klassengespräche zu Einfluss, Autorität, Rollen: Wer darf was? Und warum?
- Reflexion über Lehrer:innenrolle: Intervention oder Ignoranz?
5.3 Schulkultur überprüfen
- Welche Rituale (z. B. Sporttage, Projektwochen) fördern Klischees oder Ausschlüsse?
- Projekte wie „Schule ohne Klischees“: visuelle und sprachliche Umgestaltung des Schulhauses.
5.4 Kollegiale Achtsamkeit fördern
- Fortbildungen zu Sprache, Grenzwahrung, Intervention bei Verdacht.
- Reflexionsrunden: „Was sind unsere blinden Flecken?“ – Macht, Schweigen, Loyalität.
5.5 Achtsamkeit im Alltag
- Rituale zur Selbstfürsorge im Unterricht: Körpersprache, Feedbackrunden, stille Minuten.
- Soziale Vereinbarungen gemeinsam mit den Klassen formulieren und sichtbar machen.
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Schlussgedanke
Ein Präventionskonzept ist kein Plan auf Papier. Es ist eine Haltung. Eine Praxis. Und ein Versprechen: Wir schauen hin. Wir benennen. Wir schützen.
Nicht, weil wir perfekt sind, sondern weil wir Verantwortung tragen.
Eine Schule, die Sprache gibt, gibt Schutz. Eine Schule, die Haltung zeigt, verändert Leben.
Ein Kommentar zu “Sexualisierter Gewalt vorbeugen: Ein Präventionskonzept für Schule und Unterricht”