Ich erinnere mich an Unterrichtsbesuche, in denen ich den Satz gehört habe: „Ihr arbeitet jetzt in Gruppen.“ Was dann folgte, war ganz unterschiedlich. Manche Schüler:innen arbeiteten konzentriert miteinander, andere teilten sich die Aufgaben rasch auf. Drei diskutierten, zwei sassen still daneben. Manchmal übernahm eine Person alles, weil es „sonst keiner macht“. Und manchmal arbeiteten alle nebeneinander, doch nicht wirklich miteinander.
Das ist Gruppenarbeit, aber kein kooperatives Lernen.
Wer von kooperativem Lernen spricht, meint mehr: bewusste Lernprozesse mit Struktur, Verantwortung und echter Beteiligung.
Kooperatives Lernen ist mehr als ein Organisationsprinzip. Es ist eine bewusste, pädagogische Entscheidung für Miteinander. Jeder: ist beteiligt. Jede:r trägt Verantwortung. Jede Stimme zählt. Das Ziel ist nicht einfach ein Produkt oder ein fertiges Ergebnis, sondern der Weg dorthin, der gemeinsame Lernprozess.
In diesem Artikel schaue ich genauer hin: Was unterscheidet klassische Gruppenarbeit von echtem kooperativen Lernen? Und warum macht genau dieser Unterschied – gerade in der Sekundarstufe I – so einen Unterschied?
Klarer Unterschied: Gruppenarbeit ist nicht gleich kooperatives Lernen
Viele von uns kennen das: Eine Gruppenarbeit steht an, die Schüler:innen setzen sich zusammen, eine Aufgabe liegt auf dem Tisch und dann soll es losgehen. Oft bleibt es bei dieser vagen Struktur. Wer übernimmt was? Wer macht mit? Wer zieht sich eher zurück? Oft tragen die gleichen Schüler:innen die Hauptlast, während andere inaktiv dabei sind. Das Ergebnis: irgendwie geschafft, aber oft ohne echtes gemeinsames Lernen.
Genau hier liegt der feine, aber entscheidende Unterschied. Kooperatives Lernen beginnt nicht einfach mit dem Zusammensetzen von Schüler:innen. Es beginnt mit einer klaren Struktur, mit einer Haltung, mit einer Einladung zum Miteinander.
Kooperatives Lernen ist durchdacht. Der Fokus liegt nicht auf dem fertigen Produkt, sondern auf dem gemeinsamen Lernprozess, ein Weg, der nur gelingt, wenn alle etwas beitragen. Es geht darum, einander zuzuhören, sich gegenseitig zu stützen, Unterschiede fruchtbar zu machen, Verantwortung zu übernehmen. Und ja, es braucht Mut: zum Mitdenken, zum Mitteilen, zum Aushalten von Unterschiedlichkeit.
Natürlich gelingt das nicht immer auf Anhieb. Kooperatives Lernen braucht Vorbereitung, Mut zur Abgabe von Kontrolle und die Bereitschaft, Lernprozesse nicht zu 100 % planbar zu machen.
Klassische Gruppenarbeit versus Kooperatives Lernen
Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Unterschiede zwischen klassischer Gruppenarbeit und echtem kooperativen Lernen übersichtlich zusammen.
| Klassische Gruppenarbeit | Kooperatives Lernen | |
| Struktur | oft unklar oder lose organisiert | klare Struktur mit durchdachten Phasen |
| Ziel | ein fertiges Produkt oder Ergebnis | der gemeinsame Lernprozess steht im Mittelpunkt |
| Verantwortung | häufig ungleich verteilt, einzelne tragen die Hauptlast | alle tragen Verantwortung für das Gelingen |
| Beteiligung | nicht alle sind aktiv beteiligt | jede:r ist aktiv eingebunden, keine:r bleibt zurück |
| Interaktion | Arbeitsteilung, oft nebeneinander | Zusammenarbeit, Austausch, gegenseitiges Unterstützen |
| Haltung | praktisches Organisationsmittel | pädagogische Haltung, Entscheidung für Miteinander |
| Lernform | oft individualisiertes Arbeiten in Gruppen | Ko-Konstruktives Lernen – Wissen entsteht im Dialog |
| Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung | gering, wenn Beteiligung passiv bleibt | fördert Selbstwirksamkeit, soziale Kompetenzen, Empathie |
| Lehrer:innen-Rolle | Aufgabensteller:in | Impulsgeber:in, Begleiter:in, Ermöglicher:in |
| Besonderer Nutzen in der Sekundarstufe 1 | gering, da soziale Dynamiken nicht aktiv genutzt werden | hoch, da es soziale Entwicklung, Zugehörigkeit und Verantwortungsgefühl stärkt |
Die Unterschiede zwischen Gruppenarbeit und kooperativem Lernen sind nicht nur theoretisch. Sie zeigen sich ganz konkret im Schulalltag. Besonders deutlich wird das in der Sekundarstufe I.
Ich erlebe immer wieder, wie gut Jugendliche darauf ansprechen, wenn sie merken: „Ich werde gebraucht.“ Wenn nicht nur das Ergebnis zählt, sondern auch der Weg dorthin. Wenn Lernen ein Raum wird, in dem Gemeinschaft wachsen kann.
Kooperatives Lernen bedeutet nicht, dass alle alles gemeinsam machen, sondern alle sind beteiligt und niemand bleibt zurück.
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Was kooperatives Lernen leistet – gerade in der Sek I
Gerade in der Sekundarstufe I ist Unterricht mehr als Stoffvermittlung. Es ist Beziehungsarbeit, Entwicklungsbegleitung, Stärkung. Jugendliche befinden sich in einer Phase, in der vieles in Bewegung ist: innerlich, äusserlich, sozial. Kooperatives Lernen greift das auf, nicht als Methode, sondern als Haltung.
Was bedeutet Ko-Konstruktivismus?
Ko-Konstruktivismus geht davon aus, dass Lernen immer sozial eingebettet ist, also im Austausch mit anderen Menschen stattfindet. Wissen wird nicht „weitergegeben“, sondern gemeinsam aufgebaut. Lernen geschieht dabei nicht linear, sondern im Dialog: durch Fragen, Rückmeldungen, Perspektivenwechsel und durch das Aushalten von Unklarheiten.
Ich glaube an Ko-Konstruktivismus. Es ist für mich mehr als ein pädagogisches Konzept. Es ist eine Haltung: Lernen ist Beziehung. Lernen ist Begegnung. Lernen ist gemeinsam.
Wenn Schüler:innen kooperativ lernen, geschieht mehr als nur fachliches Verstehen. Sie lernen, zuzuhören. Sich zu äussern. Sich selbst zu zeigen und andere zu sehen. Sie erfahren, dass es nicht nur um richtig oder falsch geht, sondern darum, gemeinsam weiterzudenken. Dass jede Stimme zählt.
Kooperatives Lernen macht sichtbar: Lernen ist kein Wettlauf, sondern ein gemeinsamer Weg. Es schafft Räume, in denen sich Jugendliche einbringen können, ohne sich beweisen zu müssen. Räume, in denen sie erleben: „Ich bin Teil des Ganzen – und mein Beitrag ist wichtig.“
Gerade in heterogenen Klassen, wo Leistungsunterschiede spürbar sind, wirkt kooperatives Lernen ausgleichend. Es bringt Schüler:innen miteinander ins Gespräch, die sich sonst vielleicht nicht begegnet wären. Es stärkt leise Stimmen. Es lässt starke Schüler:innen erfahren, was es heisst, zu erklären statt zu dominieren.
Was kooperatives Lernen also leistet? Es fördert Fachlichkeit, ja, aber immer eingebettet in ein Klima von Verantwortung, Respekt und Zugehörigkeit. Und genau das brauchen Jugendliche in dieser Zeit ihres Lebens ganz besonders.
Lehrpersonen sind dabei nicht Wissensvermittler:innen, sondern Impulsgeber:innen, Ermöglicher:innen, Begleiter:innen. Und Schüler:innen sind nicht nur Empfänger:innen, sondern aktive Mitgestaltende des Lernprozesses.
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Zitate, die zum Weiterdenken einladen
„Verstehen beginnt dort, wo ich mich traue, mit anderen zu denken.“
– frei nach dem Geist kooperativen Lernens
„Lernen ist Beziehung. Nicht zwischen Stoff und Kopf, sondern zwischen Menschen.“
– eine Erinnerung aus dem Klassenzimmer
„Kooperation ist keine Technik. Sie ist eine Haltung.“
– aus einer Fortbildung, die mir im Gedächtnis geblieben ist
„Manchmal ist die beste Unterrichtsplanung: den Raum zu öffnen und zu beobachten, was passiert.“
– aus dem eigenen Alltag
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Raum für Reflexion: Was bedeutet kooperatives Lernen für mich?
Kooperatives Lernen ist nicht nur eine Methode, sondern eine pädagogische Entscheidung. Eine Haltung. Und manchmal lohnt es sich, innezuhalten und sich selbst ein paar Fragen zu stellen.
- Wie viel Raum gebe ich im Unterricht für echtes Miteinander?
- Wann erlebe ich, dass meine Schüler:innen voneinander lernen?
- Welche Stimmen werden bei mir gehört und welche eher nicht?
- Was brauche ich, um kooperatives Lernen wirklich zuzulassen?
- Wo in meinem Unterricht bin ich Impulsgeber:in und wo vielleicht noch zu sehr „Sendeanstalt“?
Ja, die Erfahrung des Kooperativen Lernens habe ich auch gemacht und sehr geschätzt. Es ist weit entfernt von den oft sehr ungeschickten, unproduktiven Ansätzen in der „Gruppenarbeit“, wobei als „Gruppenarbeit“ vieles bezeichnet wird, was auch damit nicht das geringste zu tun hat.