Sexualisierte Gewalt und Schule: Ein persönlicher Blick auf strukturelle Muster und pädagogische Verantwortung

Die Ringvorlesung #MeToo und sexualisierte Gewalt in interdisziplinärer Sicht der Universität Zürich, die ich in diesem Semester besuchte, hat mich nicht nur als Lehrerin, sondern auch als Mensch tief bewegt. Woche für Woche wurde mir klarer: Sexualisierte Gewalt ist kein Randphänomen, kein Einzelfall. Sie ist strukturell verankert, in Normen, in Bildern, in Machtverhältnissen. Und sie ist lernbar. Das hat mich aufgewühlt. Und gleichzeitig wach gemacht.

Als Sekundarlehrperson trage ich Verantwortung. Nicht nur im Sinne von Wissen vermitteln, sondern im Sinne von Räume öffnen: für Auseinandersetzung, für Sprache, für Fragen. Und für das, was sonst oft überhört wird. Gerade die Vielfalt unserer Klassenzimmer ist eine Einladung, nicht wegzusehen. Sondern gemeinsam hinzuschauen.

Die zentrale Frage dieser Auseinandersetzung lautet: Wie kann Schule strukturelle Gewalt sichtbar machen und ihr vorbeugen? Ich nähere mich dieser Frage über fünf Perspektiven. Sie kreisen um Sprache, Körper, Geschichte, Rollenbilder und um die Schule selbst. Ausgangspunkt sind drei Beiträge aus der Ringvorlesung:

  • Agota Lavoyer: Gegen Rape Culture – Gesellschaftspolitische Aspekte sexualisierter Gewalt
  • Catherine Davies und Cornelia Pierstorff: Geschichte und Konzepte sexualisierter Gewalt
  • Laura Velte und Sarina Tschachtli: Übergriffe – Sexualisierte Gewalt in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters

Einige der Vorlesungen können über den oben stehenden Link angehört werden.

Was folgt, ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Sondern eine Einladung. Zum Mitdenken. Zum Hinterfragen. Und vielleicht auch zum Verändern.

1. Sexismus als strukturelles Problem: Von mittelalterlichen Bildern zur schulischen Praxis

Sexismus beginnt nicht im Einzelfall. Sondern im Muster. In tradierten Bildern, Zuschreibungen, in der Art, wie über Geschlecht gesprochen, oder eben nicht gesprochen, wird. Die Literatur des Mittelalters macht das schmerzlich deutlich: Frauen als Projektionsflächen, still, passiv, erobert. Die romantisierte und verklärte Idee der „Minne“ ist nichts anderes als ein Beispiel dafür, wie tief verankert diese Strukturen sind.

Und sie wirken nach. Bis heute. In Begriffen wie „Schamlippen“, in der Unsichtbarkeit weiblicher Körper in Lehrmitteln, in der Unsicherheit vieler Mädchen, über ihren Körper zu sprechen. Was wir nicht benennen können, können wir nicht schützen. Sprache schafft Wirklichkeit. Oder raubt sie.

Agota Lavoyer spricht von der Gewaltpyramide. Sie zeigt: Gewalt beginnt nicht erst mit der Tat. Sondern mit der Normalisierung. Mit dem „Das war doch nur ein Witz“. Mit dem Schweigen.

Was kann Schule tun?

  • Sprache bewusst machen – empowernde Begriffe statt Schamworte.
  • Medien und Lehrmittel kritisch hinterfragen.
  • Jugendliche ermutigen, über Körper, Macht und Grenzen zu sprechen – klar, respektvoll, angstfrei.

Ein Unterricht, der das ermöglicht, wirkt tiefer als jedes Regelwerk.

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2. Rape Culture: Wenn Gewalt normal wird

„Warum hat sie mit ihm geschrieben?“ – „Er ist sonst nie so.“

Sätze wie diese begegnen uns täglich. Sie sind nicht harmlos. Sie sind Ausdruck einer Kultur, in der sexualisierte Gewalt relativiert, entlastet, wegerklärt wird. Rape Culture meint genau das: Ein Klima, in dem Übergriffe nicht die Ausnahme, sondern das logische Produkt gesellschaftlicher Bilder sind.

In Werbung, Musik, Rechtsprechung – überall lassen sich Spuren dieser Kultur finden. Und oft auch im Klassenzimmer. In Chats, in „Witzen“, in dem, was zwischen den Zeilen mitschwingt.

Abbildung der Rape Culture Pyramide von Agota Lavoyer

Was kann Schule tun?

  • Kulturelle Codes analysieren: Was sagen Serien, Songs, Posts über Geschlecht und Zustimmung?
  • Rechtliches Wissen vermitteln: Was bedeutet Konsens? Was ist strafbar?
  • Zivilcourage üben: Wie handeln, wenn Grenzen überschritten werden?
  • Sprache reflektieren: Welche Worte normalisieren Gewalt – welche eröffnen Alternativen?

Prävention beginnt dort, wo Selbstverständliches hinterfragt wird. Wo Schüler:innen lernen, dass Gewalt kein Tabu, sondern Thema ist.

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3. Victim Blaming: Wenn Verantwortung verschoben wird

„Was hatte sie an?“ – „Sie hätte halt Nein sagen sollen.“

Victim Blaming ist mehr als nur eine falsche Frage. Es ist eine Denkweise, die Gewalt reproduziert. Die Täter:innen entlastet und Betroffene belastet. Es ist eine Schuldumkehr, die sich tief in kulturellen Bildern festgesetzt hat. Schon antike Mythen kannten das. Die Philomele-Sage erzählt von Vergewaltigung, lässt aber die Stimme der Betroffenen verstummen.

Auch heute noch werden Opfer unglaubwürdig, sobald sie sich nicht „richtig“ verhalten – nicht genug gewehrt, zu selbstbewusst, zu laut, zu anders.

Was kann Schule tun?

  • Fallbeispiele analysieren: Wer wird wie dargestellt? Was wird ausgelassen?
  • Perspektivwechsel ermöglichen: Schreiben, Rollenarbeit, Dialoge aus Sicht Betroffener
  • Reaktionen trainieren: Wie antworte ich auf Victim Blaming? Was macht solidarisches Verhalten aus?
  • Empathie fördern – nicht Mitleid, sondern Verständnis. Zuhören lernen. Und sprechen dürfen.

Betroffene brauchen Schutz. Und Jugendliche brauchen das Werkzeug, um Täter:innen-Narrative zu durchbrechen.

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4. Sprache. Körper. Selbstermächtigung.

Viele Mädchen nennen ihre Vulva „das da unten“, ihre Brüste „die Dinger“. Das ist kein Zufall.

Sprache, oder ihr Fehlen, sagt viel darüber aus, wie Körper wahrgenommen werden. Besonders weibliche Körper. Über Jahrhunderte hinweg wurden sie als sündhaft, schwach oder beschämend konstruiert. Diese Deutungen wirken weiter, bis in den Biologieunterricht, bis in den Pausenhof.

Wenn es keine Worte gibt, gibt es keine Wahrnehmung. Und keine Möglichkeit, Grenzen zu setzen.

Was kann Schule tun?

  • Begriffe enttabuisieren: Vulva, Klitoris, Brust – neutral, korrekt, selbstverständlich.
  • Lehrmittel überprüfen: Welche Körperbilder zeigen sie und welche nicht?
  • Kreative Zugänge nutzen: Schreiben, Theater, Collagen als Zugang zum eigenen Körper
  • Peer-Gespräche begleiten: Räume schaffen, in denen Unsagbares sagbar wird

Sprache ist nicht nur Mittel, sie ist Haltung. Wer Jugendlichen Sprache über ihren Körper gibt, gibt ihnen auch Macht zurück.

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5. Schule als Institution – nicht neutral, sondern wirksam

Schule prägt. Nicht nur durch Inhalte. Sondern durch Umgangsformen, durch Schweigen, durch Machtverhältnisse.

Wenn sexualisierte Gewalt verhindert werden soll, reicht es nicht, auf Regeln zu verweisen. Es braucht Strukturen. Haltung. Und Räume, die schützen, bevor etwas passiert.

Oft sind es Kleinigkeiten, die Signale senden: Wer wird unterbrochen? Wer wird gehört? Wer wird in Schutz genommen? Wenn es keine klaren Meldewege oder keine Konsequenzen gibt, verlieren Schüler:innen Vertrauen. In die Schule, in Erwachsene, in sich selbst.

Was kann Schule tun?

  • Machtverhältnisse sichtbar machen und reflektieren
  • Meldewege klar kommunizieren und leben
  • Klassenregeln gemeinsam gestalten: Was schützt? Was tut gut?
  • Kollegiale Achtsamkeit fördern: Was sind unsere blinden Flecken?

Schule ist nie neutral. Aber sie kann verantwortungsvoll sein.

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Fazit: Verantwortung ist lernbar

Sexualisierte Gewalt beginnt nicht mit dem Übergriff. Sondern viel früher. In Normen, in Sprache, in Blicken, in allem, was nicht hinterfragt wird.

Und genau deshalb ist Schule so zentral. Nicht als heile Welt. Sondern als Ort der Reibung, des Lernens, der Auseinandersetzung.

Was wir brauchen, ist eine Pädagogik, die Mut macht:

  • Mut zur Sprache
  • Mut zur Klarheit
  • Mut zur Veränderung

Dieser Artikel ist kein Rezeptbuch, sondern ein Impuls. Für eine Schule, die Haltung zeigt. Und die ihre Verantwortung nicht nur kennt, sondern auch lebt.

Bildung beginnt mit Beziehung. Und Beziehung beginnt mit dem Ernstnehmen.

Für mich ist dieser Text ein Anfang – ein Versuch, genauer hinzuschauen, weiterzufragen und gemeinsam an einer Schule mitzuwirken, in der Gleichwürdigkeit nicht Theorie bleibt, sondern im Alltag spürbar wird.

Möge dieser Text ein Beitrag sein – zum Hinschauen. Zum Weiterfragen. Und zum gemeinsamen Gestalten einer Schule, in der Gleichwürdigkeit kein Ideal, sondern gelebter Alltag ist.


Wie kann Schule konkret handeln?
Nach der persönlichen Auseinandersetzung im Blogbeitrag stellt sich die Frage: Was folgt daraus für den Unterrichtsalltag, für Lehrpersonen, Schulleitungen, Teams?

Aus meinen Überlegungen ist ein schulisches Präventionskonzept entstanden. Es versammelt exemplarische Ansätze, Impulse und konkrete Umsetzungsideen für die Arbeit mit Jugendlichen und im Kollegium.

➡️ Hier geht’s zum Präventionskonzept: Sexualisierte Gewalt vorbeugen: Ein Präventionskonzept für Schule und Unterricht

3 Kommentare zu „Sexualisierte Gewalt und Schule: Ein persönlicher Blick auf strukturelle Muster und pädagogische Verantwortung

  1. Liebe Gabriela,

    dein Artikel hat mir Gänsehaut beschert. Ich bin beeindruckt von deiner Klarheit und berührt von deiner Haltung. Die einzelnen Kapitel sind für mich gut nachvollziehbar gegliedert – jede Perspektive steht für sich und gleichzeitig fügen sich alle Abschnitte wie Mosaiksteine zu einem Gesamtbild. Du schaffst es, ein komplexes und oft tabuisiertes Thema wie sexualisierte Gewalt mit großer Sorgfalt, Tiefe und pädagogischer Haltung zu beleuchten – ohne abzuschweifen und ohne zu vereinfachen. Besonders wertvoll finde ich, wie du verschiedene Ebenen – von Sprache über Körperbilder bis hin zu struktureller Verantwortung – miteinander verbindest und dabei stets im Blick behältst, was Schule konkret tun kann. Deine Haltung ist spürbar und nach Lösung suchend. Problem erkannt, was machen wir jetzt. Und du zeigst, dass es möglich ist, mit Jugendlichen genau da anzusetzen, wo Veränderung beginnt – in Sprache, in Bildern, in Gesprächsräumen. Danke für das Teilen des Links zu den Ringvorlesungen.

    Ich danke dir für diesen kraftvollen und klaren Text und wünsche mir sehr – für uns alle, dass deine Impulse bei deinen Kolleg:innen und Schüler:innen ankommen.

    Herzliche Grüße
    Sylvia

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