Was, wenn ich eben doch nicht gut genug bin?

Ein Text über alte Stimmen, neue Fragen und das leise Weitergehen.

Wenn Fragen von allein kommen

Manchmal beginne ich ein Gespräch mit mir selbst, ohne es zu merken. Es reicht ein leerer Tisch, ein Stift, ein Notizbuch und etwas, das in mir unruhig scharrt.

Letzte Woche war es wieder so weit. Ich wollte an der Blogparade von klarplatz.de teilnehmen und suchte nach einer spannenden Idee. Statt lange nachzudenken, arbeite ich mit der Methode des automatischen Schreibens, der écriture automatique. Ich nenne es liebevoll meine PI, meine persönliche Intelligenz. Sie weiss oft mehr als ich. Weil sie etwas anzapft, das mir im Alltag leicht entgleitet: mein Unterbewusstsein. Diese stille Instanz in mir, die Muster erkennt, bevor ich sie begreife.

Beim automatischen Schreiben darf sie sprechen. Ohne Ziel, ohne Zensur, ohne Ordnung.
Ein Gedanke führt zum nächsten, manchmal über Umwege, manchmal abrupt. Wie in einem Traum, bei dem man nicht weiss, wie man von einem Ort zum anderen kam.
Da blitzt etwas auf, verschwindet wieder, taucht an anderer Stelle erneut auf.
Keine feine Ordnung. Kein roter Faden. Nur Spuren.

Ich fragte mich oder liess mich fragen:

  • Welche Themen arbeiten da eigentlich schon länger in mir?
  • Welche Fragen schieben sich immer wieder in meine Gedanken, ohne dass ich sie ganz fassen kann?
  • Und welche von ihnen möchte ich endlich einmal beantworten? Nicht für andere, sondern für mich?

Nach einer Stunde klappte ich mein Notizbuch zu. Erst am nächsten Tag begann ich zu lesen, zu sortieren, zu strukturieren, zu erkennen.

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Ein Satz, der 20 Jahre nachhallt

Aus diesem Moment heraus entstand mein Artikel: Fünf Fragen an mich“.

Und gleich die erste Frage darin war wie ein Türöffner, ein Sprung zurück in der Zeit. Fast 20 Jahre. Ein Bewerbungsgespräch. Ich war aufgeregt, voller Pläne, stolz auf das, was ich alles machte und schon gemacht hatte. Und dann kam sie, diese Frage:
„Wie bringen Sie all das eigentlich unter einen Hut?“

Damals fühlte sie sich wie eine kleine Ohrfeige an. Ich wusste keine gute Antwort. Ich stammelte etwas von Organisation, Begeisterung, vielleicht auch ein bisschen Chaos. Aber innerlich blieb etwas stecken.

  • Bin ich zu viel?
  • Zu vielseitig?
  • Oder hat man nur vergessen, dass Menschen eben nicht nur eine Sache sind?

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Ein Knäuel beginnt sich zu entwirren

Als ich die Szene aufschrieb, hatte ich das Gefühl, ein Tor geöffnet zu haben. Seitdem kreisen meine Gedanken darum. Es ist, als hätte ich einen losen Faden erwischt und nun beginnt sich ein Knäuel zu entwirren.

Gestern beim digitalen Aufräumen, meinem wöchentlichen 10-Minuten-Mail-Ritual, stiess ich auf eine alte Mail. Fast 20 Jahre alt. Eine Nachricht, die mir plötzlich den Atem raubte. Ihr Inhalt wirkte wie ein Echo: Wieder ging es um Erwartungen. Um das Gefühl, funktionieren zu müssen. Um das unsichtbare Gewicht, das entsteht, wenn andere an einen glauben und man selbst ins Wanken gerät.

Ich las sie mehrfach. Und merkte: Diese Nachricht bringt noch etwas anderes der Vergangenheit an die Oberfläche. Etwas, das bis heute nicht verschwunden ist, obwohl es lange still war.

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So ist dieser neue Beitrag entstanden. Nicht geplant, nicht gedacht, sondern gefunden. Zwischen alten Mails und neuen Fragen. Und ich glaube, es wird nicht der letzte sein. Denn dieses Thema – Erwartungen, Vielseitigkeit, Identität – zieht sich wie ein feiner Faden durch mein Leben.

Vielleicht ist das der Anfang einer kleinen Serie. Vielleicht auch nur ein Innehalten. Aber sicher ist: Manche Fragen beantwortet man nicht. Man lebt mit ihnen. Manchmal sogar ziemlich gut.

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Zwischen Absage und Bekenntnis

Eine zweite Erinnerung tauchte auf. Fast ebenso alt und doch ganz anders. Wieder ging es um Erwartungen. Wieder ging es um Druck. Aber diesmal in einem ganz bestimmten Moment meines Lebens: Die Angst vor einer anstehenden Prüfung. Damals.

Ich wollte eigentlich nur absagen. Zwei Termine, die nicht passen, das passiert.
Eine kurze Mail, höflich formuliert, dann abschicken und das Thema innerlich zur Seite legen. So war der Plan.

Aber dann sass ich vor dem Bildschirm, tippte die ersten Zeilen und es wurde keine Absage. Es wurde ein Bekenntnis. Ein Riss in der Fassade. Und plötzlich war ich da. Sichtbar. Verletzlich. Fast schon entwaffnet.

Nicht geplant. Nicht gewollt. Nicht freiwillig. Aber vielleicht nötig.

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„Nur eine Prüfung“, sagen sie

Denn die Wahrheit war: Ich hatte Angst. Nicht die flatterige Art, die einem kurz vor einem Vortrag die Knie weich werden lässt. Sondern dieses tiefe, bohrende, lähmende Gefühl, das mir sagt: Pass auf. Nicht zu viel hoffen. Nicht zu sehr zeigen, was dir wichtig ist.“

Ich wusste, dass das nicht logisch war. Aber es war da. Körperlich. Echt. Unverrückbar.

Alle sagten:

  • „Mach dir nicht so einen Stress – es ist doch nur eine Prüfung.“
  • „Du bist doch kompetent.“
  • „Du kannst das doch mit links.“

Und das Verrückte war: Das war mir bewusst. Ich verstand das alles, verstand es rational.
Ich war immer zu Hause in der Linguistik. Ich konnte darin denken, fühlen, mich verlieren.
Und dennoch …

Jedes Mal, wenn ich an diese Prüfung dachte, zog sich etwas in mir zusammen. Nicht, weil ich es inhaltlich nicht konnte. Sondern, weil diese eine Prüfung plötzlich alles bedeutete.

Bestand ich ging mein Studium weiter. Fiel ich durch, dann war es vorbei.

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Was, wenn ich zu viel will?

Und da war sie wieder, die uralte Stimme in mir: Was, wenn du eben doch nicht gut genug bist?

Es war wie ein Test, aber nicht nur meines Wissens. Sondern meines Wertes. Meiner Geschichte. Meiner Existenzberechtigung. Und das war ganz schön viel für einen einzigen Vormittag in einem Prüfungszimmer.

Ich fragte mich, woher das kam. Warum ausgerechnet jetzt. Warum so heftig. Ich kam nicht zu einer klaren Antwort. Aber es war, als würde ein alter Film abgespielt, sobald ich mich vorbereiten wollte.

Der ging so: Ich strengte mich an. Ich war fleissig, engagiert, korrekt. Und dann, kurz vor dem Ziel, passierte etwas. Alles brach zusammen.
Nicht, weil ich versagt hatte. Sondern, weil ich es wagte, zu viel zu wollen.

Ich weiss, es klingt dramatisch. Aber mein Körper erinnerte sich an Dinge, die mein Kopf längst archiviert hatte. Das ist das Gemeine an alten Geschichten: Sie haben ihre ganz eigene Sprache. Und sie reden nicht mit dem Verstand.

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Erwachsen, stark, rational oder doch lieber weich?

So sass ich manchmal vor meinen Unterlagen. Das Herz klopfte. Die Seiten verschwanden. Und ich merkte: Ich war gar nicht da.

Ich war wieder irgendwo in der Vergangenheit, irgendwo zwischen früherem Druck, alter Enttäuschung und dem Gefühl, dass Erfolg nur dann erlaubt ist, wenn man ihn sich mit Tränen erarbeitet.

Dabei bemühe ich mich doch, erwachsen zu sein. Rational. Organisiert. Realistisch. Aber was, wenn genau das gerade nicht half? Was, wenn ich nicht noch mehr Struktur brauchte, sondern mehr Raum? Mehr Weichheit?

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Ein kleines Bild. Ein Glas Wasser. Und ich.

Frau Feustle (Supervisiorin) hat mir geantwortet. Mit einer Mail, die ich mehrfach lesen musste, weil sie etwas in mir berührte, das lange still war.

Sie schrieb von Erwartungen. Von dem Druck, gut sein zu müssen. Von dem inneren Stolperstein, der grösser wurde, je mehr Menschen an mich glaubten. Und dann fragte sie: „Gehört sich das überhaupt, als Frau erfolgreich zu sein? Als Mutter? Als sensible, fühlende Person?“

Ich hatte keine Antwort darauf. Nur ein langes, tiefes Schweigen.

Vielleicht bin ich nicht die Einzige, die das kennt. Diese Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, sichtbar zu sein und der Angst, was passieren könnte, wenn man sich zeigt.
Zwischen dem Wissen um die eigene Stärke und der Furcht, sie wirklich zu leben.

Vielleicht ging es gar nicht um die Prüfung.
Vielleicht ging es um ein inneres Tor, das sich jetzt öffnen wollte und dabei alles in mir durcheinanderwirbelte.

Ich wusste nicht, ob ich bereit war. Aber ich wusste, dass ich nicht allein war.

Manchmal stellte ich mir vor, wie ich vor dem Bild in Frau Feustles Praxis sass. Vor dem Bild der sich öffnenden Blume. Wir tranken Wasser. Redeten wenig. Und doch war da plötzlich Platz. Für all das, was sich zeigen wollte. Für mich.

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Prüfungen bestehen, ohne zu glänzen

Vielleicht nehme ich die Angst einfach mit. Ich halte sie nicht zurück, aber ich lasse sie auch nicht führen. Ich sage ihr: „Du darfst da sein. Aber ich gehe trotzdem.“

Und vielleicht besteht man manche Prüfungen nicht, weil man alles weiss. Sondern, weil man sich zeigt.

Und dann, ohne grosse Worte, den nächsten Schritt wagt. Gemeinsam mit all dem, was man ist. Und nicht ist. Noch nicht.

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5 Kommentare

  1. Liebe Gabriella

    beim Lesen deines Textes spüre ich, wie fein dein inneres Ohr ist. Du hörst, was in dir klingt, bevor es zu klaren Gedanken wird – und du gibst dem Raum. Nicht vorschnell, nicht erklärend, sondern lauschend.

    Was mich besonders bewegt hat, ist die Stelle, an der du die Frage nach der Prüfung nicht mehr nur als Situation, sondern als Symbol verstehst. Als Brennpunkt alter Muster, alter Geschichten. Du beschreibst nicht einfach, was passiert – du beschreibst wie es sich anfühlt, wenn das Alte plötzlich wieder da ist. Und das ist eine seltene Qualität.

    Dein Text ist keine Antwort auf eine Frage – er ist selbst eine Frage, die weiterführt. Und genau darin liegt seine Kraft.

    Ich lese aus deinen Zeilen eine sehr feine Unterscheidung zwischen dem Impuls, etwas „wegzumachen“ – und dem Mut, es da sein zu lassen, ohne sich davon bestimmen zu lassen. Dieser Schritt ist subtil, aber entscheidend.

    Danke, dass du diesen inneren Prozess so unverstellt und klar geteilt hast

    Von Herzen
    Pia

  2. Hallo Gabriella,
    ich versuche mich von deinem Newsletter abzumelden. Der Link funktioniert nicht. Bitte überprüfe das. LG Eva

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