Über Gelesenes sprechen und austauschen

über Bücher sprechen und austauschen

Meine Lesesozialisation fand in meinem Elternhaus und nicht in der Schule statt. Ich lebe weiter, was mich meine Eltern gelehrt haben: Über Gelesenes sprechen und austauschen gehört zum Lesen.

Wie ich Lesen als Kind in meinem Elternhaus erlebte

In meinem Elternhaus wurde viel gelesen. Bücher und Zeitschriften liessen sich in jedem Zimmer finden und der Gang zur Gemeindebibliothek war fester Bestandteil des Wochenablaufs. Meine Mutter legte fest, wie viele Bücher maximal pro Woche ausgeliehen werden durften – allerdings hielt ich mich wohl kein einziges Mal dran. Es war auch nicht sinnvoll, die überzähligen Bücher zu verstecken, da alle gefunden und gelesen wurden.

Wenn ich zurückdenke, dann empfinde ich es als bemerkenswert, dass meine Mutter sämtliche Jugendbücher ebenfalls las. Nicht als Kontrolle, sondern weil sie es wichtig fand, dass über Gelesenes ausgetauscht werden konnte. Daher fanden bei uns zu Hause häufig Gespräche über Bücher und deren Themen statt. Ebenso lasen wir uns Textstellen vor, die besonders lustig waren, oder wir Kinder fragten nach Wörtern, die wir nicht kannten.

Aus heutiger Sicht hat die Schule im Bezug auf die Leseförderung versagt. Weder in der Primar- noch der Sekundarschule gab es Klassenlektüren oder eine individuelle (Ferien)Lektüre. Erst im Gymnasium habe ich mein erstes Buch in der Schule gelesen und darüber diskutiert.

Lesen als Diskussionsgrundlage

Während meines Germanistik-Studiums fand in unserer WG jede Woche ein Diskussionsabend statt. Gestartet wurde mit einem gemeinsamen Essen und anschliessend diskutierten wir in der Regel zwei Werke aus der Leseliste des literarischen Akzesses. Der Austausch war engagiert: Es wurden Verbindungen zu anderen Werken und Autoren thematisiert, der Inhalt mit unserer Lebenswelt in Bezug gestellt, offene Kritik an Autor oder Werk geäussert, debattiert.

Ich erinnere mich noch gut an eine Diskussion über Schillers „Don Carlos“. Die Beziehung zwischen den zwei Protagonisten, Marquis von Posa und Don Carlos, wurde verwendet, um einen schwelenden Konflikt unserer WG lautstark und versehen mit Argumenten aus dem Werk auszutragen.

Spätestens da realisierte ich, dass Lesen und Literatur immer mit meinem Leben zu tun haben und es auf die eine oder andere Weise beeinflussen.

Lesen in meiner Familie

Bereits im Kindergarten marschierte unsere Tochter mit dem Poschtiwägeli in die Bibliothek und schleppte jeweils bis 15 Bücher aufs Mal nach Hause. Die Bibliothekarin stellte ihr bereits mit 5 Jahren einen eigenen Bibliotheksausweis aus – so viel Engagement müsste belohnt werden! Genau wie ich las sie am liebsten im Bett und natürlich noch lieber mit der Taschenlampe unter der Decke. Genau wie meine Mutter las ich alle Bücher, die sie nach Hause brachte und wir tauschten uns über Lieblingsstellen aus.

Mein Mann liest kaum Bücher, dafür unterschiedliche Zeitschriften. Er vermittelte die Freude am Lesen von Zeitschriften, aber auch am Weitergeben von Artikeln. Auch hier galt und gilt: alles, was für interessant befunden wird, wird vorgelesen oder fotografiert und vermailt.

Als meine Tochter sechs Jahre alt war, besuchte ich mit ihr das erste Mal die Buchmesse in Frankfurt. Wir genossen es beide in die Welt der Bücher einzutauchen, an Lesungen teilzunehmen, uns Bücher signieren zu lassen. Fast zehn Jahre lang pilgerten wir nach Frankfurt, manchmal zu zweit, manchmal in Begleitung einer Freundin meiner Tochter.

Die Ferienlektüre gehörte selbstverständlich zum Gepäck. Es gab einige Jahre lang Tränen vor den Sommerferien, da nicht alle Bücher eingepackt werden konnten, weil sonst die Koffer zu schwer gewesen wären. Dann lösten die beiden Mädchen das Problem auf eine elegante Art. Sie legten mir ihre Leseliste vor, aus der ich die acht Bücher auswählen „durfte“, die dann in mein Gepäck wanderten. Die restlichen Bücher teilten sie auf ihre Koffer auf.

So schafften wir es, vor Kindlezeiten, immer mindestens 16 verschiedene Bücher dabeizuhaben. Für jeden Tag eines und eines in Reserve. Und erneut galt: Wir sprachen über die gemeinsam gelesenen Bücher, tauschten uns über die Inhalte aus und erzählten einander, was die Themen mit uns aktuell zu tun hatten.

Austausch in der Lesegruppe

Es war und ist mir wichtig, mich mit anderen Menschen über Bücher und Gelesenes auszutauschen. Im Verlaufe der Jahre wurde dies aber immer schwieriger, weil sich viel mehr Filmbegeisterte als Leser:innen fanden. Also gründeten wir eine Lesegruppe, in der es keine Qualitätseinschränkungen bei der Auswahl der Lektüre gab. Jede Person konnte Vorschläge einbringen, weshalb ich mich plötzlich auch mit anderen Genres befasste.

In einem Roman (dessen Titel und Handlung mit entfallen sind) wurde beschrieben, dass durch das Schlagen von Zucker Funken entstehen. Der Naturwissenschaftler unter uns bestätigte dies zwar, aber wir wollten das mit eigenen Augen erleben. So organisierten wir uns den Zugang zu einem Labor, das sich vollkommen verdunkeln liess und droschen auf Zuckerstücke ein. Einen Funken gab es nicht, aber die „angewandte“ Literaturstunde fühlte sich grossartig an.

Lesen im Unterricht

Lesen mit Erwachsenen

Ich war viele Jahre in der Erwachsenenbildung tätig. Mit meiner Italienisch-Konversationsklasse, die ich über 10 Jahre unterrichtete, lasen wir eine Vielzahl von Büchern. Es gab immer wieder Teilnehmer:innen, die mir in einem vertraulichen Gespräch gestanden, dass sie vorher noch nie ein Buch zu Ende gelesen hätten. Auch hätten sie sich nicht vorstellen können, dass man über den Inhalt diskutieren könne. Noch viel mehr erstaunte sie jeweils, dass das Gelesene mit ihnen als Individuen und ihrem Leben zu tun hatte.

Lesen mit meinen Sekundarschüler:innen

Lesen gehört auch heute zu meinem Alltag. Und ich darf mit Stolz sagen, alle (!) meine Schüler:innen lieben die Klassenlektüre, die wir gemeinsam lesen und diskutieren. Wie ich es anstelle, um meine Schüler:innen auf den Geschmack des Lesens zu bringen, werde ich in einem Folgeartikel darlegen.

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