Was brauchen Berufseinsteigende im Schulzimmer wirklich?
In Zeiten von Lehrpersonenmangel und Quereinstieg wird Fachbegleitung am Arbeitsort für Lehrpersonen immer wichtiger, nicht nur als Pflichtprogramm, sondern als echte Chance für Entwicklung. In diesem Beitrag teile ich meine Erfahrungen als Fachbegleiterin mit einer jungen Lehrperson, die mit viel Wissen, aber wenig Unterrichtspraxis gestartet ist.
Anhand ihres Weges zeige ich, was es bedeutet, zu begleiten, statt zu bewerten, und wie Vertrauen, Beziehung und Reflexion junge Lehrpersonen nachhaltig stärken können. Der Text richtet sich an alle, die im Bildungsbereich tätig sind: Mentor:innen, Praxislehrpersonen, Ausbildende und natürlich an jene, die selbst am Anfang stehen.
Fachbegleitung mit Herz – Meine Rolle als reflektierende Begleiterin
Ich bin Sekundarlehrerin mit langjähriger Unterrichtserfahrung und begleite seit mehreren Jahren angehende Lehrpersonen als Praxislehrperson. In meiner täglichen Arbeit unterstütze ich nicht nur fachlich, sondern auch im Aufbau einer professionellen Haltung und im Umgang mit den vielfältigen Herausforderungen des Lehrer:innenberufs.
Eine Aufgabe aber liegt mir besonders am Herzen: die Fachbegleitung am Arbeitsort. In dieser Rolle begleite ich Berufseinsteigende Lehrpersonen (BEST) während ihrer ersten beiden Jahre im Schuldienst. Ich sehe mich dabei nicht als Beurteilerin, sondern als reflektierende Begleiterin, als jemand, der zuhört, hinterfragt, ermutigt und gemeinsam nach Lösungen sucht. Es ist eine verantwortungsvolle und zugleich zutiefst bereichernde Tätigkeit, die viel Vertrauen und echtes Interesse am Gegenüber voraussetzt.
Die Fachbegleitung bedeutet für mich nicht nur, andere auf ihrem Weg zu unterstützen. Sie gibt auch mir selbst jedes Mal etwas zurück. Auch nach vielen Jahren im Beruf merke ich: Ich lerne weiter. Durch das genaue Hinschauen, das gemeinsame Reflektieren, durch die Fragen, die mir gestellt werden und durch die, die ich mir selbst dabei neu stelle. Nur weil man eine erfahrene Lehrperson ist, weiss man nicht alles.
Deshalb findest du in diesem Text an verschiedenen Stellen kleine Reflexionsfragen. Sie laden dazu ein, innezuhalten, die eigene Praxis zu hinterfragen und neue Perspektiven zuzulassen – ganz unabhängig davon, ob man am Anfang steht oder schon lange im Schulzimmer unterwegs ist. Fachbegleitung ist für mich ein gemeinsamer Lernweg – auf Augenhöhe, im Dialog, offen für Entwicklung auf beiden Seiten.
Haltung statt Hierarchie – Was Fachbegleitung ausmacht
✔ Lernen auf beiden Seiten
✔ Zuhören statt Anleiten
✔ Ermutigen statt Beurteilen
✔ Reflexion ermöglichen, statt Lösungen vorgeben
✔ Entwicklung als Prozess begleiten – nicht beschleunigen
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Lehrpersonenmangel und Quereinstieg – Warum Fachbegleitung für den Unterricht wichtiger denn je ist
Gerade in der aktuellen Situation gewinnt diese Begleitung zunehmend an Bedeutung. Im Kanton Zürich herrscht seit Jahren ein akuter Mangel an Lehrpersonen auf der Sekundarstufe I. Deshalb werden zunehmend auch Quereinsteiger:innen ohne Lehrdiplom oder didaktische Ausbildung eingestellt, Menschen mit viel Fachwissen, aber wenig pädagogische Vorerfahrung. Für sie ist der Einstieg ins Klassenzimmer oft ein Sprung ins kalte Wasser.
Genau hier setzt die Fachbegleitung am Arbeitsort an. Sie ist ein obligatorisches Unterstützungsangebot, das von der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) koordiniert wird. Ziel ist es, Berufseinsteigende im schulischen Alltag zu stärken, ihre pädagogische Entwicklung zu begleiten und ihnen einen sicheren Rahmen für Reflexion, Austausch und Wachstum zu bieten.
Erste Schritte für Quereinsteiger:innen
✔ Vernetze dich frühzeitig, auch mit anderen Quereinsteigenden
✔ Starte mit Struktur, aber sei offen für Dynamik
✔ Traue dich, Beziehung über Perfektion zu stellen
✔ Suche aktiv Feedback, nicht zur Bewertung, sondern zur Entwicklung
✔ Halte kleine Erfolge fest, schriftlich oder im Gespräch
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Zwischen Fachwissen und Unsicherheit – Eine Lehrperson auf dem Weg in den Beruf
Im Folgenden möchte ich von einer konkreten Begleitung erzählen, die mich besonders berührt und herausgefordert hat. Ich denke dabei an eine junge Berufseinsteigende (BEST), die ich im Rahmen der Fachbegleitung durch ihre ersten beiden Berufsjahre und ihren Unterricht begleiten durfte. Sie war hoch motiviert, mit einem Universitätsabschluss in Deutsch und Englisch, aber ohne didaktische Ausbildung. Der Einstieg fiel ihr schwer. Nicht wegen fehlender Fachkenntnisse, sondern wegen der Anforderungen, die das Unterrichten in der Praxis mit sich bringt.
Anhand dieses Beispiels möchte ich zeigen, wie bedeutsam eine feinfühlige, kontinuierliche Begleitung in dieser sensiblen Einstiegsphase sein kann und wie viel Entwicklung möglich wird, wenn Vertrauen, Reflexion und Offenheit aufeinandertreffen.
Was Berufseinsteigende wirklich herausfordert
✔ Bedürfnis, „alles richtig“ zu machen
✔ Umgang mit Störungen und Klassenführung
✔ Zeitmanagement und Überforderung
✔ Unsicherheit im Beurteilen von Schüler:innenleistungen
✔ Abgrenzung und Rollenfindung
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Mehr als Grammatik und Arbeitsblätter – Erste Schritte im Unterricht
Fachlich stark, pädagogisch unerfahren
Meine BEST verfügte über eine hohe fachliche Kompetenz, hatte aber noch nie unterrichtet. Zum ersten Mal stand sie vor einer Klasse und musste sich nicht nur mit den fachlichen Inhalten, sondern auch mit der Realität des Unterrichtens auseinandersetzen. Als Fachlehrerin unterrichtete sie zwei grosse 2. BC-Klassen mit mehreren ISR-Schüler:innen (Lernende mit individuellem sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf). Eine sehr herausfordernde Ausgangslage, der sie mit grossem Engagement begegnete.
Schnell zeigte sich, dass sie mit den Herausforderungen des Unterrichtsalltags zu kämpfen hatte. Ihr Ziel war es, den Unterricht möglichst professionell zu gestalten. Sie entschied sich für einen klar strukturierten, grammatikzentrierten Einstieg. Alle Schüler:innen arbeiteten am selben Arbeitsblatt, mit dem Anspruch, dass alle den Stoff vollständig verstehen sollten.
Doch schnell wurde deutlich: Die Klasse war zu heterogen, um mit einem einheitlichen Zugang alle Lernenden gleich gut zu erreichen. Es fehlte ihr zunächst das Bewusstsein für die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und damit auch für die Notwendigkeit von Differenzierung.
🧠 Reflexionsimpulse
Wie sah mein eigener Einstieg in den Unterricht aus? Worauf lag damals mein Fokus?
Welche inneren Vorstellungen davon, was „guter Unterricht“ sein sollte, begleiten mich noch heute?
Vom Inhaltsdenken zur Lernbegleitung
Geprägt durch ihre eigene schulische Sozialisation und das Fehlen einer didaktischen Ausbildung war ihr Unterrichtsverständnis stark inhaltsorientiert. Für sie bedeutete Lehren vorrangig die systematische Vermittlung von Grammatik. Differenzierte Lernwege oder individualisierte Zugänge waren ihr zu Beginn fremd.
So erschien es ihr konsequent, ein Thema so lange zu behandeln, bis jede:r es vollständig verstanden hatte. Dass in einer Klasse aber meist mehrere Lernniveaus gleichzeitig präsent sind, in diesem Fall drei, war ihr nicht bewusst. Ebenso fehlte zunächst das Verständnis dafür, dass wirksamer Unterricht mehr ist als das lineare Abarbeiten von Aufgabenblättern. Lehren ist ein lebendiger, dynamischer Prozess, der auf Beziehung, Aktivierung, wertschätzender Rückmeldung und gezielter Förderung beruht.
Merkmale wirksamen Unterrichts (nach Hattie & Co.)
✔ Klare Struktur und Zielorientierung
✔ Aktive Beteiligung der Lernenden
✔ Feedbackkultur (regelmässig, konkret, lernförderlich)
✔ Differenzierung nach individuellen Lernvoraussetzungen
✔ Vertrauensvolle Lehrer:innen-Schüler:innen-Beziehung
✔ Hohe Erwartungen bei realistischer Unterstützung
Auch das Formulieren von Lernzielen empfand sie anfangs als überflüssig. Aus ihrer Sicht reichte es, klare Anweisungen und strukturierte Aufgaben zu geben. Erst im Laufe unserer gemeinsamen Reflexionen erkannte sie deren pädagogischen Mehrwert. Lernziele bieten nicht nur den Schüler:innen Orientierung, sondern helfen auch ihr selbst, den Unterricht zielgerichteter zu planen und Rückmeldungen wirksam zu gestalten.
Diese Einsicht markierte einen Wendepunkt in ihrem Denken: Die Frage, wie man eine Klasse mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen erreichen und begleiten kann, wurde für sie zunehmend zentral.
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Schrittweise zu differenziertem Unterricht
In unseren Reflexionsgesprächen während der Fachbegleitung beschäftigten wir uns zunehmend mit Differenzierung, transparenten Zielsetzungen und individuellen Lernwegen im Unterricht. Anfangs war das für sie überfordernd, zu komplex, zu weit weg von ihrem bisherigen Unterrichtsverständnis. Doch Schritt für Schritt wagte sie sich vor: Zuerst kleine Anpassungen, dann mutigere Versuche, etwa mit offenen Aufgabenstellungen oder Partnerarbeiten, in denen stärkere Schüler:innen schwächere unterstützten.
Individuelle Wege eröffnen
Eine dieser offenen Aufgaben war etwa die Beschreibung eines Bildes mit anschliessender Satzumformung. Die Schüler:innen konnten dabei zwischen drei Schwierigkeitsgraden wählen: einfache Sätze umformulieren, komplexe Satzgefüge bilden oder eigene kreative Texte entwickeln. So konnte jede:r auf dem eigenen Niveau arbeiten. Meine BEST begann zu erkennen, wie motivierend es für die Lernenden war, wenn sie sich selbst herausfordern durften.
Diese ersten Schritte in Richtung differenzierter Unterricht führten nicht nur zu mehr Ruhe und Konzentration im Klassenzimmer, sondern auch zu ersten Erfolgserlebnissen für sie selbst. Sie begann zu spüren, dass Unterricht dann gelingt, wenn alle mitgedacht werden – und Differenzierung kein Kontrollverlust, sondern eine Erweiterung von Möglichkeiten bedeutet.
Differenzierung im Alltag – drei einfache Einstiege
✔ Aufgaben in drei Schwierigkeitsstufen anbieten
✔ Wahlaufgaben mit gleichen Lernzielen (z. B. Text, Bild, Audio)
✔ Partner- oder Gruppenarbeit nach Lernstil oder Lerntempo
💡 Wichtig: Differenzierung bedeutet nicht, alles neu zu erfinden, sondern bestehende Strukturen flexibel zu denken.
🧠 Reflexionsimpulse
Welche inneren Widerstände spüre ich beim Thema Differenzierung?
Wie klar sind meine Lernziele – für mich und für meine Schüler:innen?
Wo gelingt es mir bereits, unterschiedliche Lernvoraussetzungen zu berücksichtigen und wo noch nicht?
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Beziehung schafft Raum – Kleine Gesten, grosse Wirkung
Beziehungsarbeit statt Nebensache
Parallel zu diesen ersten methodischen Veränderungen begann während der Fachbegleitung auch ihr Blick auf die zwischenmenschliche Dimension im Unterricht zu wachsen. Was sie anfangs als nebensächlich empfunden hatte, die Beziehungspflege, die persönliche Ansprache der Schüler:innen, kleine Rituale, rückte zunehmend in den Fokus.
Ein Schlüsselmoment war ein gemeinsames Gespräch, in dem sie bemerkte, dass sie zwar alle Namen der Schüler:innen kannte, aber kaum etwas über ihre Interessen, Hintergründe oder Bedürfnisse wusste. Diese Erkenntnis traf sie spürbar. Sie wurde sich bewusst, dass erfolgreicher Unterricht nicht allein auf Fachlichkeit basiert, sondern wesentlich durch die Qualität der Beziehung zu den Lernenden getragen wird.
Kleine Handlungen mit grosser Wirkung
Von da an veränderten sich viele kleine Dinge in ihrem Alltag: Sie begann, ihre Schüler:innen aktiv zu begrüssen, bewusst Blickkontakt herzustellen und die ersten Minuten der Lektion nicht sofort für Fachinhalte, sondern für Ankommen und Begegnung zu nutzen. Die Sitzordnung wurde angepasst, der Raum gemeinsam vorbereitet und aufgeräumt, kleine Rituale, die zu einem spürbar respektvolleren Miteinander führten.
Diese scheinbar kleinen Veränderungen, etwa das bewusste Begrüssen jeder Schülerin und jedes Schülers mit Namen und Blickkontakt, hatten eine grosse Wirkung. Sie vermittelten den Lernenden das Gefühl, gesehen und wahrgenommen zu werden, und schufen von Beginn der Lektion an eine Atmosphäre der Wertschätzung.
Auch die angepasste Sitzordnung trug zur Verbesserung der Unterrichtssituation bei. Sie ermöglichte mehr Überblick, erleichterte gezielte Interaktionen und reduzierte Ablenkungen. Durch die bewusste Raumgestaltung, regelmässiges Lüften, aufgeräumte Tische, klare Strukturen entstand zunehmend ein lernförderliches Klima, in dem sich die Schüler:innen sicherer und ernst genommen fühlten.
Beziehung ist keine Nebensache – sondern Voraussetzung
Beziehungsarbeit zeigt sich in kleinen Handlungen:
✔ Namen kennen und nutzen
✔ Blickkontakt suchen
✔ Interesse zeigen
✔ Raum zum Ankommen geben
✔ Humor, Geduld, Nachsicht
🗝️ Beziehungsqualität wirkt direkt auf Lernklima, Motivation und Klassenführung.
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Struktur im Unterricht schafft Sicherheit
Unsichtbare Pädagogik wirkt – Beziehungsarbeit als Schlüssel
All diese Elemente griffen ineinander: Sie stärkten die Beziehungsebene, förderten die Konzentration und ermöglichten eine deutlich bessere Klassenführung. Für meine BEST war es eine wichtige Erfahrung zu erkennen, dass diese „unsichtbare Pädagogik“, das, was nicht explizit im Lehrplan steht, massgeblich zur Qualität des Unterrichts beiträgt.
Die bewusste Hinwendung zur Beziehungsarbeit veränderte nicht nur die Atmosphäre im Klassenzimmer, sondern auch sie selbst. Ihr Auftreten wurde sicherer, ihr Umgang mit schwierigen Situationen ruhiger und klarer. Aus anfänglicher Unsicherheit wuchs allmählich ein souveräner, zugewandter pädagogischer Stil, der Raum liess für Entwicklung, auf Seiten der Schüler:innen ebenso wie bei ihr selbst.
Struktur als Halt – ein einfaches Modell für den Unterrichtsverlauf
In einem unserer Gespräche während der Fachbegleitung erklärte ich ihr, wie hilfreich es sein kann, den Unterricht bewusst in Phasen zu gliedern. Ich zeigte ihr ein einfaches Modell zur Orientierung. Fünf Minuten zu Beginn für die persönliche Kontaktaufnahme und Begrüssung, 35 Minuten für den fachlichen Hauptteil und nochmals fünf Minuten zum Abschliessen, Hausaufgaben besprechen, aufräumen und bewusst verabschieden.
Diese einfache Struktur half ihr nicht nur, sich innerlich zu orientieren, sondern verlieh dem Unterricht einen natürlichen Rhythmus. Sie erkannte, dass Struktur nicht einschränkt, sondern Sicherheit schafft, sowohl für die Lernenden als auch für sie selbst als Lehrperson in Beziehung.
Struktur schafft Sicherheit – für alle
⏱️ Einfache Grundstruktur:
Ankommen (5 Min.) → Beziehung, Orientierung
Fachteil (35 Min.) → Zielorientiertes Arbeiten
Abschluss (5 Min.) → Aufräumen, reflektieren, verabschieden
🗝️ Rituale am Anfang & Ende geben Halt und fördern Lernpräsenz.
Routinen vor dem Unterricht – Präsenz beginnt vor dem ersten Wort
Auch die Vorbereitung vor Unterrichtsbeginn wurde zunehmend zu einem festen Bestandteil ihrer Praxis. Ich ermutigte sie, bereits einige Minuten vor den Schüler:innen im Klassenzimmer zu sein, die Rollläden zu öffnen, zu lüften und sich gedanklich auf die Klasse einzustimmen. Was anfangs wie eine zusätzliche Belastung wirkte, wurde mit der Zeit zu einer verlässlichen Routine, die ihr half, in eine klare, präsente Lehrer:innenrolle zu finden.
Diese kleinen Rituale gaben ihr innere Stabilität und den Lernenden ein gut vorbereitetes, ruhiges Lernumfeld. Der Raum wurde nicht nur physisch, sondern auch atmosphärisch zu einem Ort der Orientierung und des gemeinsamen Lernens.
Kleine Tools mit grosser Wirkung
✔ Begrüssung mit Namen & Blickkontakt
✔ Strukturierter Stundenbeginn (z. B. Ankommensritual)
✔ Kurze Gesprächsphasen statt Frontalunterricht
✔ Differenzierte Aufgabenformate (z. B. 3-Niveau-Aufgaben)
✔ Lernziele sichtbar machen (schriftlich oder mündlich)
✔ Feste Reflexionszeit im Unterricht
🗝️ Klein anfangen – Wirkung spüren.
🧠 Reflexionsimpulse
Welche kleinen Gesten prägen meine Beziehung zu den Schüler:innen?
Woran erkennen meine Schüler:innen, dass ich sie sehe und ernst nehme?
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Führen mit Haltung – Klarheit, Konsequenz und Nähe im Einklang
Angst vor Autorität und was daraus entsteht
Meine BEST stellte sich bewusst gegen eine autoritäre Rolle. Sie wollte nicht zur „Polizistin“ im Klassenzimmer werden, die Regelverstösse dokumentiert und sanktioniert. Dieser innere Widerstand gegenüber Kontrolle und Disziplinierung war nachvollziehbar, führte jedoch zu wachsender Unsicherheit im Umgang mit störendem Verhalten. Sie fürchtete, durch Einträge oder Konsequenzen die Sympathie der Schüler:innen zu verlieren. Sie wollte gemocht werden, nicht als streng oder unnahbar gelten. Deshalb vermied sie es, klare Grenzen zu setzen oder auffälliges Verhalten konsequent zu dokumentieren.
In der Praxis bedeutete das für mich als begleitende Lehrperson, dass ich immer wieder unterstützend eingreifen musste. Ich übernahm Schüler:innen, die sie in ihrem Unterricht als störend empfand, während ich selbst eine andere Klasse unterrichtete. Doch diese kurzfristige Lösung wurde zunehmend zur Belastung für uns beide. Manche Schüler:innen begannen sogar, bewusst zu provozieren, nur um aus ihrem Unterricht „herauszukommen“. Nicht aus Widerstand, sondern weil sie lieber bei mir sein wollten.
Autorität durch Haltung
In unseren Gesprächen während der Fachbegleitung wurde bald klar: Es ging nicht darum, im Unterricht „härter“ zu werden, sondern darum, Haltung zu zeigen, klar, ruhig, verlässlich. Ich sprach mit ihr über die Bedeutung von Verbindlichkeit, Konsistenz und innerer Klarheit. Autorität und Respekt entstehen nicht durch Strenge, sondern durch Authentizität, durch ein Verhalten, das nachvollziehbar, konsequent und respektvoll ist.
Diese Einsicht war für sie ein längerer Prozess. Doch mit der Zeit begann sie zu erkennen, dass klare Regeln und eine ruhige Konsequenz nicht im Widerspruch zu einer wohlwollenden Beziehung stehen, sondern im Gegenteil, sie sind deren Grundlage. Schüler:innen zeigen oft gerade dann Respekt, wenn sie spüren, dass ihre Lehrperson ihre Rolle mit Klarheit und Haltung ausfüllt. Und sie spürte, dass diese innere Haltung nicht nur den Schüler:innen Sicherheit schenkte, sondern auch ihr selbst.
Ein Wendepunkt war eine Szene in einer ihrer Lektionen. Zwei Schüler riefen wiederholt laut dazwischen. Statt die Situation zu ignorieren oder zu hoffen, dass sie sich von selbst beruhigten, unterbrach sie den Unterricht, sprach ruhig die Namen der Schüler aus und formulierte eine klare Erwartung: „Ich möchte, dass ihr euch jetzt am Thema beteiligt oder ruhig seid.“ Dann fuhr sie fort. Diese einfache, konsequente Reaktion zeigte Wirkung: Die Klasse wurde ruhig, die Schüler reagierten nicht trotzig, sondern beteiligten sich später aktiv an der Gruppenarbeit.
Ein kleiner Moment und doch ein grosser Schritt.
Klar und freundlich – souverän im Klassenzimmer
Echte Autorität bedeutet:
✔ Verbindlichkeit durch klare Erwartungen
✔ Konsequenz ohne Demütigung
✔ Ruhiger Ton statt Machtdemonstration
✔ Fehlerfreundlichkeit, auch bei sich selbst
🗝️ Schüler:innen respektieren Klarheit – nicht Kontrolle.
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Vom Begleiten zum Loslassen – Der Weg in die Selbstständigkeit
Loslassen lernen – mit Vertrauen begleiten
✔ Den Moment des Loslassens bewusst würdigen
✔ Klare Vereinbarungen schaffen Sicherheit
✔ Rückzug nicht als Desinteresse, sondern als Vertrauen werten
✔ Erfolgserlebnisse sichtbar machen
✔ Austausch auf Augenhöhe pflegen
Weniger führen, mehr begleiten
Mit dem Beginn des zweiten Jahres verlagerte sich unser gemeinsamer Fokus der Fachbegleitung weg vom konkreten Unterricht. Während ich im ersten Jahr oft noch aktiv begleitete, Impulse gab, bei der Planung unterstützte und Orientierung bot, wurde meine Rolle nun zunehmend zurückhaltender. Meine BEST begann, eigene Ideen zu entwickeln, Unterrichtseinheiten selbstbewusst zu planen und neue methodische Zugänge auszuprobieren.
Ihre Fragen wurden gezielter, ihre Reflexionen differenzierter. Der Austausch mit mir war nun nicht mehr Ausdruck von Unsicherheit, sondern getragen von einem echten Interesse an Weiterentwicklung. Sie begann, ihre Verantwortung als Lehrperson aktiv zu gestalten und fand zunehmend sich selbst und ihre Wirkung wahr.
Vertrauen statt Kontrolle
In einem unserer Gespräche sagte sie sinngemäss: „Ich merke, dass ich nicht mehr alles kontrollieren muss. Ich darf den Schüler:innen auch Verantwortung zutrauen. Und das entlastet mich.“
Diese Aussage war mehr als ein Satz. Er spiegelte einen Haltungswandel wider, der aus Vertrauen wuchs: in ihre Lernenden, in ihre Kompetenzen, in den pädagogischen Prozess.
Auch in herausfordernden Situationen zeigte sie immer mehr Eigenständigkeit. Sie bemühte sich, Konflikte mit Schüler:innen selbst zu klären, ging offen mit Rückmeldungen aus dem Kollegium um und setzte in ihrer Arbeit gezielt eigene pädagogische Schwerpunkte.
Diese Entwicklung, vom Abstützen zur selbstbewussten Gestaltung, war für mich ein deutliches Zeichen. Sie hatte ihre Rolle als Lehrperson nicht nur angenommen, sondern begonnen, sie mit Haltung und Persönlichkeit zu füllen.
🧠 Reflexionsimpulse
Wann nehme ich mich als Begleiter:in bewusst zurück und wie fühlt sich das an?
Woran erkenne ich, dass eine BEST beginnt, selbst Verantwortung zu übernehmen?
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Abschluss mit Weitblick – Fachbegleitung als Fundament fürs Weitergehen, nicht nur im Unterricht
Am Ende unserer gemeinsamen Zeit blickte ich mit grosser Wertschätzung auf den Weg zurück, den meine BEST gegangen war. Aus anfänglicher Unsicherheit war eine reflektierte, zugewandte und strukturierte Lehrperson geworden. Sie hatte gelernt, Herausforderungen anzunehmen, eigene Grenzen zu erkennen und Verantwortung für ihr pädagogisches Handeln zu übernehmen.

Unser letzter gemeinsamer Reflexionsbogen war erfüllt von konkreten Beispielen, gelungenen Situationen und formulierten Zielen für die Zukunft. Besonders beeindruckte mich ihre neue Haltung: eine Mischung aus Klarheit, Empathie und professioneller Distanz. Es wurde deutlich, dass die Fachbegleitung für sie und ihren Unterricht kein Korsett, sondern ein tragendes Fundament gewesen war, ein Raum, in dem Entwicklung möglich wurde.
Der Moment des Loslassens war für uns beide emotional, aber auch von Stolz geprägt. Denn genau das ist das Ziel der Fachbegleitung: Menschen auf ihrem Weg zu begleiten, bis sie ihn selbstbewusst und eigenständig weitergehen können.
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Was bleibt und was weiterwirkt
Wachstumsschritte erkennen und feiern
✔ Was hat sich verändert? (Konkrete Verhaltensbeispiele)
✔ Wo zeigt sich neue Sicherheit?
✔ Welche Haltung ist gereift?
✔ Was konnte losgelassen werden?
✔ Womit geht die BEST gestärkt weiter?
🗝️ Entwicklung braucht Zeit – und verdient Anerkennung.
Wachstum durch Beziehung und Reflexion
Der Weg, den meine BEST in den zwei Jahren gegangen ist, war beeindruckend. Sie stellte sich jeder Herausforderung, reflektierte kontinuierlich und suchte mit grosser Offenheit nach konstruktiven Lösungen. Ihre fachliche Kompetenz war von Anfang an spürbar. Doch erst im Verlauf der Fachbegleitung lernte sie, diese mit einer souveränen, zugewandten und lernförderlichen Haltung zu verbinden, die sich spürbar im Unterricht auswirkte.
Was zu Beginn noch von Unsicherheit geprägt war, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einem authentischen Lehrerinnenprofil, getragen von Klarheit, Empathie und wachsender pädagogischer Sicherheit.
Diese Entwicklung hat mir erneut vor Augen geführt, wie entscheidend Beziehung, Geduld und kontinuierliche Begleitung in der frühen Berufsphase sind. Die positive Entwicklung meiner BEST macht deutlich, dass Beziehungsarbeit kein weiches Extra ist, sondern das Fundament für gelingenden Unterricht.
Gleichzeitig bleiben Fragen offen, die mich weiter beschäftigen:
- Welche konkreten Ansätze helfen, in der frühen Phase der Fachbegleitung den Aufbau tragfähiger Lehrer:innen-Schüler:innen-Beziehungen bewusst zu stärken und somit den Unterricht positiv zu beeinflussen?
- Welche weiteren Werkzeuge und Formate könnten helfen, BEST in ihrer pädagogischen Entwicklung noch wirksamer zu begleiten?
- Wie gelingt es, Unterricht so zu gestalten, dass er sowohl den unterschiedlichen Bedürfnissen der Lernenden gerecht wird als auch fachlich anspruchsvoll bleibt?
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Begleiten heisst auch selbst lernen
Der Austausch mit Kolleg:innen und das gemeinsame Reflektieren mit meinen BEST sind für mich wertvolle Impulse, die auch meine eigene Weiterentwicklung als Fachbegleiterin und Mensch kontinuierlich fördern. Jede Begleitung ist gleichzeitig ein Lernprozess. Sie eröffnet neue Perspektiven, erzählt eine neue Geschichte und ist immer wieder ein neuer gemeinsamer Weg, der mich berührt und bereichert.
Die BEST, die ich begleiten durfte, ist auf einem sehr guten Weg. Ich bin überzeugt: Sie wird weiter wachsen, fachlich, persönlich und pädagogisch. Ihre Entwicklung ist nicht nur ein Erfolg für sie selbst, sondern auch eine Bestätigung für die Kraft professioneller Begleitung.
Was bleibt? Dankbarkeit, Vertrauen und die Freude, einen kleinen Teil auf diesem Weg mitgegangen zu sein.
Fachbegleitung von jungen Lehrpersonen und ihrem Unterricht ist mehr als ein pädagogisches Konzept. Sie ist Beziehung in Bewegung.
Dieser Erfahrungsbericht steht exemplarisch für viele begleitete Wege, die leise beginnen und stark weitergehen. Er zeigt, dass es nicht um Perfektion geht, sondern um Haltung, Vertrauen und einen echten Dialog auf Augenhöhe.
Ich hoffe, dieser Einblick inspiriert dazu, das eigene Begleiten (oder Begleitet-Werden) neu zu betrachten und sich selbst immer wieder als Lernende:r zu verstehen. Denn Entwicklung beginnt dort, wo wir Fragen zulassen, Räume öffnen und den Mut haben, gemeinsam zu wachsen.
🤝 Lust auf Austausch?
Fachbegleitung von Lehrpersonen und Unterricht lebt vom Dialog.
Wenn dich dieser Beitrag inspiriert hat, du eigene Erfahrungen teilen oder Fragen stellen möchtest, freue ich mich über den Austausch – sei es per Mail, im Kollegium oder bei einer Weiterbildung.
Denn: Wir lernen nicht nur mit-, sondern auch voneinander.
📬 Kontakt
Liebe Gabriella Rauber,
so ein fundierter, inspirierender Beitrag. Hilfreich für alle, die Lehrende und Anleitende begleiten. Danke dafür.
Liebe Grüße von Mangala aus Münster
Liebe Mangala
Wie schön, das zu lesen. Es freut mich wirklich sehr, dass der Beitrag dich auch über das Schulfeld hinaus inspiriert hat!
Und lustig: Ich war gerade auf deiner Seite unterwegs, weil ich deinen Monatsrückblick lesen wollte. Timing ist manchmal einfach magisch 😊