„Und dann bin ich erwacht, es war alles nur ein Traum“: der Satz, der tolle Geschichten killt.

In diesem Artikel gehe ich der Frage nach, warum gute Texte am Ende durch den Killer-Satz „Und dann bin ich erwacht und alles war nur ein Traum“ zur Strecke gebracht werden.

Zwei häufige Roman- / Film-Situationen, in denen Leute etwas Besonderes erleben und dann war’s doch nur ein Traum

Situation 1

Du liest ein Buch oder eine Kurzgeschichte. Wow, ist das spannend geschrieben! Die Ereignisse ziehen dich in ihren Bann, du identifizierst dich mit einem oder sogar mehreren Protagonisten, die Geschichte geht auf ihren Höhepunkt zu, die Spannung steigt …

Du hast dich bereits gefragt, wohin dich die Geschichte führen wird, wie sie endet … und dann liest du den Satz: Und dann bin ich aufgewacht, es war alles nur ein Traum.

Situation 2

Du schaust dir einen spannenden Film oder eine Serie an. Der Protagonist befindet sich in einer ausweglosen Situation, es scheint, als ob nichts mehr die Katastrophe abwenden könnte und genau in dem Moment, in dem …

Schnitt – du siehst den Protagonisten, wie er verschwitzt, verängstigt in seinem Bett liegt und weisst: Er ist gerade erwacht, es war alles nur ein Traum.

Selbst ein Eimer kaltes Wasser wäre nicht wirkungsvoller gewesen, um dich aus der Traumwelt, in der du dich befunden hast, wieder in die Realität zurückzukatapultieren. Ein billiger dramaturgische Trick, um eine (ausweglose?) Geschichte aufzulösen. Ein Trick, der mich als Leserin regelmässig frustriert zurücklässt.

Warum muss es immer ein Traum sein, aus dem man erwacht?

Als Schreibberaterin lese ich viele Sätze, viele Texte, viele Geschichten. Und immer wieder stelle ich fest, dass sich gerade junge, ungeübte Schreiber:innen dieses Schlusssatzes bedienen.

Wovor haben sie Angst, dass sie ihre Texte durch diesen Schlusssatz überflüssig machen? Warum getrauen sie sich nicht, ein offenes Ende stehenzulassen, das die Leserin zum Weiterdenken, das die Fantasie der Leserin anregt?

Drei Thesen

Meine drei Thesen für den Gebrauch des Schlusssatzes „Und dann wachte ich auf. Es war nur ein Traum“ lauten: Meine Schreibenden …

  1. bekommen Angst vor ihrer Fantasie und Kreativität.
  2. sind es sich gewohnt, dass eine Geschichte ein Ende haben muss.
  3. kennen das offene Ende noch nicht oder müssen sich erst noch an dieses Konzept gewöhnen.

Meine Teilnehmenden der Schreibkurse lernen ihren Intellekt und somit ihre Kontrolle während des Schreibens auszuschalten oder zumindest zu vermindern. Sie sollen sich dem Flow des Schreibens hingeben, Ideen zulassen und sie einfach aufs Papier bringen.

Ohne Wertung. Schreiben, was geschrieben werden will. Es ist ein ausgesprochen kreativer Prozess. Es geht nicht um Flucht vor der Realität. Vielmehr soll der Realität, die jedem von uns innewohnt, ein Ventil gegeben werden, damit sie sich manifestieren kann.

Phantasie ist nicht Ausflucht. Denn sich etwas vorstellen, heisst, eine Welt bauen, eine Welt erschaffen.
(Eugène Ionesco)

So entstehen neue Gedanken, unerwartete Wendungen werden formuliert und der Stift oder die eigenen Finger übernehmen die Kontrolle. Buchstaben purzeln aus unserem Innern, verbinden sich zu Worten, die aneinandergereiht Sätze ergeben. Sätze, mit denen eine neue Welt erbaut wird. Sätze, die Leser:innen an der Hand nehmen und sie staunen oder erschauern lassen, sie verblüffen, sie in neue Länder entführt.

Der Traum ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht so fest in unsere Haut eingeschlossen sind, als es scheint.
(Friedrich Hebbel)

Die Autor:innen haben uns Leser:innen den Zugang und den Blick in eine andere Welt erlaubt. Sie lassen uns fühlen und manipulieren uns mit ihren Worten. Und wir Leser:innen merken, dass wir uns gerne betören lassen und folgen ihren Worten Satz für Satz.

1. Die Autor:innen kriegen Angst vor ihrer Fantasie

Und die Schreibenden? Sie erwachen plötzlich aus ihrem Prozess, ihrem Traum, stellen fest, dass sie sich haben tragen lassen. Dass sie an Orte gelangt sind und Ereignisse erzählten, von denen sie nichts wussten.

Sie kriegen Angst. Angst vor ihrer Schöpfungskraft, Angst vor ihrer Fantasie. Sie sind überwältigt von der Grossartigkeit ihres Ausdruckes und kriegen Panik.

Und der einzige Ausweg, den sie sehen, ist die Zerstörung ihrer Welt. Das Plattmachen, das Relativieren ihrer Genialität. Indem sie ihre Geschichte als Traum bezeichnen, wähnen sie sich in Sicherheit, dass sie niemand belangen oder auf ihre Worte behaften kann.

Sie verstecken sich hinter ihrem Schlusssatz „Und dann wachte ich auf. Es war nur ein Traum“ und schlagen die Tür zur erschaffenen, neuen Welt mit einem Knall und vor der Nase der Lesenden zu. Dadurch verunmöglichen sie den Lesenden, weiterhin auf Entdeckungsreise in der neuen Welt zu gehen und sie zu erforschen.

2. Eine Geschichte braucht ein Ende

Und am liebsten ein schlüssiges, logisches Ende, wo alle Handlungsstränge zusammengeführt und geklärt werden. Das lernten wir bereits in der Schule. Also muss das richtig sein. Es mag auch durchaus richtig sein in gewissen Situationen.

Aber es ist definitiv falsch, wenn man sich in einem kreativen Schreibprozess befindet. Im kreativen Schreibprozess geht es um Inhalte, um Ideen und Fantasie. Jeder einzelne Satz besitzt Daseinsberechtigung. Jede Idee darf sich entwickeln und ausbreiten. Es gibt keine Einschränkungen durch Regeln. In diesem Schreibprozess ist alles möglich und erlaubt.

Die Möglichkeit, dass Träume wahr werden können, macht das Leben erst interessant.
(Paulo Coelho)

Wer sich öffnet, den Schreibprozess zulässt, die Gedanken nicht zensiert, wird völlig neue Welten entdeckten. Noch so viel unerforschtes Land liegt vor den Schreibenden und ein Ende ist nicht in Sicht.

Selbst während der Überarbeitung ist dieser Aufbruch in neue Welten spürbar. Es wird mit Worten und der Syntax experimentiert, entdeckt, verworfen, gerungen. Aber nie, gar nie, darf dieser ganze Prozess der Lächerlichkeit Preis gegeben und der Text degradiert werden, indem ihn als Traum bezeichnet.

Auch nicht, wenn man als Schreibende das Gefühl hat, der Text müsse enden. Auch dann nicht, wenn man das bisher immer so machte und dafür gelobt wurde. Schreibende sollen nie erwachen und ihre Tätigkeit als Traum bezeichnen müssen, damit ihre Texte für andere als gelungen erscheinen.

3. Die Schreibenden kennen das offene Ende noch nicht

Unter einem offenen Ende versteht man einen Schluss, bei dem Leser:innen nicht erfahren, wie die Geschichte weitergeht.

Dadurch ergeben sich für die Leser:innen verschiedene Möglichkeiten. Sie können sich einen Schluss ausdenken, der zur Logik der gelesenen Geschichte passt. Eine weitere Möglichkeit ergibt sich im Weiterspinnen, -denken der Ursprungsgeschichte. Dieses neue, eben erst entdeckte Land weiter auszukundschaften und sich durch den Text zu eigenen Gedanken, Geschichten motivieren lassen.

Gianni Rodari hat sich in Tante storie per giocare letzteres zunutze gemacht. Er erfand 19 Geschichten, zu denen er drei mögliche Schlüsse schrieb. Allerdings schlägt er seinen Leser:innen vor, die Variante zu wählen, die ihnen am meisten zusagt oder einen eigenen Schluss zu erfinden.

Texte schreiben und sie lesen ermöglichen uns Zugang zu neuen Welten.

Sechzig Sekunden der Träumerei sind sechzig Sekunden lebendiger Ruhe für Leib und Geist
(Prentice Mulford)

 

 

Wenn du Lust auf Texte von Jugendlichen hast, die garantiert nicht aus ihren Träumen erwachen, dann bist du im Schreibenblog richtig 🙂 .

 

2 Kommentare zu „„Und dann bin ich erwacht, es war alles nur ein Traum“: der Satz, der tolle Geschichten killt.

  1. Liebe Gabriella, Du hast da auf eine wunderbare Weise ausgedrückt, was für mich das Schreiben bedeutet. Danke für diesen Artikel!

    Und Dank an meine Schreibgöttin, dass sie noch nie auf die Idee gekommen ist, mich diesen letzten Satz schreiben zu lassen!

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