Beim Blogformat „12 von 12“ wird der 12. eines Monats mit 12 Fotos dokumentiert. Der 12. April war ein Samstag und obwohl ich an diesem Tag keinen Unterricht hatte, war ich mittendrin in einem Lernprojekt, das uns im Deutschunterricht gerade sehr beschäftigt: Friedrich Dürrenmatts Drama Die Physiker.
In diesem Blogartikel zeige und erkläre ich 12 Bühnenbilder, die meine Schüler:innen im Zuge ihrer Lernspuren entwickelt haben. Denn beim Lesen und Verstehen des Dramas ging es mir nicht nur um Inhalt und Analyse, sondern um einen neuen, kreativen Zugang: den Blick auf die Bühne.
Worum geht’s in „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt?
Drei Physiker leben in einer Nervenklinik: einer nennt sich Newton, der andere Einstein, der dritte heisst Möbius. Alle tun so, als wären sie verrückt, aber in Wirklichkeit sind sie geistig vollkommen gesund. Möbius hat eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht, die so gefährlich ist, dass sie die Welt zerstören könnte. Deshalb will er verhindern, dass seine Erkenntnisse in falsche Hände geraten.
Doch die Heimleiterin, Fräulein Dr. Zahnd, hat längst durchschaut, was wirklich vor sich geht. Sie will Möbius’ Wissen für sich nutzen und träumt von nichts Geringerem als der Weltherrschaft. Am Ende zeigt das Stück auf spannende und manchmal auch witzige Weise, wie gefährlich Wissenschaft ohne Moral sein kann.
Vom Lesen zum Bauen
Dürrenmatt lässt uns als Leser:innen kaum Spielraum, wenn es um das Bühnenbild geht. Auf vier Seiten beschreibt er den Raum der Irrenanstalt mit grosser Genauigkeit. Und das aus gutem Grund: Das ganze Stück spielt in diesem Raum. Genau das war der Ausgangspunkt unseres Projekts.
Meine Schüler:innen bekamen die Aufgabe, seine Regieanweisungen genau zu lesen, zu interpretieren und sie dann mit einfachen Materialien aus dem Schulzimmer in einem Miniaturbühnenbild umzusetzen. So wurde aus Leseverstehen ein echter Gestaltungsprozess.
Die Schüler:innen arbeiteten während zwei Doppellektionen in Zweierteams, lasen genau, diskutierten, planten, bauten und setzten damit Literatur wortwörtlich in Szene. Den Karton holten sie sich aus der Kartonabfallsammlung, der Rest stammt aus unserer berühmt-berüchtigten Krimskrams-Kiste 😀.
Was dabei entstand, war beeindruckend. Jede Bühne erzählt auf ihre eigene Weise von der Welt der Physiker. Manche nah an Dürrenmatts Vorlage, andere mit eigenen Akzenten und Ideen, aber alle mit viel Liebe zum Detail, kreativem Blick und ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Text.
Ausschnitte der Bühnenbilder

Es ist unübersehbar: In diesem Raum hat ein Kampf stattgefunden. Die Möbel liegen durcheinander, zwei Stühle sind umgestürzt, der runde Tisch vorn links liegt auf dem Boden.

Im Salon liegt eine Krankenschwester reglos auf dem Boden, erdrosselt. Die gleiche Szene wie schon vor drei Monaten. Eine Wiederholung mit System.

Drei nummerierte Türen, mit schwarzem Leder gepolstert, führen von der kleinen Halle in die Krankenzimmer der Physiker.

Links ein Heizkörper, rechts ein schlichtes Lavabo.

Ein wirklich hässlicher Heizkörper!

Die Wände sind bis auf Mannshöhe mit hygienischer Lackfarbe gestrichen, darüber blättert Gips ab, Reste alter Stuckverzierungen sind noch zu erkennen.

Drei Türen zu den Zimmern der Physiker, karge Möblierung und eine überdimensionale Lampe erinnern an die bedrückende Atmosphäre der Heilanstalt aus Dürrenmatts Drama.


Ein nutzloser Kamin, durch ein Gitter unzugänglich gemacht, steht sinnbildlich für die kalte Rationalität der Heilanstalt. Daneben ein kleines Waschbecken und das Porträt eines alten, spitzbärtigen Mannes.

Beim runden Tisch stehen drei Stühle, wie der Tisch weiss gestrichen. Schlicht, fast steril.

Hinter Tür Nummer 2, mit kleinen Noten markiert, erklingt Geigenspiel mit Klavierbegleitung. Beethoven, die Kreutzersonate.

Der Blick fällt durch die geöffnete Wand auf die Terrasse und weiter in den sonnigen Park. Ein starker Kontrast zum nüchternen Innenraum mit den drei nummerierten Türen und der schlichten Möblierung.
12 von 12 ist eine Blog-Aktion, bei der am 12. eines Monats 12 Fotos den Tag dokumentieren. Gesammelt werden die unterschiedlichen Artikel auf Draussennurkännchen.
Die Arbeit der Schüler:innen ist zugleich ein Beispiel für eine Lernspur – eine dokumentierte Lernreise, bei der der Lernprozess sichtbar wird. Mehr dazu gibt es hier: Lernspuren versus Hausaufgaben.
Liebe Gabriella,
was für ein großartiges Projekt! 😍 Ich finde es absolut faszinierend, wie du Dürrenmatts „Physiker“ nicht nur analysieren lässt, sondern den Text buchstäblich erlebbar machst. Die Bühnenbilder sind der Wahnsinn – so viel Liebe zum Detail und kreative Auseinandersetzung. Deine Schüler:innen können sich wirklich glücklich schätzen, so eine engagierte und inspirierende Lehrerin zu haben! 👏📚
Herzliche Grüße aus dem hohen Norden
Rosi 🎭✨
Danke dir, deine Rückmeldung freut mich sehr! 🧡
Mich selbst wundert es immer wieder, wie sehr sich 15- und 16-jährige Schüler:innen in so ein Projekt vertiefen können. Stundenlang, konzentriert, mit echter Begeisterung. Und das Ganze, ohne dass es ihnen langweilig wird oder sie nach Pausen schreien! Es ist unglaublich schön zu sehen, wie viel Tiefe, Kreativität und Ernsthaftigkeit da entstehen, wenn man ihnen Raum gibt, den Stoff wirklich zu erleben.
Kreative Ergebnisse! Solchen Literaturunterricht gab es nicht in den 70ern des vorigen Jahrhunderts an einer sozialistischen Schule…
Grüsze aus dem Harzerwald
Mascha
Stimmt, der Unterricht war damals wohl überall eher trocken und frontal 😄
Umso schöner, dass wir heute mehr Freiräume haben. Durch diese neue Art des Unterrichts habe ich entdeckt, dass auch in mir Kreativität steckt. Vielleicht nicht im klassischen Sinne, aber eine, die andere zu ihrer eigenen Kreativität, Tiefe und persönlichen Zugängen inspirieren kann.
Ein interessanter Einblick in deine Arbeit als Deutschlehrerin! Ich habe allerdings nur 14 Jahre in der Sekundarstufe gearbeitet, ab 1989 dann in der Grundschule. Literaturunterricht sah da natürlich anders aus. Meine Zürcher Tochter ist mit fünfzig auch noch mal von der ETH als Seiteneinsteigerin in die Schule gewechselt ( allerdings Berufsschule ). Aber da bekomme ich wenig mit, so oft sehen wir uns nicht mehr, seit die Enkel groß sind. Jetzt werde ich mal weiter in deinem Blog lesen.
Bon week-end!
Astrid
Ich musste beim Lesen deiner Zeilen direkt schmunzeln. Mein eigener Literaturunterricht während der Schulzeit war ebenfalls recht klassisch. Zum Glück hat sich inzwischen so viel verändert. Der handlungsorientierte Unterricht ist für mich wirklich ein Geschenk: Ich kann mich darin richtig ausleben und meinen Schüler:innen macht es auch noch Spass.
Von der Sekundarstufe in die Grundschule zu wechseln, Hut ab! Für mich wäre das ehrlich gesagt unvorstellbar.
Ganz liebe Grüsse und dir auch ein schönes, entspanntes Wochenende!