Lernziele formulieren: SMART, Bloom und Differenzierung
Gute Lernziele entstehen nicht zufällig. Sie verbinden die Kompetenzen des Lehrplans mit dem konkreten Lernen im Unterricht und geben Orientierung für Lehrpersonen und Lernende.
Doch woran erkenne ich, ob eine Formulierung tatsächlich ein Lernziel ist? Und wie werden aus allgemeinen Absichten präzise, überprüfbare Ziele? Die SMART-Methode kann dabei helfen. SMART steht für spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Hinter diesen fünf Begriffen verbirgt sich letztlich die Frage, ob ein Lernziel klar genug formuliert ist, damit Lehrpersonen und Lernende erkennen können, worauf hingearbeitet wird.
In diesem Artikel zeige ich anhand von Beispielen aus der Unterrichtspraxis, wie SMART formulierte Lernziele entstehen, weshalb die Bloom’sche Taxonomie dabei hilfreich sein kann und wie sich basale und erweiterte Lernziele zur Differenzierung nutzen lassen. Ausserdem geht es um die Frage, weshalb Lernzielüberprüfung bereits bei der Planung mitgedacht werden sollte. Ein Artikel für alle, die aus Kompetenzen konkretes Lernen machen möchten.
Kürzlich sass ich mit einer Studentin an ihrer Unterrichtsplanung. Die Klasse sollte sich mit dem Gedicht Ottos Mops von Ernst Jandl beschäftigen. Die Materialien waren vorbereitet, die Aufgaben durchdacht und auch das Lernziel stand bereits auf dem Papier:
Du benennst mindestens zwei sprachliche Besonderheiten des Gedichts «Ottos Mops» und notierst diese auf dem Gruppenplakat.
«Das ist doch ein gutes Lernziel, oder?», fragte sie.
Meine Antwort lautete wie so oft: «Vielleicht. Lass uns genauer hinschauen.»
Denn je länger wir darüber sprachen, desto deutlicher wurde: Das Ziel beschreibt vor allem eine Tätigkeit. Die Schülerinnen und Schüler sollen etwas benennen und aufschreiben. Aber was sollen sie dadurch eigentlich lernen? Welche Kompetenz steckt dahinter?
Solche Gespräche führen mich immer wieder zurück zu einem Thema, das mich seit Jahren beschäftigt: Lernziele. In meinem Artikel zur Kompetenzorientierung habe ich beschrieben, weshalb Kompetenzen für mich am Anfang jeder Planung stehen. Sie richten den Blick auf das grosse Ganze. Welche Fähigkeiten sollen Schülerinnen und Schüler entwickeln? Was sollen sie verstehen, anwenden oder beurteilen können? Doch irgendwann führt jede Kompetenzorientierung zurück zu einer ganz praktischen Frage:
Was sollen die Lernenden am Ende dieser Lektion konkret können?
Hier kommen Lernziele ins Spiel. Sie bilden die Brücke zwischen den Kompetenzen des Lehrplans und dem Unterricht im Klassenzimmer.
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Vom Arbeitsauftrag zum Lernziel
Vielleicht kennst du das auch. Man liest ein Lernziel und denkt zunächst: Klingt doch gut. Erst beim zweiten Hinsehen tauchen Fragen auf.
Nehmen wir nochmals das Beispiel aus der Gedichtlektion:
Du benennst mindestens zwei sprachliche Besonderheiten des Gedichts «Ottos Mops» und notierst diese auf dem Gruppenplakat.
Die Formulierung ist konkret. Die Schülerinnen und Schüler können die Aufgabe bearbeiten und ich kann überprüfen, ob sie erledigt wurde. Trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl zurück. Warum?
Weil hier vor allem beschrieben wird, was die Schülerinnen und Schüler machen sollen, nicht aber, was sie dadurch lernen sollen.
Möglicherweise steckt hinter dieser Aufgabe eigentlich ein anderes Lernziel:
Du kannst sprachliche Besonderheiten in einem Gedicht erkennen und deren Wirkung beschreiben.
Plötzlich verschiebt sich der Fokus. Das Gruppenplakat steht nicht länger im Zentrum der Überlegungen. Es wird zu einem möglichen Weg, auf dem Schülerinnen und Schüler ihr Lernen zeigen können.
Diese Unterscheidung erscheint auf den ersten Blick klein. In der Praxis verändert sie jedoch die gesamte Unterrichtsplanung. Wer zuerst an die Kompetenz und danach an das Lernziel denkt, plant anders. Aufgaben werden zu Werkzeugen des Lernens. Sie helfen dabei, Kompetenzen aufzubauen und Lernfortschritte sichtbar zu machen.
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Warum SMARTe Lernziele helfen
Viele Lehrpersonen begegnen früher oder später der SMART-Methode. Oft erscheint sie als Abkürzung, die man sich für Prüfungen oder Weiterbildungen merken muss. Mir ging es lange ähnlich. Erst mit der Zeit habe ich gemerkt, dass hinter diesen fünf Buchstaben eigentlich etwas sehr Einfaches steckt: die Aufforderung, genauer hinzuschauen.
SMART steht für spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Besonders wichtig sind für mich dabei die beiden Fragen, ob ein Lernziel konkret genug formuliert ist und ob ich erkennen kann, ob es erreicht wurde. Hinter diesen Begriffen verbirgt sich letztlich eine Frage, die mich bei jeder Unterrichtsplanung begleitet:
Weiss ich wirklich, was die Schülerinnen und Schüler am Ende dieser Lektion gelernt haben sollen? Und könnte ich erkennen, ob sie dieses Ziel erreicht haben?
Nehmen wir nochmals das Beispiel aus der Gedichtlektion.
Du benennst mindestens zwei sprachliche Besonderheiten des Gedichts «Ottos Mops» und notierst diese auf dem Gruppenplakat.
Je länger ich auf dieses Lernziel schaue, desto klarer wird mir: Eigentlich beschreibt es vor allem eine Tätigkeit. Die Schülerinnen und Schüler sollen etwas tun. Sie sollen etwas benennen. Sie sollen etwas aufschreiben. Aber lernen sie dadurch auch etwas? Und wenn ja: Was genau?
Hier hilft mir die SMART-Methode. Sie fordert mich auf, präziser zu werden. Das Lernziel soll möglichst konkret beschreiben, was gelernt werden soll. Es soll so formuliert sein, dass ich erkennen kann, ob es erreicht wurde. Es soll erreichbar sein und für die Lernenden einen Sinn ergeben.
Aus dem ursprünglichen Lernziel könnte deshalb werden:
Du kannst sprachliche Besonderheiten in einem Gedicht erkennen und deren Wirkung beschreiben.
Plötzlich verschiebt sich etwas.
Als wir das Lernziel gemeinsam umformulierten, veränderte sich plötzlich auch der Blick auf die Lektion. Es ging nicht mehr darum, ob die Schülerinnen und Schüler zwei sprachliche Besonderheiten aufschreiben konnten. Mich interessierte vielmehr, ob sie verstanden hatten, wie diese Besonderheiten wirken und weshalb Ernst Jandl sein Gedicht gerade so gestaltet hat. Das Lernziel machte sichtbar, worauf die Klasse eigentlich hinarbeitete. Vielleicht liegt genau darin die Stärke SMART formulierter Lernziele.
Weshalb Lernziele dabei weit mehr sind als eine Pflichtangabe in der Unterrichtsplanung und wie sie Orientierung, Motivation und Selbstständigkeit fördern können, habe ich im Artikel «Lernziele – das Herzstück guten Unterrichts» ausführlicher beschrieben.
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Die Bloom’sche Taxonomie als Denkhilfe
SMART hilft mir dabei, Lernziele präzise zu formulieren. Die Bloom’sche Taxonomie hilft mir dagegen zu entscheiden, auf welchem Denk- und Anspruchsniveau sich ein Lernziel bewegen soll. Denn zwischen «benennen» und «beurteilen» liegen Welten.
Nehmen wir nochmals Ottos Mops.
Ein Lernziel könnte lauten: Du kannst zwei sprachliche Besonderheiten des Gedichts benennen.
Das ist ein sinnvoller erster Schritt. Die Schülerinnen und Schüler erkennen bestimmte Merkmale und können diese benennen.
Vermutlich möchte ich aber mehr erreichen. Dann könnte das Lernziel lauten: Du kannst erklären, welche Wirkung die sprachlichen Besonderheiten auf die Leserinnen und Leser haben.
Oder sogar: Du kannst beurteilen, wie die sprachlichen Besonderheiten zur Wirkung des Gedichts beitragen.
Das Thema bleibt dasselbe, die Denkleistung verändert sich jedoch markant. Deshalb lohnt sich die bewusste Wahl der Verben. Sie machen sichtbar, welche Art von Lernen angestrebt wird.
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Basale und erweiterte Lernziele
Wer einige Jahre unterrichtet hat, weiss: Nicht alle Schülerinnen und Schüler lernen auf demselben Niveau. Manche benötigen mehr Unterstützung, andere sind bereit, deutlich tiefer in ein Thema einzutauchen. Deshalb arbeite ich häufig mit basalen und erweiterten Lernzielen.
Das basale Lernziel beschreibt das Fundament, das möglichst alle Lernenden erreichen sollen:
Du kannst zwei sprachliche Besonderheiten des Gedichts erkennen und benennen.
Ein erweitertes Lernziel könnte lauten:
Du kannst erklären, welche Wirkung diese sprachlichen Besonderheiten auf die Leserinnen und Leser haben.
Beide Lernziele beziehen sich auf denselben Unterrichtsgegenstand. Niemand bearbeitet ein anderes Thema. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit demselben Gedicht auseinander. Was sich verändert, ist die Tiefe der Auseinandersetzung.
Beide Lernziele können dabei innerhalb derselben Lektion verfolgt werden. Während einige Schülerinnen und Schüler zunächst sprachliche Besonderheiten erkennen und benennen, setzen sich andere bereits mit deren Wirkung auseinander. Die Lernenden arbeiten also am gleichen Gegenstand, bewegen sich jedoch auf unterschiedlichen Denkstufen.
Gerade hierin liegt für mich eine grosse Stärke der Differenzierung. Sie bedeutet nicht zwangsläufig, verschiedene Arbeitsblätter, Aufgabenreihen oder gar unterschiedliche Unterrichtsprogramme vorzubereiten. Häufig genügt es, dieselbe Fragestellung auf unterschiedlichen Anspruchsniveaus anzubieten.
Die Bloom’sche Taxonomie bietet dabei eine hilfreiche Orientierung. Basale Lernziele bewegen sich häufig auf den Ebenen des Erkennens, Benennens oder Beschreibens. Erweiterte Lernziele verlangen dagegen Erklärungen, Analysen, Beurteilungen oder eigene Schlussfolgerungen.
In der Praxis frage ich mich deshalb oft zuerst: Was sollen möglichst alle Schülerinnen und Schüler am Ende können? Daraus entsteht das basale Lernziel. Anschliessend überlege ich: Wie könnten Lernende, die bereits sicher unterwegs sind, ihr Verständnis vertiefen oder weiterdenken? Daraus entwickeln sich die erweiterten Lernziele.
Differenzierung beginnt damit nicht bei den Aufgaben, sondern bereits bei den Lernzielen. Deshalb lohnt es sich, ihnen bei der Planung besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
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Woher weiss ich, ob ein Lernziel erreicht wurde?
Je länger ich unterrichte, desto häufiger stelle ich mir bereits bei der Planung eine weitere Frage: Wie werde ich erkennen, ob das Lernziel erreicht wurde?
Wenn ich an die Gedichtlektion zurückdenke, mit der dieser Artikel begonnen hat, wird die Bedeutung dieser Frage besonders deutlich. Das ursprüngliche Lernziel lautete:
Du benennst mindestens zwei sprachliche Besonderheiten des Gedichts «Ottos Mops» und notierst diese auf dem Gruppenplakat.
Die Überprüfung scheint zunächst einfach. Ich kann nachschauen, ob zwei Besonderheiten auf dem Plakat stehen. Doch sagt mir das bereits etwas darüber, was die Schülerinnen und Schüler gelernt haben?
Im Verlauf der Planung rückte deshalb zunehmend eine andere Frage in den Mittelpunkt: Was sollen die Lernenden am Ende eigentlich verstehen oder können? Je klarer ein Lernziel formuliert ist, desto leichter lässt sich auch erkennen, ob es erreicht wurde. Wer sprachliche Besonderheiten erkennen und deren Wirkung beschreiben soll, muss sein Verständnis sichtbar machen. Dadurch verändert sich auch die Art der Lernzielüberprüfung.
Bei unserem Gedichtbeispiel könnte die Überprüfung ganz unterschiedlich aussehen. Die Schülerinnen und Schüler könnten ihre Beobachtungen in einem Lernjournal festhalten, ihre Überlegungen in einer Diskussion einbringen, ein Exit-Ticket ausfüllen oder einen kurzen Text verfassen.
Einige Tage nach dieser Lektion veröffentlichte einer meiner Schüler auf unserem Schreibenblog einen kurzen Bericht über den Unterricht. Darin erzählt er von der Gedichtlektion und zeigt ein eigenes Gedicht, das – ganz im Stil von «Ottos Mops» – nur mit dem Vokal A geschrieben ist. Als ich seinen Text las, dachte ich: Genau darum geht es. Ich musste keinen Test korrigieren und keine Punkte zählen. Der Schüler hatte verstanden, wie Ernst Jandl mit Sprache spielt, und konnte diese Idee in einem eigenen Text weiterführen. Wer mag, kann den Blogbeitrag hier lesen.
Vielleicht zeigt sich genau darin etwas Wesentliches. Lernzielüberprüfung bedeutet nicht in erster Linie, eine Methode auszuwählen. Viel wichtiger ist die Frage, wodurch Lernen sichtbar wird.
Lernziel und Lernzielüberprüfung gehören deshalb untrennbar zusammen. Die Überlegung zur Überprüfung beginnt bereits in dem Moment, in dem ein Lernziel formuliert wird. Auf die Frage, wie Lernziele überprüft werden können, gehe ich in einem separaten Artikel genauer ein.
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Lernziele als Kompass
Je länger ich unterrichte, desto mehr wird mir bewusst, dass genau darin eine besondere Stärke von Lernzielen liegt. Sie helfen mir bei der Planung und erinnern mich immer wieder daran, dass Unterricht mehr ist als das Abarbeiten von Aufgaben.
Ich denke nochmals an die Studentin zurück, mit der dieser Artikel begonnen hat. Am Anfang lag ein Lernziel vor uns, das auf den ersten Blick völlig in Ordnung schien. Erst im Gespräch merkten wir, dass wir zwar genau wussten, was die Schülerinnen und Schüler tun sollten, aber noch nicht wirklich benennen konnten, was sie dabei lernen würden. Vielleicht war genau dieser Moment der eigentliche Wendepunkt unserer Planung.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke guter Lernziele. Sie machen sichtbar, worum es beim Lernen eigentlich geht.
Hinter jedem Lernziel steht für mich die Hoffnung, dass am Ende einer Lektion etwas gewachsen ist. Manchmal ist es eine neue Erkenntnis. Manchmal ein Zusammenhang, der plötzlich Sinn ergibt. Und manchmal die Erfahrung, etwas zu können, das zuvor noch schwergefallen ist.
Und deshalb lohnt sich die Mühe, sie sorgfältig zu formulieren. Vielleicht beginnt guter Unterricht genau dort: bei der Frage, was am Ende einer Lektion gewachsen sein soll.
Wie dieser Gedanke weiterführt
SMART formulierte Lernziele entstehen nicht losgelöst vom Unterricht. Sie bauen auf den Kompetenzen des Lehrplans auf und bilden die Brücke zum konkreten Lernen im Klassenzimmer.
Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, empfehle ich dir auch meine Artikel zur Kompetenzorientierung und zur Bedeutung von Lernzielen. Gemeinsam zeigen sie, wie aus Lehrplan-Kompetenzen konkrete Lernprozesse entstehen und wie aus diesen Lernprozessen schliesslich SMART formulierte Lernziele werden.