Kompetenzorientierung – eine Annäherung
Seit einigen Jahren begegnet uns in der Schule immer wieder derselbe Begriff: Kompetenzorientierung. Man hört ihn in Weiterbildungen, liest ihn in Lehrplänen und diskutiert darüber in Lehrerzimmern. Und manchmal fragte ich mich, ob wir eigentlich alle vom Gleichen sprechen, wenn wir dieses Wort verwenden.
Spätestens mit der Einführung des Lehrplans 21 wurde der kompetenzorientierte Unterricht zu einem zentralen Thema in der Schweizer Bildungslandschaft. Besonders nach den Ergebnissen der internationalen PISA-Studien zu Beginn der 2000er-Jahre rückte zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, was Schüler:innen mit ihrem Wissen tatsächlich anfangen können. Nicht mehr nur das Lernen von Inhalten sollte zählen, sondern die Fähigkeit, Wissen anzuwenden, Zusammenhänge zu erkennen und selbstständig zu handeln.
Und doch hatte ich beim Nachdenken darüber immer wieder das Gefühl, dass vieles davon eigentlich gar nicht völlig neu ist. Gute Lehrerinnen und Lehrer haben Schüler:innen schon immer ermutigt, selbst tätig zu werden, gemeinsam Lösungen zu suchen, Verantwortung zu übernehmen und Lernen mit dem eigenen Leben zu verbinden. Vielleicht war es gerade diese Spannung zwischen Altbekanntem und Neuem, die mich damals beschäftigte.
Ich erinnere mich, wie ich Anfang der 2000er-Jahre einer Freundin schrieb und sie fragte, ob sie meinen Unterricht eigentlich als kompetenzorientiert betrachten würde. Damals spielte der Begriff noch längst nicht die Rolle, die er später mit dem Lehrplan 21 erhalten sollte. Aus dieser Frage entwickelte sich ein Briefwechsel über Unterricht, Lernen und die Rolle der Lehrperson. Der folgende Text ist Teil dieser Gedanken.
Und vielleicht ist genau das auch der Grund, weshalb es sich lohnt, diese Überlegungen heute noch einmal zu lesen. Denn obwohl die Diskussionen über Kompetenzorientierung inzwischen seit über dreissig Jahren geführt werden, sind viele der Fragen bis heute offen geblieben. Was macht guten Unterricht aus? Wie lernen Schüler:innen wirklich? Und woran erkennen wir eigentlich, dass Lernen gelungen ist? Die Begriffe haben sich verändert, Lehrpläne wurden geschrieben, Modelle entwickelt und dennoch kreisen viele Gedanken bis heute um dieselben Fragen. Vielleicht deshalb wirken manche Überlegungen auch Jahre später noch erstaunlich aktuell.
Im folgenden Brief werden einige dieser Gedanken aufgegriffen. Nicht nur theoretisch anhand der Definition von Franz E. Weinert, sondern auch aus der Perspektive des schulischen Alltags, der Beziehung zu den Schüler:innen und der Frage, was guten Unterricht eigentlich ausmacht.
📌 Was bedeutet Kompetenz eigentlich? Und verändert kompetenzorientierter Unterricht tatsächlich alles oder benennt er manches neu, was gute Lehrpersonen schon lange tun?
Kompetenz – Versuch einer Annäherung an das Schlagwort der aktuellen Bildungsdebatte
Liebe Gabriella
Im Zusammenhang mit der Einführung des Lehrplans 21 ist der Begriff Kompetenz in aller Munde. Du hast mich gefragt, worin denn nun eigentlich der Unterschied zwischen deinem bisherigen Unterricht und dem sogenannten kompetenzorientierten Unterricht besteht. Und ich merke: Diese Frage beschäftigt auch mich. Vielleicht gerade deshalb, weil der Begriff so oft verwendet wird und doch manchmal seltsam unscharf bleibt. Man hört ihn in Weiterbildungen, liest ihn in Konzeptpapieren, begegnet ihm in Gesprächen im Lehrerzimmer. Trotzdem bleibt häufig offen, was damit im konkreten Unterricht tatsächlich gemeint ist.
Deshalb möchte ich dir anhand der Definition von Franz E. Weinert, einem bedeutenden deutschen Psychologen, einige Aspekte des Kompetenzbegriffs näherbringen und dabei zugleich meine eigenen Gedanken dazu mit dir teilen. Denn je länger ich mich damit beschäftige, desto deutlicher wird mir: Kompetenzorientierung ist weit mehr als ein neues pädagogisches Schlagwort. Sie verändert den Blick auf Lernen und damit auch auf Unterricht.
Was bedeutet Kompetenz überhaupt?
Weinert definiert Kompetenzen als „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können“. (Weinert (2001), S. 27f)
Wenn man diese Definition langsam liest, entfaltet sie eine erstaunliche Tiefe. Kompetenz bedeutet nach Weinert eben nicht einfach Wissen anzusammeln. Wissen allein genügt nicht. Entscheidend ist vielmehr, ob ein Kind dieses Wissen anwenden kann, ob daraus Können entsteht. Kompetenz zeigt sich erst dort, wo Wissen in Handlung mündet, wo ein Kind etwas mit dem Gelernten anfangen kann.
Das hat weitreichende Folgen für den Unterricht. Unterricht kann sich dann nicht mehr darauf beschränken, Lernstoff „durchzunehmen“. Vielmehr bist du als Lehrerin gefordert, Lerngelegenheiten zu schaffen, in denen Jugendliche ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in unterschiedlichen Situationen anwenden können. In diesem Moment beginnt die eigentliche Herausforderung der Kompetenzorientierung.
Und vielleicht liegt genau darin auch der eigentliche Perspektivenwechsel.
Ein anderer Blick auf Unterrichtsplanung
Bei der traditionellen Unterrichtsplanung steht häufig zuerst der Inhalt im Zentrum: Welches Thema möchte ich behandeln? Welche Seiten im Lehrmittel sollen bearbeitet werden? Kompetenzorientierter Unterricht geht den Weg gewissermassen umgekehrt. Zuerst stellt sich die Frage: Woran erkenne ich, dass Schüler:innen eine bestimmte Kompetenz erworben haben? Welche Handlung wird sichtbar? Erst danach suchst du nach geeigneten Problemstellungen und Aufgaben, mit denen diese Kompetenz aufgebaut werden kann. Und erst im dritten Schritt überlegst du dir, an welchen Inhalten dies geübt werden soll.
Diese andere Herangehensweise verändert den Unterricht subtil, aber tiefgreifend. Plötzlich wird das Lernen des einzelnen Kindes wichtiger als das möglichst vollständige Bearbeiten eines Stoffplans. Es geht weniger darum, ob „alles behandelt“ wurde, sondern vielmehr darum, was bei Schüler:innen tatsächlich angekommen ist und was sie damit tun können.
Vielleicht wird an dieser Stelle auch deutlicher, weshalb Kompetenzorientierung die Unterrichtsplanung verändert.
Wenn ich an meine ersten Unterrichtsjahre zurückdenke, begann Planung oft beim Inhalt. Stand beispielsweise die Industrialisierung auf dem Programm, überlegte ich mir, welche Aspekte ich behandeln wollte: die Erfindungen, die Fabrikarbeit, die Kinderarbeit oder die Veränderungen des Alltags. Die Frage lautete im Grunde: Was möchte ich unterrichten?
Kompetenzorientierung stellt eine andere Frage an den Anfang. Nicht: Was möchte ich behandeln? Sondern: Was sollen die Schülerinnen und Schüler am Ende können? Genau an dieser Stelle spielen für mich auch Lernziele eine wichtige Rolle. Denn sobald ich mir darüber Klarheit verschafft habe, was Schüler:innen am Ende einer Unterrichtseinheit können sollen, wird daraus Schritt für Schritt eine konkrete Unterrichtsplanung. Wie aus diesen übergeordneten Kompetenzen konkrete, SMART formulierte Lernziele entstehen und weshalb die Bloom’sche Taxonomie dabei hilfreich sein kann, zeige ich in einem eigenen Artikel. Warum Lernziele dabei weit mehr sind als eine administrative Pflicht und weshalb sie für mich zu den wichtigsten Werkzeugen der Unterrichtsplanung gehören, habe ich in einem weiteren Beitrag ausführlicher beschrieben.
Die Industrialisierung bleibt dabei weiterhin wichtig. Doch plötzlich interessiert mich nicht mehr nur, ob die Jugendlichen etwas über Fabriken oder Kinderarbeit wissen. Mich interessiert auch, was sie mit diesem Wissen machen können. Können sie historische Quellen untersuchen? Können sie unterschiedliche Lebensbedingungen vergleichen? Können sie Folgen gesellschaftlicher Entwicklungen erkennen und begründet beurteilen?
Der Inhalt verschwindet dadurch nicht. Er bleibt bedeutsam. Aber er erhält eine andere Funktion. Er wird zum Lerngegenstand, an dem Kompetenzen entwickelt werden können. Vielleicht liegt genau darin einer der wichtigsten Unterschiede. Der Stoff steht nicht mehr am Ende der Planung, sondern am Anfang eines Lernprozesses. Im Zentrum steht die Frage, was Schüler:innen daraus machen können.
Kompetenzen entwickeln sich schrittweise
Kompetenzen entstehen nicht von heute auf morgen. Sie entwickeln sich schrittweise und über längere Zeiträume hinweg. Die Grundkompetenz bleibt zwar dieselbe, doch die Komplexität nimmt stetig zu. Zwischen der Fähigkeit, „leidlich Klavier zu spielen“, und dem Können eines Konzertpianisten liegen unzählige kleine Lernschritte, Erfahrungen, Irrtümer, Wiederholungen und Vertiefungen.
Kompetenzstufenmodelle versuchen, diese Entwicklung sichtbar zu machen. Sie helfen dir als Lehrerin dabei, den Lernstand des Kindes genauer wahrzunehmen und gemeinsam mit ihm die nächsten Lernschritte zu planen. Und vielleicht liegt gerade darin etwas sehr Wertvolles: Lernen wird nicht mehr primär als Vergleich mit anderen verstanden, sondern als individueller Entwicklungsprozess.
Die Rolle der Lehrperson verändert sich
Damit dies gelingt, bist du allerdings auch gefordert, deine eigene Rolle im Lernprozess neu zu reflektieren. Vielleicht ist das sogar einer der anspruchsvollsten Aspekte der Kompetenzorientierung. Denn die Rolle der Lehrperson verschiebt sich: weg von der reinen Wissensvermittlerin hin zu einer Lernbegleiterin und Lerncoachin, die beobachtet, unterstützt, herausfordert und diagnostiziert.
Das verlangt viel. Beobachtungsgabe, Diagnosekompetenz und die Fähigkeit, Lernprozesse differenziert wahrzunehmen, werden dabei zentral. Gleichzeitig braucht es aber auch die Bereitschaft, Kontrolle teilweise abzugeben und Jugendlichen mehr Verantwortung für ihr eigenes Lernen zuzutrauen. Und ich frage mich manchmal, ob genau dies vielen Lehrpersonen gleichzeitig Hoffnung und Verunsicherung bereitet.
Motivation als Grundlage des Lernens
Weinert macht in seiner Definition ausserdem deutlich, dass es nicht ausreicht, Wissen und Fähigkeiten zu erwerben. Ebenso wichtig sind die Bereitschaft und die Motivation, diese Kompetenzen überhaupt anzuwenden und Lerngelegenheiten aktiv zu nutzen. Lernen ist eben nie nur ein kognitiver Prozess. Es ist immer auch emotional und sozial eingebettet.
Hier wird die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan bedeutsam. Sie besagt, dass Menschen Motivation insbesondere dann entwickeln, wenn drei grundlegende Bedürfnisse erfüllt sind: das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit, nach Kompetenz und nach Autonomie. Schüler:innen müssen sich angenommen fühlen. Sie müssen erleben, dass sie etwas können. Und sie brauchen das Gefühl, Einfluss auf ihr eigenes Lernen zu haben.
Gerade der Aspekt der sozialen Eingebundenheit erscheint mir dabei besonders wichtig. Denn auch Jugendliche lernen nicht losgelöst von Beziehungen. Sie lernen dort, wo sie sich sicher fühlen.
Hier leistest du in deiner Klasse bereits heute einen wertvollen Beitrag. Durch die vertrauensvolle Beziehung, die du zu deinen Schülerinnen und Schülern pflegst, schaffst du ein Klima, in dem Lernen überhaupt erst möglich wird. Du trägst zum Wohlbefinden des Einzelnen und der Gruppe als Ganzes bei. Wenn Schüler:innen sich angenommen und akzeptiert fühlen, entwickeln sie Mut. Sie wagen es eher, Neues auszuprobieren, Fehler zu machen und ihre Kompetenzen in unterschiedlichen Situationen anzuwenden.
Vielleicht unterschätzt man manchmal, wie grundlegend diese Beziehungsarbeit eigentlich ist.
Kooperatives Lernen und Zusammenarbeit
Ein weiterer wichtiger Aspekt von Kompetenz ist nach Weinert die Zusammenarbeit. Kompetenzen entstehen nicht nur individuell, sondern häufig auch im gemeinsamen Tun mit anderen. Das kooperative Lernen, wie du es in deinem Unterricht bereits erfolgreich einsetzt, schafft exakt solche Gelegenheiten. Schüler:innen lernen dabei zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen, Konflikte auszuhalten, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und voneinander zu profitieren.
Damit hast du bereits eine wichtige Grundlage für kompetenzorientierten Unterricht geschaffen. Eigentlich wird beim Lesen deutlich: Vieles von dem, was heute unter Kompetenzorientierung diskutiert wird, findet sich längst in gutem Unterricht wieder – oft vielleicht einfach unter einem anderen Namen.
Kompetenzorientierung als Chance
Kompetenzen sind komplexe Fähigkeiten. Sie umfassen Wissen, Fertigkeiten, Einstellungen und Haltungen zugleich. Deshalb sind sie häufig fächerübergreifend und lassen sich nicht isoliert innerhalb eines einzelnen Fachs erwerben. Genau daraus ergibt sich auch die grosse Bedeutung der Zusammenarbeit zwischen Lehrpersonen.
Wenn Lernen ganzheitlich verstanden wird, kann Unterricht nicht länger reine Privatsache jeder einzelnen Lehrperson bleiben. Vielmehr braucht es eine Zusammenarbeitskultur, in der gemeinsam über Lernen nachgedacht, Unterricht reflektiert und Verantwortung geteilt wird. Gerade darin liegt vermutlich eine der grössten Herausforderungen der Kompetenzorientierung, aber vielleicht auch eine ihrer grössten Chancen.
Du siehst also: Der kompetenzorientierte Unterricht wird deinen bisherigen Unterricht nicht völlig auf den Kopf stellen. Vielmehr fordert er dazu auf, den Blick noch stärker auf das Lernen der einzelnen Schüler:innen zu richten und Lernprozesse bewusster wahrzunehmen.
Und dies ist der entscheidende Punkt: Nicht alles neu machen zu müssen. Sondern das Gute, das bereits da ist, weiterzuentwickeln.
Du kannst deshalb auf vielem aufbauen, was du heute schon tust. Wenn du weiterhin bereit bist, deine Rolle im Lernprozess der Jugendlichen kritisch zu reflektieren, dich fachlich weiterzuentwickeln und gemeinsam mit anderen Lehrpersonen Verantwortung für das Lernen der euch anvertrauten Schüler:innen zu übernehmen, dann wird die Kompetenzorientierung für dich nicht bloss eine bildungspolitische Vorgabe bleiben. Sondern vielmehr eine Chance, Lernen noch bewusster, individueller und menschlicher zu gestalten.
Und vielleicht beginnt genau dort guter Unterricht. Nicht bei Methoden. Nicht bei Begriffen. Sondern bei der Frage, wie Schüler:innen wachsen können.
Wie dieser Gedanke weiterführt
Kompetenzen beschreiben, was Schülerinnen und Schüler am Ende können sollen. Damit daraus guter Unterricht entsteht, müssen diese Kompetenzen in konkrete und verständliche Lernziele übersetzt werden. Genau darum geht es im nächsten Artikel.
Weiter zum Artikel: Warum Lernziele das Herzstück guten Unterrichts sind
Liebe Gabriella, das ist eine sehr interessante Sicht auf das Thema Lernen. Für mich als Mensch, der gerne lernt, und als AURA-SOMA Ausbilderin habe ich das intuitiv schon immer so empfunden: ein guter Lehrer ist der, wo ich ins Tun komme und eigene Fähigkeiten entwickeln kann. Wo man nicht im Reden hängen bleibt, sondern über Tun und Reflektion ein Thema bearbeitet. Vielen Dank für diesen schönen Beitrag!