Jeden Monat machen meine Schüler:innen auf dem Schreibenblog bei den ABC-Etüden mit, die von Christiane betreut werden. Drei Wörter, maximal 300 Wörter Text und jedes Mal entstehen daraus völlig unterschiedliche Geschichten. Im Mai lauten die Begriffe „Instinkt“, „rücken“ und „schuldig“.
Während ich die Texte gelesen habe, ist mir aufgefallen, wie oft Geschichten plötzlich mit „Es war alles nur ein Traum“ endeten. Und jedes Mal blieb bei mir dieses seltsame Gefühl zurück, als würde die Geschichte im letzten Moment wieder von mir wegrücken.
Dabei musste ich an einen älteren Beitrag denken, den ich vor einigen Jahren einmal geschrieben habe. Offenbar lässt mich dieses Thema immer noch nicht ganz los.
Also sind meine Gedanken dazu dieses Mal selbst zu einer kleinen ABC-Etüde geworden 🤗.
Was bleibt, wenn Geschichten zurückrücken? (ABC-Etüde)
Es gibt dieses ganz bestimmte Gefühl beim Lesen. Wenn man irgendwann vergisst, dass man eigentlich nur Wörter anschaut. Und plötzlich ist da etwas im Brustkorb, das vorher nicht da war. Angst vielleicht. Oder dieses unangenehme Ziehen, wenn eine Figur etwas tut, von dem man weiss, dass es falsch ist, und man sie trotzdem versteht. Vielleicht sogar ein bisschen zu gut. Und genau dort passiert für mich meistens das Entscheidende. Mein Instinkt sagt mir dann sofort: Das hier zählt.
Deshalb trifft mich dieses Ende jedes Mal so seltsam. „Ich bin aufgewacht.“ Oder: „Es war alles nur ein Traum.“ Und plötzlich rückt alles wieder weg. Die Spannung. Die Angst. Dieses Gefühl, das vorher noch so nah war.
Vielleicht ist es genau das, was mich daran stört. Dieses Zurücknehmen. Als würde die Geschichte im letzten Moment Angst bekommen vor sich selbst. Vor den Konsequenzen. Vor allem, was sie vorher bei mir als Leserin ausgelöst hat. Vor allem wenn ich wirklich mitgefühlt habe. Wenn eine Figur leidet und ich dieses dumpfe Gefühl von Schuld plötzlich selbst versteht. Oder wenn jemand schuldig wirkt und ich trotzdem hoffe, dass alles irgendwie gut ausgeht. Und dann reicht ein einziger Satz und alles löst sich auf.
Deshalb mag ich offene Enden eigentlich viel lieber. Gerade weil sie Dinge stehen lassen. Weil sie nicht so tun, als müsste immer alles erklärt werden. Manche Geschichten verschwinden nicht einfach wieder. Sie tauchen später noch einmal auf. Irgendwo zwischen zwei Gedanken oder mitten in der Nacht.
Genau das liebe ich daran. Dass eine Geschichte nicht wirklich endet, nur weil der Text vorbei ist. Und vielleicht wünsche ich mir deshalb von einem Ende gar nicht so viel. Es muss nicht glücklich sein. Aber irgendwie sollte es den Mut haben, zu dem zu stehen, was es vorher in mir ausgelöst hat.
Manchmal bin ich froh, wenn ich bei einer Geschichte lese, dass sie „nur ein Traum“ war. Weil sie mich hineingezogen hat und ich mich frage, wie der:die jeweilige Protagonist:in aus der Zwickmühle wieder rauskommen will oder soll. Es spricht für die Geschichte, dass ich dann tief durchatme und „Gott sei Dank“ denke. Denn natürlich habe ich auch schon das Gegenteil erlebt, Geschichten, die so tiefe Konflikte offenbaren, dass es eigentlich einen Roman bräuchte, um sie aufzulösen und (vielleicht) zu einem guten Ende zu bringen. Mir ist klar, dass das in einer Etüde mit ihrer Wortbegrenzung nicht geht, es sei denn, es gäbe Fortsetzungen. Ich weiß aber auch, dass und wie das ausarten kann – hattest du Nanus „Panama-Projekt“ mitgelesen, was immerhin eine Etüde als Ausgangspunkt hatte?
Ich bin am glücklichsten, wenn eine Etüde mich packt. Ob das Ende offen ist, ist für mich weniger wichtig.
Danke, dass du mal selbst mitgeschrieben hast, das freut mich sehr! Ich hoffe, du hattest Spaß.
Pfingstabendgrüße! 🙂