Mehr als drei Lieblingsgewürze

Als ich Danielas Blogparade über die drei Lieblingsgewürze entdeckte, dachte ich zuerst: Das ist einfach. War es aber nicht.

Beim Lesen der bisherigen Beiträge fiel mir auf, dass Salz und Pfeffer erstaunlich oft genannt wurden. Salz und Pfeffer? Ach ja, natürlich, das sind ja auch Gewürze. Trotzdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, sie als meine Lieblingsgewürze zu bezeichnen.

Dabei stehen bei uns in der Küche unzählige Varianten davon. Grobes Meersalz für die Focaccia, schwarze Salzflocken, Chilisalz, Kräutersalz oder eine Gewürzmischung, die eine Kollegin selbst herstellt. Mein Schwiegervater erklärte zeitlebens mit naturwissenschaftlicher Überzeugung, Salz sei eben Natriumchlorid. NaCl. Mehr nicht. Alle Unterschiede seien Einbildung.
Bis heute glaube ich ihm kein Wort.

Beim Pfeffer ist es ähnlich: schwarzer, weisser, grüner oder roter Pfeffer, Wildpfeffer oder Kampot-Pfeffer. Je nach Gericht greife ich zu einem anderen Glas. Trotzdem gehören Salz, Pfeffer und Paprika für mich zur Grundausstattung einer Küche. Gerade deshalb käme ich nie auf die Idee, sie als Lieblingsgewürze zu bezeichnen.

Welche Gewürze sind es also?

Auf die ersten beiden Antworten musste ich nicht lange warten.

Dukkah – eine Begegnung in Ägypten

Dukkah habe ich weder in einem Kochbuch noch im Supermarkt entdeckt. Kennengelernt habe ich die orientalische Gewürz- und Nussmischung während unserer Ferien in Ägypten.

Ich erinnere mich noch gut an dieses Abendessen. Immer wieder nahm ich einen Geschmack wahr, den ich nicht einordnen konnte. Er war nussig, warm und angenehm würzig, anders als alles, was ich bis dahin gekannt hatte. Ich hätte einfach weiteressen können. Stattdessen fragte ich den Kellner.

Wenige Minuten später stand der Koch an unserem Tisch. Obwohl das Restaurant gut besucht war, nahm er sich Zeit. Er erklärte mir, was Dukkah ist, welche Zutaten dazugehören und wie die Mischung in der ägyptischen Küche verwendet wird. Seine Begeisterung war ansteckend. Ich hörte fasziniert zu, stellte Fragen und nahm mir vor, diese Gewürzmischung auch zu Hause auszuprobieren.

So steht Dukkah bis heute in meinem Gewürzregal.

Ich mag ihre Vielseitigkeit. Ein Stück frisches Brot, etwas gutes Olivenöl und Dukkah, mehr braucht es gar nicht. Ebenso gerne streue ich sie über Ofengemüse, Salate oder geröstete Auberginen.

Mit jedem Bissen denke ich an diesen Abend in Ägypten zurück. Weniger wegen des Geschmacks als wegen der Begegnung mit einem Menschen, der seine Leidenschaft bereitwillig mit einer neugierigen Touristin teilte.

Sumach – ein unbekannter Name

Einige Zeit später assen wir in einem libanesischen Restaurant. Bevor wir nach Hause gingen, schlenderte ich noch durch den kleinen Laden, in dem Gewürze, Öle und andere Spezialitäten verkauft wurden. Zwischen all den Gläsern blieb mein Blick an einem einzigen Wort hängen: Sumach.

Noch nie gehört. Ich wusste weder, wie das Gewürz schmeckte, noch wozu man es verwendete. Genau deshalb wanderte es in meinen Einkaufskorb.

Zu Hause begann das Experimentieren. Zuerst vorsichtig über einen Salat, später über Hummus, Grillgemüse, Reis oder eine Joghurtsauce. Mit jedem Gericht verstand ich ein wenig besser, weshalb Sumach in der Küche des Nahen Ostens so verbreitet ist. Seine angenehm säuerliche Note erinnert an Zitrone und Granatapfel zugleich, ohne Flüssigkeit ins Essen zu bringen.

Heute gehört Sumach fast ebenso selbstverständlich zu meiner Küche wie Salz oder Pfeffer.

Wenn ich daran zurückdenke, muss ich schmunzeln. Vernünftig war dieser Kauf nicht. Neugierig schon.

Als ich mein Gewürzregal betrachtete, wurde mir klar, dass ich Danielas Frage noch gar nicht richtig beantwortet hatte. Meine wichtigsten Gewürze lassen sich nämlich gar nicht in Gläser füllen.

Neugier – das Gewürz der Fragen

Wahrscheinlich begann alles an jenem Abend in Ägypten. Ich hätte den unbekannten Geschmack einfach geniessen und weiteressen können. Stattdessen fragte ich nach. Aus einer kurzen Frage entstand ein langes Gespräch mit dem Koch. Dabei habe ich wieder einmal erlebt, was Neugier auslösen kann.

Ich glaube, ich könnte stundenlang durch kleine Spezialitätengeschäfte oder über Märkte schlendern. Nicht, weil ich alles kaufen möchte. Mich interessieren die Geschichten hinter den Lebensmitteln genauso wie die Menschen, die sie verkaufen. Oft beginne ich ein Gespräch mit einer ganz einfachen Frage und gehe mit weit mehr nach Hause als mit einem neuen Rezept.

Ich koche ein Rezept auch ein zweites Mal, wenn es mich beim ersten Versuch noch nicht überzeugt hat. Ich überlege, weshalb ein Gericht gelungen ist und was ich beim nächsten Mal anders machen könnte.

Im Unterricht ist es nicht anders. Auch dort gelingt nicht jede Lektion auf Anhieb. Nach einer Lektion denke ich oft noch einmal darüber nach. Was hat die Jugendlichen beschäftigt? Wo hätte ich länger verweilen sollen?

Muse – das Gewürz der Geduld

Gute Ideen mögen es nicht, wenn man sie jagt. Zumindest meine nicht.

Sie kommen selten, wenn ich mit aller Kraft nach ihnen suche. Viel häufiger melden sie sich beim Gemüseschneiden, während ich eine Zwiebel würfle oder zusehe, wie der Sugo vor sich hinköchelt. Plötzlich ist ein Gedanke da. Ich trage ihn eine Weile mit mir herum. Ohne bewusst darüber nachzudenken, wächst er weiter. Irgendwann ist daraus eine Unterrichtslektion geworden.

Vielleicht mag ich das Kochen auch deshalb so sehr. Es zwingt mich, langsamer zu werden. Ich kann die Kartoffeln nicht schneller garen, indem ich ungeduldig daneben stehe. Hefeteig lässt sich nicht überreden, schneller zu wachsen. Manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit.

Im Unterricht ist das genauso. Auch dort wachsen Gedanken nicht auf Knopfdruck. Manchmal stelle ich eine Frage und warte. Es entsteht eine Stille, die sich zuerst etwas ungewohnt anfühlt. Dann hebt jemand vorsichtig die Hand. Ich höre zu. Noch jemand meldet sich. Irgendwann merke ich, dass ich kaum noch etwas sagen muss.

Genau solche Momente meine ich, wenn ich von Muse spreche.

Liebe – das Gewürz des Vertrauens

Meine Mutter sagte immer, man schmecke, ob jemand mit Liebe gekocht habe. Ich habe ihr das immer geglaubt. Liebe lässt sich nicht messen. Mein Schwiegervater würde vermutlich auch dafür eine naturwissenschaftliche Erklärung finden. Und trotzdem bin ich überzeugt, dass sie spürbar ist.

Wenn jemand für andere kocht, geht es um mehr, als nur darum, satt zu werden. Es macht einen Unterschied, ob einfach ein Essen auf den Tisch kommt oder ob jemand möchte, dass es den Menschen am Tisch schmeckt. Dann wird noch einmal abgeschmeckt oder es kommen frische Kräuter darüber. Nicht, weil das Rezept es verlangt, sondern weil jemand Freude daran hat, anderen etwas Gutes zu tun.

Mich interessieren Menschen. Ich möchte wissen, was sie begeistert, worüber sie lachen, was ihnen schwerfällt und worauf sie stolz sind. Beziehung entsteht nicht von heute auf morgen. Sie wächst langsam. Mit jedem Gespräch. Und manchmal auch durch schwierige Zeiten, die man gemeinsam durchsteht.

Ich habe Jugendliche erlebt, die alles darangesetzt haben zu prüfen, ob ich es ernst meine, wenn ich sage: «Ich glaube an dich. Ich lasse dich nicht fallen.» Manche brauchten Monate, andere Jahre, bis sie diesen Worten vertrauen konnten.

Vielleicht ist genau das Liebe. Bei einem Menschen zu bleiben, auch wenn es schwierig wird. So lange an ihn zu glauben, bis er wieder an sich selbst glauben kann.

Die Antwort lag nicht im Gewürzregal

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr entdecke ich Gemeinsamkeiten zwischen Küche und Schulzimmer.

Ein gutes Gericht lebt von unterschiedlichen Zutaten. Manche ergänzen sich auf Anhieb, andere überraschen erst auf den zweiten Blick. Im Schulzimmer ist es ähnlich. Jede Schülerin und jeder Schüler bringt eigene Erfahrungen, Interessen und Stärken mit.

Doch erst die Gewürze verleihen einem Gericht seinen eigenen Charakter. Es wird abgeschmeckt, nachgewürzt, manchmal ganz vorsichtig, manchmal mutiger. Genau das versuche ich auch im Unterricht. Nicht jede Klasse braucht dasselbe. Und nicht jeder Mensch.

Wenn Jugendliche den Unterricht mit einer neuen Frage verlassen, wenn sie etwas ausprobiert haben, was sie sich vorher nicht zugetraut hätten, oder wenn sie plötzlich einen Zusammenhang erkennen, den sie vorher nicht gesehen haben, dann hat die Lektion ihren Zweck erfüllt.

Ich glaube, genau deshalb liebe ich beides. Ein gutes Essen bleibt selten nur ein Essen. Genauso wenig bleibt eine gute Lektion nur eine Lektion. Beides kann Menschen stärken.

Seit Danielas Blogparade weiss ich, dass meine wichtigsten Gewürze tatsächlich nicht im Gewürzregal stehen. Zum Glück lassen sie sich immer wieder neu entdecken.


Wenn dich interessiert, wie Neugier, Muse und Beziehung meinen Unterricht prägen, findest du in der Kategorie Unterricht viele weitere persönliche Einblicke und konkrete Beispiele aus meinem Schulalltag.

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