Einblick in den Schreibenblog: Worauf Jugendliche wirklich stolz sind

Vor zwei Jahren rief die Leadership-Coachin Lorena ihre Blogparade «100 Dinge, auf die ich stolz bin» ins Leben. Sie schreibt, Stolz sei eine Schatzkiste unserer Kompetenzen und helfe uns, die eigenen Ressourcen wahrzunehmen. Genau deshalb hat sie die Blogparade in diesem Jahr erneut gestartet.

Ich wusste sofort: Dieses Thema möchte ich mit meinen Schülerinnen und Schülern aufgreifen. Es passte genau in die Zeit der Berufswahl. Gerade jetzt setzen sich die Jugendlichen intensiv mit ihren Stärken auseinander. Dabei geht es um weit mehr als um gute Noten oder fachliches Können.

Und trotzdem fällt es den Jugendlichen deutlich leichter, aufzuzählen, was sie alles nicht können, als wahrzunehmen, was sie bereits erreicht haben und welche Stärken sie jeden Tag zeigen.

Vom leeren Blatt zur eigenen Schatzkiste

Dreissig Dinge sollten meine Schülerinnen und Schüler finden. Nicht hundert wie in Lorenas Blogparade. Dreissig schienen mir herausfordernd genug.

«Worauf soll ich stolz sein?» «30 Dinge? So viele finde ich niemals.»
Das überraschte mich nicht. Über die eigenen Schwächen sprechen wir schnell. Fehler fallen uns meist sofort ein. Doch die Frage, worauf wir stolz sind, löst häufig erst einmal Schweigen aus. Weshalb fällt es uns so viel leichter, unsere Schwächen aufzuzählen als unsere Stärken? Stolz wirkt im Alltag beinahe wie ein verbotenes Wort. Wer stolz auf sich ist, gilt schnell als eingebildet oder arrogant.

Dabei meinte Lorena etwas ganz anderes. Stolz bedeutet, sich bewusst zu machen, was man bereits geschafft hat, welche Fähigkeiten einen auszeichnen und welche Hürden man überwunden hat. Genau deshalb war mir dieser Auftrag wichtig. Denn wer die eigenen Stärken kennt, geht anders durchs Leben.

Einige sassen lange vor dem leeren Bildschirm. Sie schrieben einen Punkt. Dann stockte es wieder. «Mir fallen höchstens fünf Dinge ein», meinte einer. Eine Schülerin lachte und sagte: «Dreissig schaffe ich nie.» Aus den anfänglichen fünf oder sechs Punkten wurden nach und nach dreissig.

Es ging längst nicht mehr um eine Liste

Im Schreibenblog entstehen Texte selten auf Bestellung. Ich gebe den Jugendlichen Ideen mit auf den Weg. Manchmal greifen sie einen Impuls sofort auf, manchmal erst Wochen oder Monate später. Und manchmal entsteht daraus ein ganz anderer Text.

Als ich die verschiedenen Beiträge zum Thema Stolz für diesen Artikel noch einmal hintereinander las, wurde mir etwas bewusst: Es ging längst nicht mehr um eine Liste. Die Jugendlichen erzählten von sich selbst. Natürlich erwähnten einige ihre Lehrstelle, sportliche Erfolge oder bestandene Projekte. Doch je länger ich las, desto mehr rückten ganz andere Themen in den Mittelpunkt.

Die Jugendlichen schrieben davon, dass sie gelernt haben, Nein zu sagen. Dass sie Hilfe annehmen können. Dass sie Verantwortung übernehmen. Dass sie Streit schlichten. Dass sie für ihre Geschwister da sind, ihre Eltern unterstützen oder für die Familie kochen. Andere sind stolz darauf, offen für Neues zu sein, Freundschaften über viele Jahre zu pflegen oder ihren eigenen Weg zu gehen. Wieder andere erzählen davon, schwierige Zeiten überstanden, Ängste überwunden oder sich von Menschen gelöst zu haben, die ihnen nicht guttaten.

Stärken, die ein Leben lang tragen

Nach und nach begann ich zu verstehen, weshalb mich diese Texte so berührten. Kaum jemand schrieb über Noten. Stattdessen las ich von Jugendlichen, die gelernt hatten, Verantwortung zu übernehmen, Hilfe anzunehmen, dranzubleiben oder für andere da zu sein. Eigenschaften, die weit über die Schulzeit hinaus tragen.

Da ist Disziplin, weil jemand täglich trainiert und seine Ziele verfolgt. Da ist Durchhaltevermögen, weil trotz Rückschlägen weitergemacht wurde. Da ist Selbstorganisation, Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft, Empathie, Offenheit, Selbstreflexion, Eigenverantwortung und der Mut, für sich selbst einzustehen. Manche erzählen von sportlichen Höchstleistungen, andere von ehrenamtlichem Engagement, von Musik, Sprachen oder handwerklichem Geschick. Wieder andere sind stolz darauf, einfach ein guter Mensch zu sein, der anderen ein Lächeln schenkt.

Mich beeindruckte besonders, wie ehrlich diese Texte sind. Sie wirken weder überheblich noch selbstverliebt. Sie zeigen Jugendliche, die beginnen, sich selbst wahrzunehmen. Die erkennen, dass ihre Persönlichkeit weit mehr umfasst als Schulnoten. Dass sie Fähigkeiten besitzen, die ihnen niemand mehr nehmen kann.

Vielleicht ist genau das der grösste Gewinn dieses Schreibauftrags.

Wer einmal dreissig Gründe gefunden hat, stolz auf sich zu sein, begegnet der nächsten Herausforderung mit einem anderen Blick. Das Vertrauen wächst. Ich habe schon vieles geschafft. Also werde ich auch das bewältigen.

Deshalb freue ich mich ganz besonders, die Beiträge meiner Schülerinnen und Schüler nach und nach hier zu verlinken. Jeder einzelne erzählt eine andere Geschichte. Zusammen zeigen sie, wie vielfältig Stolz aussehen kann. Und wie viele Stärken Jugendliche entdecken, wenn wir ihnen Zeit geben, danach zu suchen.

Vielleicht liegt genau darin die grösste Stärke dieses Schreibauftrags. Die Jugendlichen gehen mit einer Liste ihrer Stärken nach Hause.

Im Schreibenblog geht es oft um Geschichten, Erinnerungen oder Gedanken. Dieses Mal schrieben die Jugendlichen über sich selbst. Ich glaube, selten habe ich in so kurzer Form so viel über meine Schülerinnen und Schüler erfahren.

Genau dazu lädt auch Lorenas Blogparade ein: den Blick einmal bewusst auf das zu richten, was bereits da ist. Manchmal genügt eine einzige Frage, damit wir entdecken, wie viel wir längst in uns tragen.

Beiträge aus dem Schreibenblog

Wenn du mehr über den Schreibenblog erfahren möchtest, findest du hier seine Geschichte. Nun lade ich dich ein, den Jugendlichen selbst zuzuhören.

  • «Ich bin stolz darauf, dass ich meinen eigenen Weg gefunden habe.» – L!yzueri
  • «Ich bin stolz darauf, auch in schwierigen Momenten nicht aufgegeben zu haben.» – anonym
  • «Ich bin stolz darauf, dass ich Dinge mache, die mich glücklich machen.» – Abdou
  • «Ich bin stolz darauf, dass ich meist das Positive sehe.» – Soraya
  • «Ich bin stolz auf meine Disziplin.» – Janis
  • «Ich bin stolz darauf, dass ich mir selbst treu bleibe.» – Lamiya
  • «Ich bin stolz darauf, dass ich meinen eigenen Wert erkannt habe.» – Leonisa

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