Wie ich begann, Schule anders und mutig zu denken

In unserer sich stetig verändernden Bildungslandschaft wird immer deutlicher, dass wir Schule neu denken müssen. Meine Blogparade Schule anders denken – Mutige Ideen für Bildung bietet die Gelegenheit, eigene Visionen und Erfahrungen zu teilen. Als Lehrerin, die sich seit Jahren(zehnten) mit innovativen Unterrichtskonzepten auseinandersetzt, möchte ich in diesem Beitrag meine persönlichen Gedanken und Impulse zur mutigen Neugestaltung von Schule vorstellen.

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Mein Weg zu mutigem Denken in der Schule

Mutige Ideen für Bildung und Schule anders denken – diese beiden Gedanken begleiten mich schon mein Leben lang. Schon früh habe ich gemerkt, dass Unterricht und Bildung nicht einfach Konzepte sind, die man nach Schema F abwickeln kann. Vielmehr sind sie lebendige Prozesse, die Menschen berühren und bewegen.

Manchmal sitze ich am Ende eines Schultages im leeren Klassenzimmer und schaue mich um. Die Stühle sind hochgestellt, aber die Gespräche, Gedanken und Ideen sind noch spürbar und wirken nach.

In solchen Momenten halte ich inne und denke zurück: Wie viel habe ich schon umgesetzt? Wie viele Ideen, die einst nur Träume waren, sind inzwischen Realität geworden?

Ich bin dankbar für die kleinen und grossen Schritte, die ich gegangen bin. Mutig und manchmal auch unsicher. Denn oft braucht es nicht die grosse Revolution, sondern die kleinen Veränderungen, die den Unterricht lebendiger machen und Beziehungen stärken.

Manchmal kann ich selbst kaum glauben, wie viel sich bereits verändert hat. Wenn ich daran denke, wie meine Unterrichtsideen vor Jahren noch Utopie waren und heute selbstverständlich zum Alltag gehören, erfüllt mich das mit Freude und ein bisschen Stolz.

Denn: Schule anders denken – das ist kein abgeschlossener Prozess. Es ist eine stetige Entwicklung, ein neugieriges Forschen und ein mutiges Voranschreiten.

Erste Unterrichtserfahrungen: Lernen durch Beziehung

Es war während meines Studiums, als ich zum ersten Mal vor einer Gruppe stand. Ich musste Geld verdienen, um mein Studium zu finanzieren, und da lag es nahe, zu unterrichten. Voller Selbstbewusstsein dachte ich: Na klar, ich kann das! Schliesslich war ich selbst lange genug Schülerin gewesen. Also konnte ich auch unterrichten.

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Lektion: eine Gruppe von zwanzig Erwachsenen, die Französisch lernen wollten. Erwachsene, die in ihrem Leben schon viel geschafft hatten, die Familie und Beruf unter einen Hut brachten und sich trotzdem noch Zeit nahmen, eine neue Sprache zu lernen. Ich bewunderte ihren Mut und ihren Willen.

Voller Energie begann ich die Stunde mit einem einfachen Grammatikthema: Konjugation im Präsens. Ich erklärte voller Überzeugung: „Es ist ganz einfach. Man nimmt den Stamm des Verbs und hängt die passenden Endungen an – et voilà!“

Ich war so stolz auf meine präzise Erklärung. Doch dann sah ich in die Runde und mir begegneten zwanzig fragende Gesichter. Verwirrung. Skepsis. Ungläubigkeit. In diesem Moment wurde mir klar: Unterricht ist kein Monolog, kein Dozieren.

Lernen entsteht nicht durch das blosse Vermitteln von Inhalten, sondern durch den Dialog und die Verbindung mit den Lernenden. Lernen passiert, wenn Menschen miteinander in Beziehung treten, wenn Inhalte gemeinsam entdeckt werden.

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Wechsel in die Volksschule – Neue Perspektiven auf Bildung

Nach einigen Jahren in der Erwachsenenbildung entschied ich mich für die Arbeit in der Volksschule – auch ein wenig wegen der bezahlten Ferien, das muss ich ehrlich zugeben. Aber vor allem, weil ich wissen wollte: Wie kann Bildung gelingen, wenn man von Anfang an Freiräume schafft?

Jugendliche sind neugierig, sie wollen aktiv sein, sie wollen Erfolge und Fortschritte sehen.
Ich wollte dieses natürliche Interesse am Entdecken bewahren. Und so begann ich, kleine Ideen und Veränderungen in meinem Klassenzimmer umzusetzen.

Die Tische wurden gruppiert, das Pult an die Rückenwand gestellt, Pflanzen zogen ein. Wir erarbeiteten gemeinsam Klassenregeln. Ich begann mit kleinen Projektarbeiten, bei denen die Jugendlichen selbst Themen wählten. Es war ein Balanceakt zwischen Vorgaben und Freiraum und oft fühlte ich mich unsicher. Aber die Energie, die entstand, wenn die Jugendlichen ihre eigenen Ideen einbrachten, war jede Unsicherheit wert.

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Bildung neu denken: Visionen für eine zukunftsfähige Schule

In dieser Zeit entstand eine kleine, engagierte Gruppe von sechs Personen, die sich intensiv mit Bildung, Schule und Innovation auseinandersetzte. Einmal im Monat trafen wir uns einen ganzen Samstag lang, um unsere Vision von einer „guten Schule“ zu diskutieren. Wir wollten alles neu denken, ohne uns selbst einzuschränken, und erlaubten uns, zu fantasieren. Keine Grenzen, keine festen Strukturen – einfach die Frage: Wie müsste Schule sein, damit sie für alle ein Ort des Lernens und Wachsens wird?

Wir träumten von einer Schule ohne Notendruck, ohne starre Stundenpläne. Einer Schule, in der Beziehungen an erster Stelle stehen. Einer Schule, die Vielfalt als Stärke begreift und das individuelle Potenzial jedes Kindes fördert. Wir wollten nicht nur Methoden ändern, sondern die Haltung. Statt Belehrung wollten wir Begleitung. Statt starrer Vorgaben wollten wir Möglichkeiten.

Unsere Treffen waren wie Oasen im Bildungsalltag. Wir diskutierten, entwickelten Ideen, malten uns aus, wie Schule anders sein könnte. Wir erlaubten uns, zu träumen, ohne sofort an die Umsetzbarkeit zu denken.

Diese Treffen waren inspirierend und prägend. Wir entwickelten Ideen, bildeten uns weiter und stellten fest, wie wertvoll es ist, Bildung gemeinsam neu zu denken.

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Die Grenzen der Realität

Unsere Vorstellungen blieben jedoch nicht nur theoretisch, wir wollten sie umsetzen. Doch als wir begannen, über die Finanzierung „unserer“ idealen Schule nachzudenken, holte uns die Realität ein. Wir merkten schnell, dass unser Konzept nur finanzierbar wäre, wenn wir uns auf Schüler:innen aus bildungsnahen und wohlhabenden Elternhäusern konzentrieren würden, auf Jugendliche mit Ambitionen fürs Gymnasium.

Doch genau das stand im Widerspruch zu unserer Vision: Wir wollten vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Elternhäusern fördern. Hier lag die Herausforderung: Wie schaffen wir eine Schule, die wirklich für alle zugänglich ist?

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Praxisbeispiele – Mutige Schritte im Unterrichtsalltag

Die Erkenntnis, dass unsere utopische Schulidee in ihrer Gesamtheit nicht umsetzbar war, hat mich nicht entmutigt. Im Gegenteil: Sie hat mich herausgefordert. Ich begann, darüber nachzudenken, wie ich zumindest einen Teil unserer Visionen in meinem Unterricht an einer staatlichen Schule umsetzen könnte.

Die vielen Ideen, die wir besprochen hatten, begann ich nach und nach umzusetzen. Manchmal sind es die kleinen Veränderungen, die den Alltag prägen. Also stellte ich mir die Frage:

Wie kann ich den Unterricht so gestalten, dass er lebendiger, partizipativer und menschlicher wird – auch im Rahmen des bestehenden Systems?

Unterrichtsorganisation

Statt den klassischen Stundenplan strikt einzuhalten, stelle ich die Fächer um, passe sie dem natürlichen Rhythmus und der Lernkurve der Schüler:innen an. Klingt logisch, oder?

Ich probiere aus. Blockweise zu arbeiten fühlt sich besser an. Ein Geschichtsthema braucht mehr als nur eine wöchentliche Lektion. Warum also nicht mal zwei, drei Wochen lang intensiv eintauchen? Und dann merke ich: Es macht etwas mit den Schüler:innen. Sie reden mehr darüber, denken weiter. Kombinieren Lernziele aus verschiedenen Fächern und plötzlich wird Geschichte lebendig, verwebt sich mit anderen Themen.

Zeit und Raum für Spontanes muss immer vorhanden sein. Eine Diskussion kommt ins Rollen, die unerwartet tief geht. Warum unterbrechen? Ich lasse sie laufen und stelle gerne noch mehr Zeit zur Verfügung, weil genau in diesen Momenten etwas Wertvolles entsteht.

Unterricht ist nicht nur planen, sondern auch spontan leben.

Kooperatives Lernen

Ich schiebe die Bänke zusammen, forme Gruppentische, führe kooperatives Lernen ein. Zuerst Unsicherheit. Schnell merken die Schüler:innen aber, dass ihnen diese Methode mit ihren strukturierten Phasen Sicherheit vermittelt. Man weiss, was kommen wird und trotzdem ist immer alles auch neu oder anders. Das hilft ihnen, sich auf den Stoff einzulassen. Es ist ein bisschen wie beim Improvisieren: Man weiss ungefähr, was passieren soll, aber das Wie, das bleibt offen.

Das Schulzimmer wirkt grösser und luftiger. Als Lehrperson kann ich mich darin bewegen und bleibe nicht statisch in einer Ecke stehen.

Manchmal reicht es, Raum zu geben.

Handlungsorientierter Unterricht und kreative Vermittlung

Die Woche beginnen wir, indem wir alle in der ersten Lektion kreativ schreiben. Zuerst zögerlich, dann aber immer selbstbewusster beginnen die Schüler:innen über ihre Gedanken zu schreiben. In diesen Stunden entstehen die unterschiedlichsten Texte über Themen, die die Jugendlichen beschäftigen. Freitags dann: Vorlesen. Stolz, manchmal ein bisschen zögerlich. Aber dann ein Lächeln, weil es gut ankommt.

Lernen heisst machen. Wir spielen Szenen nach, bauen Modelle, denken uns Geschichten aus. Manchmal lachen wir, manchmal sind wir still, wenn jemand von etwas Ernstem erzählt. Rollenspiele? Die anfangs schüchternen Schüler:innen blühen plötzlich auf. „Ich bin jetzt der König!“, ruft eine und lacht. Und ich denke: Ja, genau darum geht es.

Aktiv sein. Selbst gestalten. Das bleibt hängen, mehr als nur trockene Theorie.

Exkursionen und Praxisbezug

Wir besuchen die unterschiedlichsten Museen und Ausstellungen, lesen Theaterstücke, die wir später auf der Bühne erleben, und setzen uns mit Opern auseinander, die wir im Opernhaus ansehen und hören. Ein Ort, den wir vorher gemeinsam erkundet haben. Dabei treten wir in den Dialog mit Schauspieler:innen, Sänger:innen und Künstler:innen. Besonders wichtig ist mir dabei eine breit gefächerte Mischung kultureller Angebote.

Diese Unternehmungen sind stets verbunden mit Aktivitäten der Schüler:innen: Wir nehmen an Workshops teil, vertiefen die Themen im Unterricht und reflektieren gemeinsam unsere Erlebnisse und Eindrücke. So entsteht ein lebendiger Austausch, der die kulturellen Erfahrungen nachhaltig verankert.

Manchmal lade ich Leute in die Schule ein. Handwerker:innen, Vertreter:innen aus den verschiedensten Berufsgattungen, Menschen aus verschiedenen Religionen oder Gruppierungen. Sie erzählen von ihrer Arbeit und ihrem Leben, von den Herausforderungen. Diese Gespräche bleiben hängen. Nicht nur Zuhören, sondern im Dialog sein. Im Anschluss tauschen wir aus: „Was hat uns beeindruckt? Was war überraschend?“ Diese Erfahrungen verweben sich mit dem Unterricht.

So geht Lernen. Gemeinsam erleben, hinterfragen, verstehen.

Beziehungsarbeit

Vertrauen ist die Grundlage. Ohne Beziehung kein Lernen – das ist mir klar. Manche Schüler:innen haben kaum Erfahrungen mit verlässlichen Beziehungen. Sie sind vorsichtig, manchmal zurückhaltend. Es braucht Geduld. Manche öffnen sich schnell, bei anderen dauert es Monate, manchmal Jahre. Aber ich bleibe da. Bedingungslos. Auch wenn Fehler passieren, wenn jemand mal aus der Reihe tanzt. „Ich gebe dich nicht auf“, das spüren sie. Und irgendwann merken sie: Da ist jemand, der bleibt, egal was kommt.

Ich merkte: Schule ist nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein Ort der Begegnung. Und manchmal entstehen die wertvollsten Lernmomente genau dann, wenn wir uns erlauben, echt und verletzlich zu sein.

Reflexion und Individualisierung

Oft frage ich: „Was bringt euch das? Warum lernen wir das?“ Die Reflexion des Lernprozesses ist ein zentraler Bestandteil meines Konzepts. Gemeinsam überlegen wir, warum wir bestimmte Themen behandeln und welchen Nutzen sie für das Leben haben. Meine Schüler:innen sollen verstehen, dass Lernen Sinn ergibt. Sie sollen aber auch verstehen, wie sie am besten lernen und Informationen verarbeiten können.

Differenzierung und Individualisierung spielen dabei eine entscheidende Rolle. Also schneide ich die Unterrichtsinhalte auf unterschiedliche Lernniveaus und Interessen zu. Kleine, klar strukturierte Schritte und regelmässige Wiederholungen unterstützen das Verständnis und führen zu Erfolgserlebnissen.

Mit demselben Thema befassen, aber nicht dasselbe tun.

Soziale Kompetenz und Motivation

Ich lege grossen Wert auf ein gutes Miteinander, auf Respekt, Toleranz und Ehrlichkeit. Gerade in der Pubertät fahren die Gefühle bei meinen Schüler:innen oft Achterbahn. Es kommt vor, dass sie sich im Ton vergreifen oder impulsiv reagieren. Doch ich sehe solche Momente nicht als Problem, sondern als Gelegenheit zum Lernen.

Anstatt Vorwürfe zu machen, suche ich das Gespräch, frage nach und versuche, die Perspektive der Jugendlichen zu verstehen. Dabei gehe ich selbst mit gutem Beispiel voran, indem ich offen und wertschätzend kommuniziere. So lernen die Schüler:innen, dass Fehler zum Prozess gehören und es möglich ist, Konflikte respektvoll und konstruktiv zu lösen.

Gerade wenn es um Konflikte und Missverständnisse geht, zeigt sich, wie wichtig gegenseitiges Verständnis und die Wertschätzung unterschiedlicher Hintergründe sind.

Das Teilen von Identität schafft Verbundenheit. Gerade in meinen heterogenen Klassen ist es besonders wertvoll, den kulturellen Reichtum sichtbar zu machen. Wenn sich alle mit ihren Hintergründen und Erfahrungen einbringen dürfen, entsteht eine Gemeinschaft, die auf Vertrauen und gegenseitigem Verständnis basiert. So wird das Klassenzimmer zu einem Ort, an dem Unterschiedlichkeit nicht trennt, sondern verbinden.

Miteinander denken. Miteinander fühlen. Miteinander lernen.

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Fazit: Schule täglich neu denken

Heute spüre ich Dankbarkeit für das, was bereits anders ist. Für die Momente, in denen Jugendliche nicht nur lernen, sondern sich gehört und wertgeschätzt fühlen.

Natürlich ist nicht jeder Tag voller Inspiration. Manchmal gehen Dinge schief, manchmal fehlen mir die Ideen. Aber ich habe gelernt: Schule neu denken heisst nicht, ständig perfekt zu sein. Es heisst, immer wieder aufs Neue mutig zu fragen: Wie kann ich es besser machen?

Mein Weg hat mir gezeigt: Bildung ist kein starrer Prozess, sondern eine gemeinschaftliche Entwicklung. Es braucht den Mut, die eigene Praxis zu hinterfragen, neue Wege zu gehen und dabei auch Rückschläge zu akzeptieren. Vor allem aber braucht es die Bereitschaft, Bildung als lebendiges Zusammenspiel zwischen Lehrenden und Lernenden zu gestalten.

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Falls du jetzt denkst … Na ja, so neu sind diese Ideen und Visionen nun wirklich nicht, dann antworte ich dir: Schule hat sich in den vergangenen 40 Jahren wirklich entwickelt, nicht wahr?


Wie dieser Gedanke weiterführt

Schule anders zu denken beginnt für mich nicht mit neuen Konzepten, sondern mit einer veränderten Haltung gegenüber Lernen und den Menschen, die lernen. Wie sich diese Haltung im Unterricht ganz konkret zeigt, beschreibe ich im Artikel über die 10 Mythen über guten Unterricht.

Weiter zum Artikel: 10 Mythen über guten Unterricht

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