Ich bin Lehrerin. Und das ist kein Makel.

Ein Satz, der wehtut

Neulich bin ich in einem Forum über einen Satz gestolpert, der mich einfach nicht mehr loslässt. Er war nicht besonders klug formuliert, aber er ging mir unter die Haut.
Eine Frau, selbst Lehrerin, die sich inzwischen als Künstlerin betätigt, schrieb über ihre Homepage:

„Da steht auch, dass ich noch Lehrerin bin und der Lehrerberuf gehört doch auch noch zu den unbeliebten Berufsgruppen.“

Und dann noch dieser Nachsatz:

Im Nachhinein habe ich Bedenken, dass das vielleicht in summa abschrecken könnte und ich unnahbar wirke […] Ich möchte als Künstlerin natürlich wirken und keine Angst dem Besucher machen.“

Ich habe diesen Post mehrmals gelesen. Erst mit Staunen, dann mit leiser Traurigkeit. Und, wenn ich ehrlich bin, mit wachsender Empörung. Es nervt mich. Es nervt mich total.
Mich beschäftigt, wie selbstverständlich sie das schreibt und dass niemand widerspricht. Diese Haltung sitzt so tief, dass sie gar nicht mehr hinterfragt wird.

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Ein falsches Bild vom Lehrer:innenberuf

Diese beiläufige Behauptung, der Lehrer:innenberuf gehöre zu den „unbeliebten“, stimmt einfach nicht. Im Gegenteil: Lehrpersonen gehören im deutschsprachigen Raum zu den hoch respektierten Berufen. Studien zeigen, dass Lehrer:innen grosses gesellschaftliches Vertrauen geniessen, dass ihnen Kompetenz, Verantwortung und Glaubwürdigkeit zugesprochen wird. Und das zu Recht.

Denn wer sonst begleitet pubertierende Jugendliche so nah beim Wachsen, Denken, Zweifeln und Verstehen? Wer sonst hält ihre Stimmungsschwankungen, ihre Fragen, ihre Müdigkeit und ihre plötzlichen Funken aus und bleibt trotzdem ruhig? Wer trägt Verantwortung für junge Menschen, die noch gar nicht wissen, wer sie sind, aber spüren, dass sie werden?

Warum also dieser Reflex, sich für den Lehrer:innenberuf fast entschuldigen zu müssen, besonders dann, wenn man ihn mit etwas Kreativem verbindet? Warum sollte jemand, der lehrt, unnahbar wirken? Warum sollte Wissen abschrecken? Warum sollte Erfahrung Distanz schaffen, statt Nähe? Vielleicht, weil wir vergessen haben, wie lebendig Lehren eigentlich ist.

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Lehren ist Beziehung

Unbeliebt. Was für ein kaltes, kleines Wort. Und plötzlich stehe ich da, mitten in diesem Satz, und merke, wie sich in mir etwas aufrichtet. Weil ich weiss, wie viel Herzblut, Geduld, Humor und Kraft dieser Beruf kostet und wie wenig davon sichtbar bleibt.

Man liest von Lehrer:innenmangel, Stress, Burn-out. Aber selten von diesen Momenten, in denen ein Jugendlicher, der sich wochenlang verweigert hat, plötzlich mitarbeitet. Von der stillen Freude, wenn jemand, der immer stumm blieb, auf einmal den Mut findet, etwas laut zu sagen. Von dem Vertrauen, das manchmal Monate braucht, bis es wächst und dann bleibt.

Das ist viel mehr als Routinearbeit. Es ist Beziehungsarbeit. Und sie lebt von Kreativität. Lehren bedeutet, gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen und Wissen lebendig werden lassen.

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Wenn Lernen lebendig wird

Im Deutschunterricht zum Beispiel, wenn wir über ein Gedicht sprechen und jemand fragt, ob der Autor vielleicht einfach nur traurig war, weil niemand seine Sprache verstand. Und daraus entsteht eine Diskussion über Einsamkeit, über Sprache, über das, was wir verschweigen.

Oder in Geschichte, wenn jemand erkennt, dass Geschichte aus Entscheidungen entsteht, aus Mut, Zufall und Verantwortung. Wenn wir über Widerstand sprechen und eine Schülerin sich fragt, ob sie selbst mutig genug wäre, „Nein“ zu sagen, wenn alle anderen mitmachen.
Oder in Ethik, wenn ein Schüler meint, Glück sei ein Moment, den man erst spürt, wenn er vorbei ist.

Dann weiss ich: Hier geschieht Bildung. Sie geschieht mithilfe der Lehrbücher, aber sie geschieht vor allem im Kopf, im Herz, im Gespräch.

Das sind die Momente, in denen ich denke: Genau deshalb mache ich das. Viele denken, Unterricht folge einem starren Ablaufplan. Für mich bedeutet Unterricht ein gemeinsamer Prozess aus Irritation, Entdeckung, Begeisterung und manchmal auch Trotz. Gerade mit pubertierenden Jugendlichen, die dich prüfen, fordern, an Grenzen bringen und dir im nächsten Moment mit einem einzigen Satz das Herz weit öffnen.

Kreativität und Pädagogik schliessen sich nicht aus. Sie gehören zusammen. Sie machen Unterricht zu etwas Lebendigem, Echtem, Menschlichem.

Das stille Verändern der Welt

Ich liebe an meinem Beruf, dass er mich jeden Tag überrascht. Kein Morgen gleicht dem anderen. Ich liebe diese Aha-Momente, wenn Jugendliche plötzlich verstehen und etwas in ihnen aufleuchtet. Ich liebe die stillen Augenblicke, in denen Vertrauen wächst. Das kreative Chaos, in dem Fehler zu Ideen werden. Das Lachen, das einfach passiert, mitten im Alltag. Und dieses ständige Wachsen der Jugendlichen, auch mein eigenes.

Manchmal, wenn ich am Abend zurückblicke, weiss ich: Das war wieder ein Tag voller kleiner, unsichtbarer Siege. Und dann denke ich, dass Bildung vielleicht genau das ist: ein stilles, unaufgeregtes Verändern der Welt.

Darum lässt mich dieser Post nicht los. Vielleicht, weil er all das infrage stellt, was für mich das Herz meines Berufs ist. Weil er ein Bild zeichnet, das mit der gelebten Wirklichkeit im Klassenzimmer kaum etwas zu tun hat.

Wer je erlebt hat, wie ein Jugendlicher nach Wochen des Schweigens plötzlich etwas teilt, das ihn wirklich bewegt, weiss, wie nah dieser Beruf am Leben ist. Wie viel Vertrauen es braucht, wie viel Geduld, Humor, Intuition. Und wie oft man scheitert, wieder aufsteht, neu ansetzt, anders zuhört.

Lehrpersonen stehen nicht auf einer Bühne über anderen, sie bewegen sich zwischen Fragen, Zweifeln, Begeisterung und Müdigkeit. Sie sind Spiegel, Resonanzraum, oft auch stiller Halt. Sie tragen die Unruhe des Werdens, die Unsicherheit des Suchens, das Aufblitzen von Erkenntnis in einem Blick.

Darum trifft mich dieser Satz so sehr. Er verengt den Blick auf etwas, das nie eng war.
Er übersieht, dass Lehren zutiefst menschlich ist, getragen von Nähe, Beziehung und dem Mut, sich täglich neu einzulassen.

Lehrer:innen sind nah. Oft näher, als man sich vorstellen kann. Und vielleicht liegt gerade darin die leise, unspektakuläre Schönheit dieses Berufs. Jeder Tag hinterlässt Spuren in Gesprächen, in Blicken, in kleinen Momenten, die etwas in Bewegung setzen. So verändert sich die Welt still, fast unbemerkt und doch wirklich.

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Schlussgedanke

Ich wünsche mir, dass wir aufhören, Berufe in Beliebtheitsskalen zu pressen. Dass wir wieder spüren, was wirklich zählt: Menschen, die etwas weitergeben, egal ob Wissen oder Wärme. Denn das, was bleibt, ist selten das, was beliebt war, sondern das, was berührt hat.

Vielleicht schreibe ich das hier auch, um mich selbst daran zu erinnern, wie viel Sinn in dem steckt, was ich tue. Mein Antrieb entsteht aus der Überzeugung, dass mein Tun Bedeutung trägt.
Und manchmal ist genau das genug.


Wie dieser Gedanke weiterführt

Lehrerin zu sein bedeutet für mich weit mehr, als Wissen zu vermitteln. Es geht darum, junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und Lernräume zu schaffen, in denen sie wachsen können. Wie dieses Verständnis meinen Blick auf Unterricht prägt, beschreibe ich im Artikel Lehren und lernen.

Weiter zum Artikel: Lehren und lernen

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4 Kommentare

  1. Liebe Gabriella,
    dein Artikel hat mich tief berührt. Als Pädagogin weiß ich, wie wichtig es ist, den Lehrer*innenberuf nicht nur als Aufgabe, sondern als Berufung mit all seinen Facetten zu sehen – inklusive der Herausforderungen, die oft unsichtbar bleiben. Deine Worte erinnern uns daran, dass es kein Makel ist, Lehrerin zu sein, sondern eine tägliche Entscheidung für Bildung und Menschlichkeit.

    Danke, dass du diesem Beruf so eine würdevollere Stimme gibst.
    Liebe Grüße,
    Anja

  2. Wundervoll! Vielen Dank für diesen Blogartikel, der direkt aus dem Herzen geschrieben ist!

    Ich wünschte so sehr, alle Lehrerinnen und Lehrer hätten eine solche passionierte und bewusste Haltung zu ihrem Beruf, hätten eine solche BEZIEHUNG zu den Schülerinnen und Schülern, würden Siege, Selbstüberwindungen und Entwicklungsschritte mitfeiern und überhaupt bemerken!

    Ja, ich wünschte, auch alle Pflegerinnen und Pfleger hätten genau so eine Haltung zu ihrem Beruf, zu den Menschen, die von ihnen abhängig sind. Und überhaupt: Wünschte ich für Deutschland mehr Respekt untereinander, mehr Menschlichkeit und mehr Lächeln.

    Ein solcher Appell tut gerade in diesen Zeiten NOT, in denen eine Lehrerin durch die Presse geht, die sage und schreibe 16 Jahre krankgeschrieben war bei vollen Bezügen, ohne jemals einem Amtsarzt vorgestellt worden zu sein – und das, obwohl nach wie vor ein Lehrer:innenMANGEL besteht und Unterricht massiv ausfällt.

    Ja, und ich wünschte, ich selbst hätte eine solche Lehrerin gehabt, die ihren Beruf als Berufung versteht und für die der Klassenraum nicht erfüllt ist von stillsitzenden Lernrobotern, sondern von echten Menschen mit einzigartigen Potenzialen.

    Powergrüße von
    Monika

  3. Liebe Gabriella,

    ein sehr wichtiger Artikel von Dir. Ich kann gut verstehen, dass Dich das empört, wenn ich daran denke, mit wie viel Empathie, Leidenschaft und Herzblut Du Deinen Beruf lebst. Du hast sehr treffend beschrieben, wie wichtig es ist, da genauer hinzusehen und nicht mit Verallgemeinerungen eine ganze Berufsgruppe in ein falsches Licht zu rücken.

    Viele liebe Grüße in die Schweiz
    Susanne

  4. Hallo Gabriella,
    deine Gedanken zum Lehren und Lernen und Lehrer*innenberuf sind so schön und wertschätzend geschrieben. Danke dafür. Ich finde es auch einen unglaublich wichtigen und kreativen Beruf.
    Dein Satz: „Hier geschieht Bildung. Nicht im Lehrbuch, sondern im Kopf, im Herz, im Gespräch.“ fasst für mich ganz wunderbar zusammen, wie Bildung sein und gelebt werden sollte. Vielleicht fehlt das an manchen Stellen und der Blick auf den Beruf rührt daher?
    Ich freue mich auf jeden Fall sehr, dass du Bildung so verstehst und vermittelst. Da wäre ich gerne Schülerin gewesen.
    Liebe Grüße
    Cindy

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