Mein Motto für 2022 – Ich lehne mich zurück!

Mein allererstes Jahresmotto überhaupt lautet: Ich lehne mich zurück. Klingt nach Nichtstun, Chillen, Dolce far niente? Können durchaus Aspekte sein, aber „Ich lehne mich zurück“ wird auch eine Herausforderung und harte Arbeit für mich sein, denn ich meine das wortwörtlich :-).

Dieses Motto drängte sich während des Verfassens meines Jahresrückblicks 2021 immer mehr in den Vordergrund. Das Schreiben war spannend, erleichternd, klärend und erhellend, und führte bei mir zu Erkenntnissen und Aha-Erlebnissen und dem Begreifen von Zusammenhängen.

In der Erinnerung sehe ich die Dinge zum ersten Mal richtig – so, wie sie sind. Weil ich mich ihnen in der Stille ganz konzentriert widmen kann, unabgelenkt von dem sonstigen Geschehen, das sie bei der ersten Begegnung umspült hat.

Die erinnerte Gegenwart als die besonnene Gegenwart, die nicht nur Wucht des Eindrucks ist, sondern Erkenntnis.

Pascal Mercier

Mein Leben schlug letztes Jahr eine neue Richtung ein. Ich begebe mich daher im neuen Jahr auf eine ungewisse, aber verheissungsvolle Reise. 2022 werden sicherlich neue Skills von mir verlangt, eingefahrene Verhaltensweisen hinterfragt und angepasst werden. Ich weiss, dass sich meine veränderte Lebensenergie auch auf mein Auftreten und Handeln auswirken wird. Und wenn ich ehrlich bin – ich freue mich total darauf.

Ich kann mich nicht erinnern, je Vorsätze gefasst zu haben. Wollte ich etwas in meinem Leben ändern, dann tat ich das ab sofort und wartete sicherlich nicht bis am letzten Tag des Jahres mit der Umsetzung. Dafür wäre ich auch viel zu ungeduldig :-). Ein Jahresmotto klingt im Gegensatz zu Vorsätzen nach Möglichkeiten und Optionen und nach einem lohnenden 2022.

Ich lehne mich zurück und meine Körperhaltung verbessert sich

Während des letzten Jahres verbrachte ich die meiste Zeit als Banane. Bananen enthalten neben vielen Vitaminen auch Mineral- und Ballaststoffe sowie Antioxidantien, kurz gesagt, sie sind gesund. Allerdings sind sie auch krumm.

Diese krumme Haltung mag der Banane gut anstehen, mir tut sie nicht gut. Die gebückte Haltung führt zu Rückenschmerzen und eingeschränkter Lungenkapazität. Ich brauchte immer länger, um abends meine Wirbelsäule frei und gerade zu atmen und bemerkte, dass mir immer öfter im wahrsten Sinne des Wortes die Luft ausging. Auch lag der Fokus meines Blickes vermehrt auf dem Boden und immer seltener liess er einen Rundblick zu.

Wie arbeite ich an meiner Haltung?

  • Ich stelle mich mehrmals täglich an eine Wand. Meine Fersen berühren die Wand, mein Rücken drückt sich an die Wand. Nun neige ich den Kopf so lange nach hinten, bis er ebenfalls die Wand berührt.
  • Anfangs hatte ich Angst nach hinten zu fallen, so krumm war als gerade abgespeichert. Das Wissen, dass sich hinter mir eine stabile Wand befindet, die mich im Prozesse unterstützt, half mir aber, mich zurückzulehnen.
  • Ich verharre einen Augenblick in dieser Position. Aufmerksam. Wenn es sich unwohl oder schmerzhaft anfühlt, atme ich mehrere Male aufmerksam durch. Ich weiss, dass mich meine momentanen Eindrucke in die Irre führen möchten.
  • In einem weiteren Schritt umarme ich die Welt. Das Heben und Ausstrecken der Arme führt zu einer erneuten Streckung und einer Öffnung. Auch in dieser Position verharre ich eine Weile.

Ich lehne mich zurück und warum der Kartoffelsack ins Spiel kommt

Die Banane war auch an Sitzungen in der Schule präsent. Statt einfach zurückzulehnen und zuzuhören, sass sie vornübergebeugt da, immer auf dem Sprung. Bereit zu reagieren und zu kommentieren. Angespannt und krumm.

Ich lehne mich zurück, soll sich auch an Sitzungen zeigen. Aus diesem Grund wird die Banane durch den gefüllten Kartoffelsack ersetzt. Sitzungen vor Ort finden in der Regel in einem Sitzungszimmer statt. Alle setzen sich hin und stehen erst wieder auf, wenn die Sitzung beendet ist.

Und da kommt der Kartoffelsack ins Spiel. Ein Kartoffelsack hängt bequem im Stuhl. Die einzelnen Kartoffeln verteilen sich auf der vorhandenen Fläche und geben Stabilität und Ruhe, nichts verrutscht. Befinde ich mich in diesem Zustand, lehne ich mich bewusst zurück, so kann ich in Ruhe zuhören, mir meine Gedanken machen, ohne direkt aktiv zu werden.

Diese Haltung habe ich während den Onlinesitzungen der letzten Monate bereits geübt. Ich bin viel entspannter, wenn ich vom Sofa aus an einer Sitzung teilnehme.

Ich lehne mich zurück oder ich fokussiere mich auf mich selbst

Meine alte Energie war unerschöpflich, pulsierend, immer im Aktion und verhalf mir zu unbeschreiblichen Erlebnissen. Meine neue Energie ist sanfter, weniger nach aussen gerichtet. Welches spezielle Potenzial in ihr liegt, was sie mich erkennen und erleben lässt, werde ich sicherlich im kommenden Jahr in Erfahrung bringen.

Bisher habe ich sehr viel für unser Team gemacht. Ich organisierte Lesungen, kochte wöchentlich für 20–30 Leute Personen, coachte als Schreibberaterin die Texte unserer Schüler:innen, brachte neue Schreibimpulse ins Team und initiierte neue Wahlfächer.

Niemand hat mich zu diesen Aufgaben gezwungen. Ich machte sie alle gerne, weil sie meinen Neigungen und Talenten entsprachen. Es war mir ein Anliegen, dass die Gemeinschaft von meinen Stärken profitieren kann, schliesslich fielen mir all diese Aktivitäten leicht und bereiteten mir Freude. Sie wurden nie finanziell entschädigt, aber das war mir bisher auch egal.

Meine neue, sanftere Energie wird mir nicht mehr so viele verschiedene Aktivitäten erlauben. Darum lehne ich mich mit meinen Aktivitäten zurück. Ich überlege mir, anders als bisher, was das für mich bedeutet, wenn ich solche Aufgaben an mich reisse. Worauf verzichte ich persönlich zugunsten der Allgemeinheit? Bin ich dazu bereit oder will ich diese Zeit nicht lieber für mich einsetzen?

Und hier beginnt der schwierige Punkt an der Umsetzung. Ich werde lernen müssen, mit „Nein“ auf Bitten und Anfragen zu reagieren. Bisher sagte ich „Ja“, obwohl ich eigentlich lieber „Nein“ gesagt hätte. Ich führte mir jeweils vor Augen, dass es für mich keinen grossen Aufwand bedeutet, den Bedürfnissen anderer nachzukommen. Dass ich sie gerne unterstütze.

Aber von jetzt an wird „Nein“ zu meinem aktiven Wortschatz gehören. Ein klares „Nein“ bedeutet ein klares „Ja“ für mich!

Ich lehne mich zurück und bekomme mehr Zeit für mich

Anfangs Schuljahr schenkte mir Lydia, meine Freundin, die Happy Teaching Agenda. Dazu gab es auch unterschiedliche Kleber, die man direkt in die Termine einkleben konnte. Einer heisst „Pause für mich„. Sie hat mir sämtliche Zwischenstunden mit diesem Kleber markiert. Ich fand das süss, aber achtete nicht weiter darauf.

Das ändert sich von jetzt an. Ich nutze diese Zeit, um still zu werden. Nichts für die Arbeit zu tun. Auf mich zu hören. Während dieser Zeit lasse ich meinen Gedanken freien Lauf. Wenn es passt, schreibe ich von Hand. So verbinde ich mich mit meinem Unterbewusstsein und schaffe Platz für die Kreativität.

Was geschrieben werden will, soll seinen Weg auf das Papier finden. Zweckfrei und ohne Bewertung. Das wichtigste ist aber wohl, dass ich mir kein schlechtes Gewissen erlaube, weil ich vordergründig nichts tue.

Ich bin sicher, dass noch ganz viel in mir schlummert, das sich lohnt, entdeckt zu werden. Dafür will ich mir Zeit schenken. Gleichzeitig will ich liebevoller mit mir umgehen, den Fokus auf mich, statt auf das Aussen richten. Was brauche ich? Was würde mir jetzt Freude bereiten? Ein Schaumbad? Einen Nachmittag bei einer Freundin oder an der Sonne verbringen?

Auch zu Hause organisiere ich mich neu. Es ist wunderbar, zusammen in der Küche zu stehen, zu schnippeln, zu kochen und zu sprechen. Gleichzeitig haben wir in den letzten Wochen und Monaten aber oft festgestellt, dass uns kaum noch Zeit bleibt, nach dem Essen und dem Abwasch noch in Ruhe zusammenzusitzen und uns auszutauschen.

Aus diesem Grunde werden wir vermehrt an den Wochenenden vorkochen und unter der Woche darauf zurückgreifen. So können wir uns liebe und wertvolle Tätigkeiten trotzdem noch ausführen, gewinnen aber unter der Woche mehr Zeit für uns.

Woran merke ich, dass ich an meinem Motto arbeite

  • Meine Körperhaltung ist gerade.
  • Mein Blick nimmt die Fülle meiner Umgebung wahr.
  • Ich übe mich im Zuhören und Beobachten
  • Ich übernehme keine Aufgaben, nur damit „man“ sie macht.
  • Meine Reaktionen sind weniger spontan und direkt, dafür reflektierter.
  • Ich werde bei einigen meiner Mitmenschen auf Unverständnis stossen, weil ich mich nicht wie gewohnt verhalte.
  • Ich lerne andere Seiten und Fähigkeiten von mir kennen, weil ich ihnen den Raum gebe, sich zu entfalten.
  • Ich habe Zeit, zu schreiben und mich weiter kennenzulernen.
  • Ich bleibe bei mir.

Fazit

Ich freue mich 2022 ganz neue Seiten an mir zu entdecken. Mein Motto „Ich lehne mich zurück“ soll mich unterstützen und stärken für eine verbesserte Haltung, für mehr Me Time und Self-Care. Durch den klaren Fokus auf mich und meine Bedürfnisse lerne ich, Grenzen zu setzen und „Nein“ zu sagen. Dadurch gewinne ich eine klare innere wie äussere Haltung, Ruhe sowie Zeit für mich und begegne mir respektvoll und wertschätzend.

4 Kommentare zu „Mein Motto für 2022 – Ich lehne mich zurück!

    1. Die Kartoffelsack-Metapher mag ich sehr. Eine Kollegin meinte zwar, es sei nicht so schmeichelnd sich mit einem Kartoffelsack zu vergleichen, aber meine Grosseltern waren Bauern 😉 …

  1. Liebe Gabriella, Du hast mich richtig mitgenommen mit Deinem Motto und an vielen Stellen habe ich mich auch selbst erkannt. An dem Ende meines Bananen-Daseins arbeite ich z.B. auch schon lange, gar nicht so leicht, die alten Muster aufzugeben. Ich freue mich schon, dass ich Dein Jahr 2022 miterleben darf und wünsche Dir alles Liebe und viel Erfolg bei der Umsetzung. Liebe Grüße, Susanne

    1. Liebe Susanne
      Danke herzlichst! Ich war die Banane schon mal los … aber dann hat sie sich (Körper)haltungsmässig wieder eingenistet. Ein durchtriebenes Früchtchen 🙂

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